Wien/Awe. Während die politischen Parteien im Land seit Jahren über die ideologisch konnotierte Frage diskutieren, ob Österreich nun ein Zuwanderungsland sei oder nicht, sind die Fakten längst nachzulesen. Laut dem jüngsten Bericht der Statistik Austria ist die Antwort klar und eindeutig: Ja.
Demnach kamen im Vorjahr 35.604 Personen mehr ins Land, als es verließen. In der Sprache der Demografen heißt das dann positiver Wanderungssaldo. Insgesamt lebten mit Stichtag 1. Jänner 2012 genau 8,443.018 Millionen innerhalb österreichischer Grenzen.
Mit vermeintlich neu entdeckter Kinderliebe der Österreicher hat der neue Rekordstand jedoch nichts zu tun – die Zahl der Neugeborenen ging nämlich sogar um 0,8 Prozent zurück. Verantwortlich für den Zuwachs ist die stetig wachsende Attraktivität Österreichs in Osteuropa. Zwar ist Deutschland mit einem Zuzugssaldo von 6463 nach wie vor das bedeutendste Herkunftsland. Nur knapp dahinter liegt inzwischen Rumänien (6163). Ebenfalls stark im Aufwind: Ungarn, Polen, Ex-Jugoslawien, die Slowakei und Bulgarien (siehe Grafik).
Heimische verlassen das Land
Als geradezu statistischer Fremdkörper in der Bestenliste scheint Afghanistan auf Rang fünf auf. Zu erklären ist das mit der sprunghaft gestiegenen Zahl von Asylwerbern aus dem krisengeschüttelten Land am Hindukusch.
Während Österreich im Ausland als Arbeits- und Aufenthaltsort an Attraktivität gewinnt, scheint es in der heimischen Bevölkerung genau umgekehrt zu sein. Bei österreichischen Staatsbürgern überwog die Zahl der Auswanderer deutlich, und zwar um 5759 Personen.
Während der Schwund der Autochthonen dem langjährigen Trend entspricht, haben sich die Rahmenbedingungen für Zuwanderer zuletzt doch – zum Teil stark – verändert. So erklärt sich die Statistik Austria den um fast 30 Prozent gestiegenen Zuwanderungssaldo vor allem mit der Lockerung der Zugangsbestimmungen für EU-Osteuropäer auf dem Arbeitsmarkt im Mai 2011. Die Wanderungsstatistik für die betroffenen Länder zeigt für die Monate danach deutliche Veränderungen nach oben. Insbesondere von Rumänien und Bulgarien erwarten sich die Demografen noch weitere Zuwächse.
Bei Zuwanderern aus Polen, Ungarn und der Slowakei könnte der Zenit jedoch inzwischen überschritten sein. Das scheint auch für Deutschland der Fall. Die Rückzüge in die Heimat stiegen zuletzt nämlich stark. Die Statistik Austria vermutet dahinter einerseits studentische Heimkehrer. Andererseits dürfte dafür – insbesondere unter Saisonarbeitern – der steigende Druck der verstärkt kommenden Osteuropäer sowie die Belebung des Arbeitsmarktes in den neuen Bundesländern verantwortlich sein.
Im europäischen Spitzenfeld
Im Vergleich mit anderen europäischen Staaten nimmt Österreich beim Zuzug aus dem Ausland damit eine Spitzenposition ein. Als Maß hierbei gilt die Zahl der Zuwanderer pro 1000 ansässigen Einwohnern. Im langjährigen Durchschnitt weist Österreich einen Wert von 12,6 aus. Noch höhere Werte gibt es lediglich in Spanien (14,5), Irland (16,2), der Schweiz (18,7) und Luxemburg (29).
Abseits der Zuwanderung fielen den Demografen im Vorjahr noch weitere Details auf. So sank einerseits die Zahl der Verstorbenen auf 76.479 (minus 0,9 Prozent). Das hatte den rechnerischen Effekt, dass die Lebenserwartung um 0,4 Jahre bei Männern (78,1 Jahre insgesamt) und 0,3 Jahre bei Frauen (82,4) stieg.
Der Saldo aus Neugeborenen (78.109) und Verstorbenen ging damit leicht auf 1630 zurück, blieb aber immerhin positiv. Hauptverantwortlich dafür waren die Bundesländer Wien (2252), Tirol (1396), Vorarlberg (1168) und Oberösterreich (1158). Stark negativ war die Geburtenbilanz in Niederösterreich (–1854), der Steiermark (–1477), Kärnten (–894) und dem Burgenland (–890), also exakt jenen Ländern, die mit 6,1 bis 7,3 Prozent den mit Abstand geringsten Ausländeranteil aufweisen.
35.604 Person betrug der Zuwanderungssaldo Österreichs im Vorjahr. Vor allem Immigranten aus Osteuropa trugen maßgeblich dazu bei. Die Zahl der Österreicher, die ins Ausland zogen, überstieg die der Rückkehrer um fast 6000.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2012)

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