Frisiersalon als Post: Haariger Start

In Wien Hernals hat erstmals ein Friseursalon eine Postfiliale übernommen. Der erste Tag wurde für Kunden wie Angestellte zur Geduldsprobe. Derzeit gibt es in Wien 111 Postfilialen und 19 Post-Partner.

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(c) Clemens Fabry

Wien. Hektisches Treiben herrscht am Montagmorgen in der Postfiliale Neuwaldegger Straße in Wien Hernals. Vom einzigen Schalter, der in Betrieb ist und von gleich drei Mitarbeitern betreut wird, reicht die Schlange bis vor den Eingang. Wartende Kunden mit strapazierten Nerven und ein latent überfordertes Personal – auf den ersten Blick ein ganz gewöhnlicher Tag in einem Postamt.

Und doch ist in dieser Filiale etwas anders. Seit Montag wird sie nämlich vom angrenzenden Friseursalon „Art on Hair“ betrieben, die Mitarbeiter sind keine Postbeamte, sondern Angestellte des Salons. Eigentümerin Eva Becker ist die erste Friseurin Österreichs, die sich im vergangenen September dazu überreden ließ, die von der Schließung bedrohte Filiale als Post-Partnerin zu übernehmen. Die Freude über ihr künftiges zweites Standbein wurde aber gleich am ersten Tag heftig getrübt.

„Die Post hat uns entgegen ihren Versprechungen ein Chaos hinterlassen“, beklagt Becker. „Nicht nur, dass wir ihren Mist aufräumen mussten, es fehlt auch an Kuverts und Paketen für die Regale, die – wie Sie sehen können – leer sind.“ Zudem sei das vorhandene Geld nicht ordentlich registriert gewesen und man habe ihr nur einen von drei Schaltern für die Inbetriebnahme zur Verfügung gestellt. „Wie würde es Ihnen gehen, wenn Sie eine halbe Stunde warten müssten, um einen Brief aufzugeben?“, so die Friseurmeisterin. „Bei der Post weiß eine Hand nicht, was die andere macht. Das muss sich ändern. Als Geschäftsfrau lass ich mir so etwas nicht gefallen. Meine Kunden stehen schließlich an erster Stelle.“

Für die Post nur ein „klassisches Missverständnis“. „Frau Becker bat uns, bloß nichts zu verstellen, was wir offenbar falsch gedeutet haben. Mittlerweile haben wir ihr Leute geschickt, die ihr helfen.“Auch den Mitarbeitern geht der erste Tag „an die Substanz“, wie Marlies Vergeiner bekennt. „Obwohl wir im Vorfeld zwei Tage lang eingeschult wurden, gestaltet sich die Arbeit schwieriger als gedacht.“ Mit diesem Andrang habe sie nicht gerechnet.

„Die Post hat uns zwar in der Theorie eingeschult, aber in der Praxis ziemlich planlos zurückgelassen“, sagt ihre Chefin, die noch Großes vorhat. Im Juni soll ein Teil der Wand zwischen Salon und der Filiale durchgebrochen werden, um das Geschäft zu vergrößern und ein „Day-Spa-Zentrum“ daraus zu machen. „Bestehend aus einem Friseursalon, einem Kosmetikstudio und einem Bereich für Körperbehandlungen sowie Fußpflege“, schwärmt Becker.

 

„Hauptsache, Filiale erhalten“

Zwiespältig betrachten die Kunden in Hernals den neuen Post-Partner. „Die Hauptsache ist, dass uns die Filiale hier erhalten bleibt“, sagt Anrainerin Barbara Gasselich. „Von wem sie betrieben wird, ist zweitrangig.“ Skeptischer zeigt sich Daniela Fuchs, die ebenfalls in der Nähe wohnt. „Ich finde es seltsam, dass dieses Postamt jetzt einem Friseursalon gehört. Das führt doch zur Degradierung einer professionalisierten Dienstleistung, die zuvor von ausgebildeten Postangestellten erbracht wurde.“

Noch bis vor einem Jahr hatte Wien im Übrigen nichts mit Postamtschließungen aus Kostengründen zu tun – bisher war nur die Landbevölkerung davon betroffen. 1270 Post-Partner wurden in den letzten Jahren in ganz Österreich eingerichtet, im Schnitt bekommen sie dafür 15.000 Euro pro Jahr. Seit dem Frühjahr 2011 stehen auch in Wien Schließungen an. Rund 50 Filialen sollen bis Ende 2012 durch Bawag-PSK-Filialen oder Post-Partner ersetzt werden.

Derzeit gibt es in Wien 111 Postfilialen und 19 Post-Partner – darunter Apotheken, Office-Shops und Lebensmittelgeschäfte. Dort können Kunden Briefe und Pakete aufgeben sowie kleinere Bankgeschäfte wie Überweisungen und Einzahlungen tätigen. Bis Ende 2012 soll es, inklusive der Bawag-PSK-Filialen, zwischen 100 und 110 Post-Standorte und zusätzlich 25 bis 30 Post-Partner geben.

Auf einen Blick

Post-Partner. Derzeit gibt es in Wien 111 Postfilialen und 19 Post-Partner. Bis Ende 2012 soll es, inklusive Bawag-PSK-Filialen, zwischen 100 und 110 Post-Standorte und zusätzlich 25 bis 30 Post-Partner geben. Aktuelle Zahl an Briefkästen in Wien: 1185.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2012)

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