Wien/Gr. Verständlicherweise entnervt wirkt der Eisenbahner, der seit drei Stunden auf den Bahnsteigen von Wien-Mitte auf- und abläuft, um hunderten Passagieren zu erklären, dass gerade, leider, leider, keine Züge verkehren. Sein Lohn: Hohn, Beschimpfungen, Unverständnis – oder kurz: der gesammelte Zorn, der sich in Bahnfahrern aufstaut, um sich im Angesicht von Schwierigkeiten auf einmal zu entladen.
Gestern, Dienstag, war der denkbar schlechteste Tag, den sich die ÖBB aussuchen konnten, um ihre neue Pünktlichkeitswerbeschiene („Wer so pünktlich ist, kann schon mal groß gelobt werden“) auf dem Westbahnhof zu präsentieren: Gut fünf Stunden lang stand nämlich der Verkehr auf der am stärksten befahrenen Bahnstrecke Österreichs komplett still: der S-Bahn-Stammstrecke quer durch Wien.
Stammstrecke lahmgelegt
Eine Oberleitung war im Bereich des Bahnhofs Wien-Mitte/Landstraße aus zunächst noch ungeklärter Ursache um 12.10 Uhr gerissen. Eine Garnitur der S-Bahn-Linie 2 blieb dadurch mitten auf der Strecken hängen – sie konnte erst nach rund einer Stunde in den Bahnhof zurückgebracht und evakuiert werden.
Durch die Arbeiten an der Oberleitung war die gesamte Stammstrecke sowie deren Seitenarm Richtung Flughafen (inklusive des Airport-Express CAT) mehrere Stunden lang lahmgelegt: Züge aus Richtung Norden beendeten den ganzen Nachmittag über ihre Fahrt am Praterstern, Züge aus Westen und Süden beim Südbahnhof, wo sie jeweils wendeten – Verspätungen im ganzen Schnellbahnverkehr Ostösterreichs waren die Folge.
Während Passagiere im innerstädtischen Verkehr nur geringfügige Umwege in Kauf nehmen mussten – die ÖBB reagierten schnell und verhandelten mit den Wiener Linien, dass diese ausnahmsweise auch Zugfahrscheine akzeptierten –, trafen besonders Reisende zum Flughafen auf Probleme: Die Bahn organisierte zwar Schienenersatzverkehr von Wien-Mitte via Bus, einzelne Reisende taten sich in dem labyrinthischen Bahnhof-Baustellenkomplex aber schwer, den richtigen Weg zu dessen Haltestelle zu finden.
Insgesamt waren die ÖBB diesmal – etwa im Gegensatz zu einer massiven Verspätungsfolge vor einer Woche – aber schnell beim Aufbau einer Informationsstruktur für Fahrgäste.
Nur wenige Minuten nachdem der Verkehr zum Erliegen gekommen war, wurden ÖBB-Bedienstete auf die Bahnsteige geschickt, um Passagiere über Ausweichmöglichkeiten zu informieren. Auch Fahrplananzeigen in den betroffenen Stationen und im Internet waren schnell aktualisiert.
App registrierte Schaden nicht
Einziger Wermutstropfen abseits notwendiger Umwege: Wer sich auf die ÖBB-App „Scotty“ am Mobiltelefon verließ, dem blieb die Unterbrechung des Verkehrs verborgen: In dem System, das normalerweise sogar kleine Verspätungen in Echtzeit realisiert, war von den Problemen bis in den späten Nachmittag hinein nichts zu bemerken.
Auf der Stammstrecke verkehren rund 650 Züge pro Tag – vor allem täglich zehntausende Pendler auf den Zügen der S-Bahn. Das ist übrigens just jene Bahn, die den ÖBB zufolge mit einem Pünktlichkeitswert von 98,4 Prozent die beste im österreichischen Schienennetz darstellt – was der neuen Werbekampagne zufolge auch „die höchste Pünktlichkeit der EU“ ist.
Die „Stammstrecke“, der meistbefahrene Teil des österreichischen Schienennetzes zwischen Südbahnhof und Praterstern, stand gestern Nachmittag mehrere Stunden lang still.
Grund für den Ausfall war den ÖBB zufolge in Schaden an einer Oberleitung aus noch unbekannter Ursache. Erst vergangene Woche hatte eine defekte Oberleitung im S-Bahn-Netzwerk zu erheblichen Verspätungen geführt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2012)
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