In Berlin wären aus den leer stehenden Geschäftslokalen im Erdgeschoß wohl längst Szeneshops geworden, in denen die boboeske Nachbarschaft Café Latte, Avocados und Rennräder gleichzeitig kaufen kann. In Wien hingegen stehen etliche Geschäftslokale in Gründerzeitbauten hartnäckig und hoffnungslos leer. Die Stadt leidet bekanntlich an fortgeschrittenem Greißlersterben – allen Wiederbelebungsversuchen zum Trotz. In einem Bereich aber sind in jüngster Zeit sehr wohl neue Impulse bemerkbar: Aus einem leeren Geschäftslokal – derzeit sind es laut Angaben der Wirtschaftskammer Wien rund 450 – wird ein Wohnzimmer.
Eine Idee, die die Architekturstudentin Katharina Fohringer zu Ende denkt: Für ihre Diplomarbeit „Wohnen im Erdgeschoß“ hat sie das Experiment „Probewohnen Parterre“ initiiert. Ein bis zwei Personen werden ab Mitte Mai zwei Wochen lang in einem Geschäftslokal in der Hernalser Hauptstraße in Wien wohnen. Anschließend berichten die Probanden über ihre Erfahrungen, die dann in die Diplomarbeit einfließen werden.
Keine Intimität, kein Licht, dafür Lärm.Das Lokal – eigentlich ein Atelier, das Fohringer mit mehreren Studenten teilt – hat zwei Ebenen, wobei sich das Schlafzimmer im ersten Stock und das Wohnzimmer direkt im „Geschäft“ (und gefühlsmäßig mitten auf der Straße) befindet.
Und genau hier erscheint das schlechte Image des Erdgeschoßes recht plausibel: keine Intimität, kein Licht, dafür Lärm, Autos und ein kleiner schwarzer Hund, der vor der gläsernen Eingangstür aufmerksam ins Wohnzimmer lugt.
Für Fohringer sind diese Nachteile nicht aus der Luft gegriffen, mit ihrem Projekt wolle sie aber auch auf die vielen Vorteile aufmerksam machen: barrierefreie Nutzung, direkter Zugang zum (begrünten) Innenhof, preisgünstig und nicht zuletzt eine Möglichkeit, die verwaisten Geschäftslokale zum Leben zu erwecken. Das Interesse an ihrem Projekt sei jedenfalls groß, erzählt sie. Insgesamt 14 Interessenten haben sich beworben, von einem pensionierten Paar bis hin zu einem 20-jährigen Abenteurer.
Als abenteuerlich darf man auch jene Touristen bezeichnen, die in dem 25 Quadratmeter großen Geschäftslokal („Street Loft“) ihren Urlaub in der Stadt Wien verbringen. Seit knapp einem Jahr vermietet die kreative Schar rund um Theresia Kohlmayr die ehemalige Schneiderei, nunmehr ausgestattet mit einem Kingsizebett, für Kurzaufenthalte.
Laut Bauordnung verboten. Das Konzept ist so simpel wie außergewöhnlich: Gebucht wird im Internet, gefrühstückt im Café Goldegg und in der Hauptstadt Wien ist man, ja tatsächlich, mittendrin statt nur dabei. Die bisherige Resonanz sei so stark gewesen, erzählt Kohlmayr, dass ihr Team nun um weitere zehn Lofts expandieren werde. Über 30 Geschäftslokale auf der Wieden habe sie bereits inspiziert, derzeit treffe man eine engere Auswahl.
Alles, nur nicht einfach sei es gewesen, als sie ihre Idee umsetzen wollten, erzählt Kohlmayr. In anderen Worten, „viele rechtliche Hürden“. Geklappt habe es nur, weil der Hotelbetrieb in mehrere Grauzonen falle. Denn eigentlich ist das Wohnen im Geschäftslokal laut Wiener Bauordnung verboten.
Zum einen ist die Wohnungsnutzung erst ab einer Höhe von 3,5 Metern über dem Erdboden erlaubt, sagt Angelika Psenner vom Institut für Städtebau an der Technischen Universität Wien. Zum anderen sei auch der vorgegebene Lichteinfallswinkel von 45 Grad oft nicht gegeben.
Nun halte man sich nicht immer an diese Vorgaben, wie existierende Wohnungen im Erdgeschoß zeigen. Allerdings gehörten diese Regelungen überdacht, sagt Psenner, die sich seit 2004 mit diesem Thema beschäftigt. Ein weiteres hemmendes Gesetz sei die Stellplatzregelung analog zum Dachausbau. Demnach muss jeder Wohnungsbesitzer in der Stadt Wien, der nach oben hin ausbaut, einen Parkplatz schaffen. Dieser Regelung fallen nicht selten Geschäftslokale zum Opfer, die dann zu Garagen umgebaut werden. Immerhin sei nun eine Diskussion im Gange, die Psenner sogar auf dem „Höhepunkt“ sieht: „Alle Köpfe laufen heiß.“ Die der Stadtplaner nämlich, der Studenten und der Forscher. Und auch die der Politiker. „Zur Straße hin arbeiten, zum Hof hin wohnen“, das könne sich Gerhard Berger, Technischer Oberamtsrat (Stadtbaudirektion) recht gut vorstellen.
Auf der Suche nach einem Konzept.Die Stadt Wien überlege derzeit, welche alternativen Nutzungen für verwaiste Geschäfte möglich seien, meint der Oberamtsrat. Nun hänge es am politischen Willen, ob aus einem Lokal ein Wohnzimmer und aus der verwaisten Einkaufsstraße ein vitales Viertel werde.
Verwaiste Lokale durch Bewohnung zu beleben – damit experimentiert eine Wiener Architekturstudentin.
Eigentlich verbietet die Wiener Bauordnung das, aber es gibt Grauzonen.
Heiße Köpfe verursacht die Diskussion über das Wohnen im Parterre bei Stadtplanern und Forschern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2012)
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