Frisiersalon als Post: Haariger Start

02.04.2012 | 18:14 |  von Köksal Baltaci (Die Presse)

In Wien Hernals hat erstmals ein Friseursalon eine Postfiliale übernommen. Der erste Tag wurde für Kunden wie Angestellte zur Geduldsprobe. Derzeit gibt es in Wien 111 Postfilialen und 19 Post-Partner.

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Wien. Hektisches Treiben herrscht am Montagmorgen in der Postfiliale Neuwaldegger Straße in Wien Hernals. Vom einzigen Schalter, der in Betrieb ist und von gleich drei Mitarbeitern betreut wird, reicht die Schlange bis vor den Eingang. Wartende Kunden mit strapazierten Nerven und ein latent überfordertes Personal – auf den ersten Blick ein ganz gewöhnlicher Tag in einem Postamt.

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Und doch ist in dieser Filiale etwas anders. Seit Montag wird sie nämlich vom angrenzenden Friseursalon „Art on Hair“ betrieben, die Mitarbeiter sind keine Postbeamte, sondern Angestellte des Salons. Eigentümerin Eva Becker ist die erste Friseurin Österreichs, die sich im vergangenen September dazu überreden ließ, die von der Schließung bedrohte Filiale als Post-Partnerin zu übernehmen. Die Freude über ihr künftiges zweites Standbein wurde aber gleich am ersten Tag heftig getrübt.

„Die Post hat uns entgegen ihren Versprechungen ein Chaos hinterlassen“, beklagt Becker. „Nicht nur, dass wir ihren Mist aufräumen mussten, es fehlt auch an Kuverts und Paketen für die Regale, die – wie Sie sehen können – leer sind.“ Zudem sei das vorhandene Geld nicht ordentlich registriert gewesen und man habe ihr nur einen von drei Schaltern für die Inbetriebnahme zur Verfügung gestellt. „Wie würde es Ihnen gehen, wenn Sie eine halbe Stunde warten müssten, um einen Brief aufzugeben?“, so die Friseurmeisterin. „Bei der Post weiß eine Hand nicht, was die andere macht. Das muss sich ändern. Als Geschäftsfrau lass ich mir so etwas nicht gefallen. Meine Kunden stehen schließlich an erster Stelle.“

Für die Post nur ein „klassisches Missverständnis“. „Frau Becker bat uns, bloß nichts zu verstellen, was wir offenbar falsch gedeutet haben. Mittlerweile haben wir ihr Leute geschickt, die ihr helfen.“Auch den Mitarbeitern geht der erste Tag „an die Substanz“, wie Marlies Vergeiner bekennt. „Obwohl wir im Vorfeld zwei Tage lang eingeschult wurden, gestaltet sich die Arbeit schwieriger als gedacht.“ Mit diesem Andrang habe sie nicht gerechnet.

„Die Post hat uns zwar in der Theorie eingeschult, aber in der Praxis ziemlich planlos zurückgelassen“, sagt ihre Chefin, die noch Großes vorhat. Im Juni soll ein Teil der Wand zwischen Salon und der Filiale durchgebrochen werden, um das Geschäft zu vergrößern und ein „Day-Spa-Zentrum“ daraus zu machen. „Bestehend aus einem Friseursalon, einem Kosmetikstudio und einem Bereich für Körperbehandlungen sowie Fußpflege“, schwärmt Becker.

 

„Hauptsache, Filiale erhalten“

Zwiespältig betrachten die Kunden in Hernals den neuen Post-Partner. „Die Hauptsache ist, dass uns die Filiale hier erhalten bleibt“, sagt Anrainerin Barbara Gasselich. „Von wem sie betrieben wird, ist zweitrangig.“ Skeptischer zeigt sich Daniela Fuchs, die ebenfalls in der Nähe wohnt. „Ich finde es seltsam, dass dieses Postamt jetzt einem Friseursalon gehört. Das führt doch zur Degradierung einer professionalisierten Dienstleistung, die zuvor von ausgebildeten Postangestellten erbracht wurde.“

Noch bis vor einem Jahr hatte Wien im Übrigen nichts mit Postamtschließungen aus Kostengründen zu tun – bisher war nur die Landbevölkerung davon betroffen. 1270 Post-Partner wurden in den letzten Jahren in ganz Österreich eingerichtet, im Schnitt bekommen sie dafür 15.000 Euro pro Jahr. Seit dem Frühjahr 2011 stehen auch in Wien Schließungen an. Rund 50 Filialen sollen bis Ende 2012 durch Bawag-PSK-Filialen oder Post-Partner ersetzt werden.

Derzeit gibt es in Wien 111 Postfilialen und 19 Post-Partner – darunter Apotheken, Office-Shops und Lebensmittelgeschäfte. Dort können Kunden Briefe und Pakete aufgeben sowie kleinere Bankgeschäfte wie Überweisungen und Einzahlungen tätigen. Bis Ende 2012 soll es, inklusive der Bawag-PSK-Filialen, zwischen 100 und 110 Post-Standorte und zusätzlich 25 bis 30 Post-Partner geben.

Auf einen Blick

Post-Partner. Derzeit gibt es in Wien 111 Postfilialen und 19 Post-Partner. Bis Ende 2012 soll es, inklusive Bawag-PSK-Filialen, zwischen 100 und 110 Post-Standorte und zusätzlich 25 bis 30 Post-Partner geben. Aktuelle Zahl an Briefkästen in Wien: 1185.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2012)

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19 Kommentare
Gast: knowing it
03.04.2012 16:16
0 0

Was die Zukunft bringt

Die hat den Postpartner-Vertrag gemacht um ihr Geschäftslokal erweitern zu können - wird diesen Vertrag maximal bis zur festgelegten Bindungsfrist erfüllen und dann wird sie das Postpartner sein bleiben lassen.
Die Post hat ihr Amt los.
Die Friseurin ihr großes Lokal.
und die Postkunden müssen dann endlich nicht mehr in der Schlange stehen.
Alles wird gut !

Gast: PostKunde
03.04.2012 14:40
0 0

Synergieeffekte

Warum in einem Friseursalon? Warum dann nicht gleich in einer GoGo-Bar oder einem Puff?!

Das "Service" der Damen geht jedenfalls viel schneller als es üblicherweise auf dem Postamt dauert, einen Brief aufzugeben. Viele Synergieeffekt: die Ehemänner können mit gutem Gewissen sagen: War ja eh nur auf der Post, um einen Brief aufgeben.

Dient ja auch der "Nahversorgung" - und schlechter kann das Service ohnehin nicht mehr werden!

Antworten Gast: gastgats
04.04.2012 09:44
0 0

Re: Synergieeffekte

Geh bitte, warum im Friseursalon fragen sie?..Naja, weil die Dame sich eben dazu bereit erklärt hat, sonst gebs da jetzt eben keine Post mehr. Aber Hauptsache sudern.

hihihi....wie am Land

in der Slowakei

Neue Outsourcingideen sind gefragt

Fleischhauer und Polizeirevier
Brantweiner und Feuerwehrquartier
am besten gefiele mir aber
Parlament und Straflager

Gast: Was es nicht alles gibt
03.04.2012 08:41
1 0

Die neue Unternehmens"kultur"

Egal ob Staat oder Privat - das ist die neue Unternehmenskultur : an der Spitze Manager, denen Betrieb, Mitarbeiter und Kunden völlig egal sind und auch nichts davon verstehen. Sondern nur möglichst viel Geld für sich selbst und die Besitzergesellschaften herauspressen.

---

Wenn ich eine direkte Frage an meine Postfiliale habe, muss ich jetzt übrigens wie vor Erfindung des Telefons hingehen. Der neue 05-Zentraltelefondienst hat mich nicht mehr verbunden, um "die Mitarbeiter dort nicht bei der Arbeit zu stören".

Re: Die neue Unternehmens"kultur"

Der neue 05-Zentraltelefondienst ist eine besonders unfreundliche "Anti-Kundenservice-Idee" der Post AG.
Früher hat man als BürgerIn bei seinem Heimatpostamt, wo auch immer, bei etwaigen Nachfragen anrufen können und sich auf diese Weise einen u.U. überflüssigen Weg aufs Postamt erspart.
Genauso eliminiert ohne Ersatz die verlorengegangenen Postfächer, ohnehin unverschämt teuer, bei den aufgelassenen Postämtern.
Liebe Post AG.
Ihr tut ja schon wirklich alles, um den BürgerIn unnötig zu ärgern und zu pflanzen, Hauptsache die hohen Dividenden werden an die Shareholders ausgeschüttet.

2 0

Lächerlich

Jede einzelne Meldung rund um die Post seit gut einem Jahr ist schrecklicher als die vorhergehende, man könnte glauben es gab eine Ausschreibung wer es am schnellsten und eindrucksvollsten schafft das Post Image zu ruinieren und den Service für die normale Bevölkerung unbrauch- und vorallem unleistbar zu machen.

post

die post schafft sich selber ab zu gunsten der shareholder.

money, money, money...

Re: post

Falls es ihnen entgangen ist, der größte Shareholder ist der Staat Österreich

juhuuu

bald kann ich mein packerl beim billa, beim anker, bei der oberlaaer kurkonditorei, beim handyshop, bei der nächsten pizzabude, im nächsten puff mein packerl aufgeben.

Re: juhuuu

Schmeißen's das Packel einfach in den nächsten Mistkübel - ist auch gelb.

Gast: nonSense
02.04.2012 21:53
8 0

nicht, dass man an modernste Kommunikation denkt

. . . die Post hat die digitale Epoche, so wie alle öffentlichen Institute verschlafen.
Ein Computerfreak hätte noch vor einem Jahrzehnt das modernste Kommunikationsunternehmen schaffen können.
Doch was jetzt passiert, ist der Sargnagel einer Institution.

Gast: Gast99
02.04.2012 20:25
5 0

Daniela Fuchs

Gibt es diese "Daniela Fuchs" wirklich oder ist das die Kopfgeburt eines Journalisten? Das Zitat scheint doch eher unwahrscheinlich.

Gast: gasti
02.04.2012 20:01
6 0

Das führt doch zur Degradierung einer professionalisierten Dienstleistung, die zuvor von ausgebildeten Postangestellten erbracht wurde.

was für ein witz

bei diesen ausgebildeten postangestellte warte ich zwischen 15-20min in der filiale, um einen einzigen eingeschriebenen brief aufgeben zu dürfen

2 1

Re: Das führt doch zur Degradierung einer professionalisierten Dienstleistung, die zuvor von ausgebildeten Postangestellten erbracht wurde.

Sehr geistreich. Sie werden wohl nicht so lange warten, weil die so lange mit der Bearbeitung brauchen, sondern weil sie unterbesetzt sind.

Antworten Antworten Gast: rbw
03.04.2012 07:14
1 0

Das führt doch zur Degradierung einer professionalisierten Dienstleistung, die zuvor von ausgebildeten Postangestellten erbracht wurde.

Also bitte es ist doch keine hoch wissenschaftliche Aufgabe für die man ausgebildet sein muss, um auf einem PostAMT tätig zu sein. Eine ordentliche Einschulung reicht hier doch. Ich würde ja einen Briefaufgabe und Paketausgabeautomaten jederzeit vorziehen. Von daher kann ich auch nur begrüßen, wenn das nun andere Unternehmer mitübernehmen. Ich hab den Effizienzgedanken in diesem Bezug noch nicht zu Grabe getragen. Es bleibt also Hoffnung.

Re: Re: Das führt doch zur Degradierung einer professionalisierten Dienstleistung, die zuvor von ausgebildeten Postangestellten erbracht wurde.

Egal. Das Service wird immer mieser.

Antworten Antworten Gast: gasti
02.04.2012 23:38
3 0

Re: Re: Das führt doch zur Degradierung einer professionalisierten Dienstleistung, die zuvor von ausgebildeten Postangestellten erbracht wurde.

ja die sind echt unterbesetz, deshalb sind auch meist 1-2 schalter von 4 offen und hinten sieht man 3 weitere personen rumrennen, die alles mögliche tun, um nur nicht zum schalter zu kommen

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