Wien: Keine Lust auf Fasching

Richtig warm werden die Wiener mit dem Fasching nicht. Aufmüpfige wollen sich dennoch verkleiden, Künstler- und Konzerthaus beleben ihre Gschnas-Tradition.

Keine Lust Fasching
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Symbolbild Fasching – (c) Clemens FABRY

Manche Dinge passen einfach nicht zusammen. Der Wiener und der Fasching ist eine dieser Kombinationen, die – selbst wenn auch manchmal redlich bemüht – nie so wirklich hinhauen wollen. Gut, auch in Wien werden in Schulen und Kindergärten Faschingsfeste gefeiert, es gibt auch Wiener Faschingsgilden – ganze fünf an der Zahl, Vorarlberg hat 81 – und ab und zu auch ein Faschingsgschnas, im Seniorenheimen oder im Wirtshaus am Stadtrand. Aber so wirklich warm wird der Wiener nicht mit dem bunten Treiben. Es ist ihm irgendwie zu provinziell, zu unelegant oder schlicht zu unlustig.

Das war nicht immer so. Immerhin stammt die Wiener Balltradition, die meist als Antwort auf die Frage nach dem Wiener Fasching herhalten muss, auch von Gschnas und Redouten ab. Schuld daran ist Kaiserin Maria Theresia. Sie hat einst das Tragen von Masken im Freien verboten und somit – unbeabsichtigt – die Feste nach drinnen verlegt. Grund für das Verbot waren einerseits die Ausschreitungen – die Maskierung verlockte so manche Rivalen dazu, handgreiflich zu werden. Andererseits war der Obrigkeit die so ausgedrückte Auflehnung gegen Adel und Kirche dann doch etwas unheimlich.


Wäschermädelball. Das Maskenverbot im Freien galt für den Adel ebenso wie für das Fußvolk – Ersterer verlegte die Feste in den Redoutensaal, Zweiteres vergnügte sich auf Hausbällen oder Veranstaltungen von Innungen und Zünften – wie Wäschermädel, Schusterbuben oder Fiaker – in Wirtshäusern. So richtig nobel wurde es dann erst Anfang des letzten Jahrhunderts. 1935 etwa fand der erste Opernball statt.

Aber zurück zum Fasching. „Die Tradition geht bis ins Mittelalter zurück“, sagt Lothar Reitinger, Präsident des Landesverbandes Wien und Burgenland vom Bund Österreichischer Faschingsgilden. Obwohl der Landesverband nur insgesamt zehn Mitgliedsgesellschaften, sprich Gilden, zählt, ist Reitinger dieser Tage schwer im Einsatz. Gestern, Samstag, ging mit dem 19. Wiener Faschingsumzug in Währing die größte Veranstaltung über die Bühne. Die Zeiten, in denen in Wien der Faschingsumzug über den Ring geführt hat, sind längst vorbei. „Vor 19 Jahren sind wir zuletzt über den Ring marschiert“, sagt der Faschingspräsident. Davor war das mit dem Fasching noch leichter in Wien. Die Kaufmannschaft hatte eine eigene Gilde und war allein des Geschäftes willen um großen Trubel bemüht. „Helmut Zilk war auch ein großer Förderer“, sagt Reitinger.

Aus Geldgründen zog sich die Wirtschaftskammer aus dem bunten Treiben zurück. Die Umzüge fanden wieder in den Bezirken statt. Von dort kommen auch die Gilden: Döbling, Meidling, Jedlersdorf, Ober St. Veit und Währing. Jedes Jahr organisiert übrigens eine andere Gilde den großen Umzug. Heuer hatte Währing die Ehre.

Finanziell war es heuer für die Faschingsgilde besonders eng. 25.000 Euro kostet laut Reitinger so ein Umzug. Dekoration der Fahrzeuge und Verkleidungen sind dabei nicht eingerechnet, die zahlen die Teilnehmer selbst. Aber Straßensperren und Sicherheitspersonal müssen bezahlt werden, ebenso wie die Verköstigung für die rund 400 Umzugsteilnehmer, Musikkapellen, und die Abgaben an die AKM. „Früher wurden wir von der Stadt Wien unterstützt. Heuer wurde die Förderung gestrichen“, sagt Reitinger. Auch Sponsoren fielen diesmal aus. „Irgendwann“, meint er, „geht einem die Luft aus.“

Richtig erholsam dürfte für den einstigen Volksschuldirektor das Faschingstreiben hingegen im Burgenland sein. Dort ist man – vom Bürgermeister und Bankdirektor abwärts – stolz darauf, Teil der Veranstaltung zu sein. „In Oberpullendorf sperren am Faschingsdienstag zwei Drittel aller Geschäfte zu. Da machen alle mit. Aber in Wien kann ich ja schwer zum Billa gehen und die Kassiererinnen bitten, sich zu verkleiden.“

Überhaupt dürfte das mit dem Verkleiden den Wienern nicht so liegen. Seit Jahren versuchen die Gilden auch die Zuschauer – deren Zahl immerhin mit 20.000 bis 30.000 angegeben wird – dazu zu überreden, doch wenigstens einen bunten Hut aufzusetzen – vergeblich. „Das ist etwas, was dem Wiener nicht liegt. Das liegt wohl nicht in seiner Mentalität“, meint Reitinger.

Vereinzelt wird der Vorherrschaft des formellen Balls (bei dem sich so mancher Wiener, meint Thomas Schäfer-Elmayer, ohnehin verkleidet fühle) dennoch der Kampf angesagt. Pünktlich zu Faschingsbeginn und zum 150.Geburtstag des Wiener Künstlerhauses stieg dort nach fast 30-jähriger Pause eine Neuauflage des Künstlerhausgschnas. Das war einst, neben dem Secessionsgschnas, legendär, sogar der Begriff soll davon stammen: Im Wienerischen des 19. Jahrhunderts stand „Gschnas“ für Abschnitzel und Überbleibsel – Material, aus denen die Künstler Faschingskostüme bastelten.


Trash und Sauschädl. Dem entspricht der neue Style Guide, der die Verwendung von Verpackungsmaterial, Folien und Christbaumschmuck nahelegt. Initiiert hat das Fest Beppo Mauhart, Ex-Austria-Tabak-Vorstand, ÖFB-Präsident (und gebürtiger Oberösterreicher), der im Verein Wink an der Renovierung des Hauses arbeitet. Finanziell war die Premiere mit elektronischer Musik zwar noch kein Erfolg, sagt er, gemessen am Publikumserfolg aber schon. Eine jährliche Wiederholung ist geplant.

Reiner Zufall sei es, dass heuer auch das Konzerthaus sein Gschnas nach gut 20 Jahren wiederbelebt. Intendant Bernhard Kerres ist vor drei Jahren in London ein Buch in die Hand gefallen, in dem vom „Wolfgangseegschnas“ im Konzerthaus die Rede ist. Seither keimte in ihm die Idee; morgen, am Rosenmontag, ist es so weit. Kreieren will man freilich keine Wolfgangsee-Idylle mehr, sondern lieber „Rio“-Flair.

Unkomplizierter und lustiger als ein Ball soll die Tanzveranstaltung sein, sagt Kerres, „das passt gut zum Konzerthaus.“ Thomas Schäfer-Elmayer hat eine Eröffnung mit Lateintänzen vorbereitet, die erste ihrer Art. Wer nicht im südamerikanischen Karnevalskostüm kommen möchte, muss Ballkleid, Anzug oder Smoking tragen. „Trash oder Tracht“ war das Motto beim Sauschädlball, der gestern auf der Summerstage gefeiert wurde. Den haben sich aber auch keine Wiener einfallen lassen. Der Organisator ist ein Steirer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2012)

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