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Breivik-Prozess: Ein Protokoll des Grauens

16.04.2012 | 18:17 |   (Die Presse)

In Oslo begann das Verfahren gegen den Rechtsextremen Anders Breivik, der vorigen Juli 77 Menschen tötete. Die detaillierte Anklageschrift kündete von den Horrorszenen, Breiviks Gesicht jedoch von Stolz.

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Es sind Aufnahmen, die das Grauen des 22. Juli 2011 wieder wach werden lassen. „Hier wird geschossen, viele sind verletzt“, flüstert eine vor Angst fast erstickte Mädchenstimme im Notruf der Polizei, und als der Beamte in der Alarmzentrale ruhig versucht, mehr zu erfahren, folgt der Aufschrei: „Er kommt herein!“

Schüsse sind zu hören, Beate Tårnes hat sich auf der Toilette eingeschlossen und wagt kaum zu atmen. Mit starrem Blick sitzt der Mann, der diese Angst verursachte, jetzt auf der Anklagebank in Oslos „Tingsrett“ und hört der Wiedergabe des Notrufs äußerlich unberührt zu. Anders Behring Breivik, der 77 Menschen auf dem Gewissen hat, bereut nichts, das hat er stets betont, er kneift nur die Augen zusammen, als er hört, wie Beate haucht: „Jetzt ist es still.“ Gleich darauf knallt es wieder. Es sind die Schüsse, die in jenen Minuten sieben ihrer Freunde töteten.

Im Gerichtssaal 250 bekommen die Opfer Namen. In juristisch trockener Sprache, aber mit einer Stimme, die vom Druck der Gefühle überwältigt zu werden droht, trägt Inga Bejer Engh die 18-seitige Anklage gegen den 33-jährigen rechtsradikalen Attentäter vor. Sie wirft ihm „sehr ernsthafte Verbrechen in einem Umfang, wie wir sie in Friedenszeiten in unserem Land nicht gesehen haben“, vor: die Bombe im Osloer Regierungsviertel, die acht Menschen tötete und Dutzende verletzte, und das Massaker im Ferienlager auf der Insel Utøya, wo 69 Menschen, großteils Jugendliche starben.

 

Schicksal für Schicksal

Namen für Namen, Schicksal für Schicksal nennt Bejer Engh die Opfer. Da ist die Älteste, die damals 61-jährige Hanne Marie Endresen, die im Empfangsbereich des Regierungsgebäudes stand und von der Druckwelle zerfetzt wurde. Da ist Sharidan Meegan, der Breivik Lunge und Hauptschlagader durchschoss, und die verblutete, kurz bevor sie 14 werden sollte. Mit drei Schüssen tötete Breivik die 17-jährige Andrine Espeland, nur Minuten, ehe er sich verhaften ließ. Er schoss Fliehenden nach, lockte Jugendliche dank seiner falschen Polizeiuniform aus ihren Verstecken, und wenn er sie getroffen hatte, schoss er nochmals, damit sie wirklich tot waren. 70 Minuten dauert die Auflistung der Opfer, unterbrochen nur, wenn die Anklägerin ein Taschentuch oder etwas Wasser braucht. Das ist etwa so lange, wie Breivik benötigte, all diese Menschen umzubringen.

Vom Angeklagten durch eine schusssichere Glaswand getrennt, sitzen Überlebende und Hinterbliebene. Vorn thront Breivik emotionslos. „Nicht schuldig“, sagt er. Zwar habe er getan, was man ihm vorwerfe, aber Strafschuld sehe er nicht. Notwehr macht er geltend, wegen der „Islamisierung Europas“. Überdies erkenne er die Legitimität eines Gerichts nicht an, das von Parteien eingesetzt wurde, die Multikulturalismus förderten.

 

Die Faust zum Gruß geballt

Im schwarzen Anzug mit braunem Schlips, pomadigem Haar und pedantisch gestutztem Bart hatte er das Gericht betreten und, als die Handschellen abgenommen waren, die rechte Faust zu einem „rechtsradikalen Gruß“ geballt. Manchmal grinst er, wenn Svein Holden, der zweite Ankläger, den Werdegang Breiviks beleuchtet: Wie er mit dem Handel mit Schwindeldiplomen ein Vermögen machte, dann aber mittellos zu seiner Mutter zog; wie er ein ganzes Jahr lang nur Computer spielte, meist „World of Warcraft“; wie er seine Uniform zusammenkaufte, mit dem Emblem des „Marxistenjägers“, das ihm erlaubte, „Multikulti-Verräter“ zu töten; wie er Waffen beschaffte und den Hof mietete, wo er die Bombe baute.

Ohne Anflug von Bedauern sieht er zu, als man Filme von Überwachungskameras vorspielt, die die Explosion zeigen. Eine Frau geht am von Breivik geparkten Kleinlaster vorbei. Ein Feuerball. Dann fehlen von Auto und Frau jede Spur. Breivik lächelt, fast stolz.

 

Weinender „Kreuzfahrer“

Weniger cool bleibt er, als der Staatsanwalt ein zwölfminütiges Video zeigt, das Breivik vor der Tat ins Internet gestellt hatte. Holden nennt es Kurzfassung des 1800-seitigen „Manifests“, das Breivik (angeblich im Auftrag eines „Tempelritterordens“) über den „vorbeugenden Krieg“ gegen Europas „islamische Kolonisierung“ schrieb. Der Film ist ein Pamphlet aus 99 Standbildern, unterlegt mit sentimentaler Musik und Hetztexten, doch als Breivik sich in Uniform mit „Kreuzfahrern und Freiheitshelden“ wie Richard Löwenherz und El Cid, Johann Sobieski und Vlad Tepes („Dracula“ genannt) sieht und der Kampfruf „Onward, Christian Soldiers!“ kommt, da übermannen den kalten Mann Gefühle. Er wischt sich über die Augen und versucht, Tränen zu unterdrücken.

Als Holden zum Horror von Utøya kommt, hat sich Breivik wieder gefangen. Der Staatsanwalt dokumentiert jeden Mordplatz, listet auf, wo er wen erschoss. Breivik hört zu, als folge er einer Vorlesung, die ihn nichts angeht. Er reagiert kaum, als man die zwei Telefonate abspielt, in denen er sich als „Kommandant der antikommunistischen Widerstandsbewegung gegen die Islamisierung Europas vorstellt“, angibt, man habe eine „Operation vollführt“ und wolle sich ergeben. Dann legte er auf und schoss weiter. Fünf Menschen starben nach dem zweiten Telefonat.

Die Verteidigung lud 29 Zeugen, darunter Islamisten. Der Prozess wird fortgesetzt, ein Urteil wird für Juli erwartet. Die Anklage will Breiviks Verwahrung in der Psychiatrie beantragen, behält sich aber vor, für Haft zu plädieren, sollte sich die Beweislage ändern. Verteidiger Geir Lippestad will die Straffähigkeit seines Klienten herausstreichen. Siehe auch S. 23

Auf einen Blick

Der Prozess ist für mehrere Monate anberaumt, mehr als 150 Zeugen sind geladen. Ein Urteil wird für Juli erwartet. Breivik droht die Höchststrafe von 21 Jahren – falls er aber für unzurechnungsfähig erklärt wird, kommt er in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher, in der er theoretisch den Rest seines Lebens verbringen könnte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2012)

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242 Kommentare
 
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Bei dem Prozess wird die Demokratie am Nasenring durch den Gerichtssaal gezogen!


Ein sehr, sehr krankes Hirn,

das zeigen die Aussagen, die ermachen darf, überdeutlich. Es wird lebenslange Verwahrung in einer Anstalt für geistog abnorme rechtsbrecher werden, alles andere wäre für diesen Psychopathen eine Belohnung!

Gast: Geri46
17.04.2012 19:54
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Aufgestaute Wut

Ein Wunder, dass bei Fischer, Faymann und Häupl bei uns noch keiner rot gesehen hat.

Gast: Gerd
17.04.2012 18:44
8 8

Erinnern wir uns: Quelle: Die Presse

Vater reicher Sozialist
Mutter Emanze
Patchwork Familie
Israel und Churchill Fan
Freimaurer

Für alle im Forum die immer "Rechter" schreien...

Re: Erinnern wir uns: Quelle: Die Presse

Verdrängung?

?

Und welcher dieser Punkte soll mit rechtem Gedankengut unvereinbar sein?
Zu bestreiten, dass Breivik ein Rechtsextremist ist, ist angesichts seiner Aussagen einfach nur lächerlich.

er muß sich bei

den Medien bedanken, die ihm die Bühne bieten!

Re: er muß sich bei

richtig; es zeigt das die Qualität der nachrichtlichen Berichterstattung an sich. Aber die Bühne hat er jetzt noch knapp zehn Wochen; dann wird er vermutlich den Rest seines Lebens in einem Gefängnis verschwinden. Hoffentlich lässt man ihn dort schwer arbeiten, das täte ihm sehr gut.

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Re: er muß sich bei

Für die Medien ist es problematisch, die stehen ja gegeneinander im Wettbewerb. Wenn es einer bringt müssen es alle bringen, weil die Leute sind interessiert.

Hauptschuldiger ist der Richter, der das zulässt. Dieser allein. Der gehört hinter Gitter.

Re: Re: er muß sich bei

Der Richter gehört zur Judikative und ist weder einfacher noch verfassungsrechtlicher Gesetzgeber. Er KANN an der Medienbeteiligung nichts ändern, selbst wenn er es wollte.

Gefordert ist der Gesetzgeber, der für derartig prekäre Fälle Normen erlassen sollte, um nur ausgesuchten Medienvertretern Zugang zu gewähren. Das würde auch den Wettbewerb zwischen den einzelnen Zeitungen unterbinden.

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Re: Re: Re: er muß sich bei

Ich weiß freilich nicht, wie das in Norwegen ist, aber bei uns kann Publikum und Presse ausgeschlossen werden. Zumindest teilweise. Es hätte ja gereicht, wenn es ein Fotografierverbot gegeben hätte und die Öffentlichkeit von der Brandrede ausgeschlossen worden wäre. Das ist doch wirklich entbehrlich.

Re: Re: Re: Re: er muß sich bei

Es gibt in Strafverfahren bei mündlichen Verhandlungen den Öffentlichkeitsgrundsatz. Das heißt, Verfahren müssen öffentlich sein, das schreibt schon die Europäische Menschenrechtskonvention vor. Ausschluss der Öffentlichkeit gibt es nur in absoluten Ausnahmefällen, beispielsweise in Fällen, wo es um Vergewaltigung (also um sehr persönliche Details) geht.

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Re: Re: er muß sich bei

Wahrscheinlich wird diese Vorgangsweise von der norwegischen Strafprozessordnung so vorgesehen sein!
Jedem Richter sind dadurch Grenzen gesetzt!

TV Spektakel

ich verstehe nicht warum er sich so präsentieren darf. - meiner Meinung nach gehört der Prozess ausgeschlossen von den Medien geführt..

Re: TV Spektakel

Auch Ihnen möchte ich Art. 6 EMRK ans Herz legen, wo die Öffentlichkeitsmaxime normiert ist.

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Re: TV Spektakel

Ja, es ist mir auch unverständlich. Die klare Botschaft lautet damit ja: Richte ein Massaker an, dann geben wir Dir eine Bühne. Norwegen sucht den Superstar.

Das Interesse ist selbstverständlich da und es muss berichtet werden. Es ist aber wirklich entbehrlich, dass schon vor Monaten sein Traktat herunterladbar war und er jetzt eine großartige Weltbühne bekommt. Man muss leider sagen, dass er aus seiner Warte tatsächlich das Richtige getan hat.

Gast: 4545
17.04.2012 16:29
5 5

Al-Qaida,

Breivik bekundet Hochachtung für Al-Qaida.

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,828103,00.html

ja, liebe Rechte so vermischen sich die Ideologien.

eigentlich sind alle militanten entweder rechts oder links.


Antworten Gast: zensor
20.04.2012 20:09
21 0

Breivik bekundet Hochachtung für Al-Qaida

Viellecht zu viel?

http://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/146038#.T5GmDVRuGsB


Gast: werbistdu
17.04.2012 16:27
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Dieser Prozess dient nur

Breivik zur Vorführung seiner Show.
Was soll das ganze Theater, alles pure Zeit, und Geldverschwendung.
In einem solchen Fall gehört die Todesstrafe vollzogen, da gehören einfach Ausnahmen gemacht, wegen der Schwere seines Verbrechens.
Alles andere als die Todesstrafe wäre ein Fehlurteil und eine Verhöhnung der Opfer.
Statt desen bekommt dieser Wahnsinnige die volle Möglichkeit, seine kranken Hirngespinste bis ins Detail vortragen zu können.
Vielleicht fühlen sich dann noch Nachahmungstäter animiert dadurch.

Re: Dieser Prozess dient nur

Und bei wievielen Hingerichteten hat sich nachträglich deren Unschuld herausgestellt. Im Fall Breivik nicht zu erwarten, aber wie soll eine klare Grenze gezogen werden, ab welchem Verbrechensausmaß di Todesstrafe verhängt werden dürfte., womöglich ohne Prozess.

Re: Dieser Prozess dient nur

Mit dem angesprochenen Wahnsinn und kranken Hirngespinsten haben Sie völlig Recht.

Aber absoluter Schwachsinn wäre, "Ausnahmen" zu machen. Das würde geltendes Recht aushebeln und den Staat Norwegen unglaubwürdig machen!

Gast: Karl Huber
17.04.2012 16:12
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Das allerschlimmste meiner Meinung isch...

Dieses unmenschliche Verbrechen wird nicht genutzt um eine kritische Diskussion zu führen sondern als Schauprozess.
Die Politik tanzt eine Klientelpolitik auf dem Grab von jungen Menschen....
Und wie immer und überall sind die Opfer die Bürger und nicht die Verantwortlichen.
Wie wenig ein Menschenleben Politikern bedeutet ist einfach zu messen. Krieg...

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Re: Das allerschlimmste meiner Meinung isch...

Unter einem Schauprozess stelle ich mir eher etwas vor, wo der Angklagte niedergemacht wird. Dem geht es aber prächtig. Der bekommt ja alles, was er will.

Gast: pour le mérite
17.04.2012 15:18
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Breivik hat diesen Prozess in seinem Sinne schon gewonnen.

Denn seine "Bühne" ist nicht der Gerichtssaal, sondern die Weltöffentlichkeit und es trat genau das ein, was er wollte.

Daß sich nämlich auf Grund der enormen Medienpräsenz inklusive Presse live ticker die halbe Welt auch mit den Hintergründen dieser von langer Hand generalstabsmäßig geplanten Wahnsinnstat auseinandersetzen wird.

Und noch eines scheint er ganz genau zu wissen.
Daß es der Presse in seinem Fall nicht gelingen wird, ihn ins inflationäre rechtsradikale Nazi-Eck zu verdammen oder als durchgeknallten Psychopathen abzutun.

Die Medien wollten diesen öffentlichen Prozess. Jetzt haben sie ihn und werden ihn verlieren.


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Re: Breivik hat diesen Prozess in seinem Sinne schon gewonnen.

er muss auch so auftreten, denn wenn er in Schuldgefühle versinkt, dann hat er vor sich verloren.
Aber er hat ja Jahrzehnte Zeit, mit seiner Tat entsprechend unseren Moralvorstellungen klar zu kommen.

Antworten Gast: Bunte Katze
17.04.2012 16:10
5 10

Re: Breivik hat diesen Prozess in seinem Sinne schon gewonnen.

Das sehe ich nicht so. Dieser Mann IST ein durchgeknallter Psychopath und im rechtsradikalen Eck steht er sowieso.

Ein paar Wochen wird über ihn berichtet, danach wird er im Gefängnis verrotten und kein Hahn wird mehr nach ihm krähen. DAFÜR hat er sein Leben "geopfert".

 
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