Wien. Die Aufarbeitung der dunklen Seiten in der Geschichte Wiens geht weiter. Nach dem Beschluss, den Dr.-Karl-Lueger-Ring umzubenennen, sind nun die Friedhöfe an der Reihe. Eine von der Stadt Wien eingesetzte Kommission hat einen Bericht vorgelegt, in dem die Vergabe von Ehrengräbern in der Zeit zwischen 1934 und 1938 untersucht wurde – und die einige Empfehlungen enthält.
In dem noch nicht veröffentlichten Bericht, der der „Presse“ vorliegt, wird auch die Rolle von Engelbert Dollfuß untersucht. Wegen seiner „entscheidenden Rolle bei der Ausschaltung der Demokratie und der Errichtung der Diktatur in Österreich“, so die Kommission, sollte dem Grab des von 1932 bis 1934 regierenden Bundeskanzlers „kein Ehrengrabstatus zukommen“. Ein eindeutiges Urteil der Kommission, die gleichzeitig aber auch die Schwierigkeit aufzeigt, adäquat mit dem historischen Erbe der Stadt zu verfahren.
„Faschist“ oder „Märtyrer“?
Denn während die linke Reichshälfte Dollfuß als „Arbeitermörder“ und „Faschisten“ sieht, wird er in der anderen als „Heldenkanzler“ gesehen, der sich gegen den Nationalsozialismus gestemmt habe und dafür als „Märtyrer“ gestorben sei – im ÖVP-Parlamentsklub hängt nach wie vor sein Porträt. Und ganz egal, aus welcher Sicht man Dollfuß auch betrachtet – einfach aus der Geschichte streichen kann man ihn nicht. Ähnlich wie bei Dollfuß ist es auch bei zahlreichen anderen Gräbern von Menschen, die die „Ehre“ aus heutiger Sicht nicht oder nur bedingt verdienen.
Genau hier setzt die Kommission auch mit einem Vorschlag an. Unter dem Gesichtspunkt, dass „Ehre“ und „Ehrungswürdigkeit“ unter Umständen einem gesellschaftlichen Wandel unterliegen, sollte eine neutralere Kategorie eingeführt werden – „historische Grabstätte“. „Dieser Kategorie könnten alle bis 1945 gewidmeten Grabstätten, einschließlich der bisherigen gewidmeten Gräber von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß und der Offiziere der k. u. k. Armee, zugeordnet werden.“
In dieser Radikalität geht dem zuständigen Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (siehe Interview) der Vorstoß zu weit: „Dann werden die Grabmäler der großen Komponisten auf eine Stufe gestellt mit historisch nicht so eindeutigen Persönlichkeiten.“ Grundsätzlich hält er eine neue Kategorie aber für sinnvoll und will einen entsprechenden Antrag im Gemeinderat einbringen.
Neben Dollfuß finden sich im Bericht noch einige weitere prominente Namen, deren Grabstätten in den Augen der Kommission zumindest fragwürdig sind. So wird etwa auf den Architekten Adolf Loos verwiesen, dessen künstlerische Bedeutung zwar außer Streit stehe, der jedoch wegen Unzucht mit Minderjährigen rechtskräftig zu einer viermonatigen Haftstrafe verurteilt wurde. Es stelle sich die Frage, so die Kommission, „ob eine Ehrengrabwidmung nur aufgrund des künstlerischen Ranges allein vertretbar ist“. Zu einer eindeutigen Empfehlung konnte man sich allerdings nicht durchringen, sondern verwies auf die „freie Willensbildung der zuständigen politischen Mandatare“.
Ebenfalls nicht ganz eindeutig fallen die Empfehlungen bei Personen mit militärischen Funktionen aus. So beruft man sich bei den k. u. k. Offizieren Feldmarschall Franz Conrad von Hötzendorf und General Moritz Auffenberg-Komarow auf zwei unterschiedliche Expertisen – eine ist für, eine zweite gegen eine Aberkennung des Ehrengräberstatus für die Militärs. Eindeutig ist hingegen das Ja zur Aberkennung bei Ignaz Seipel – dem Vater des gleichnamigen Bundeskanzlers. Es gebe keine sachliche Rechtfertigung für diese Widmung.
Ehrengrab für Hildegard Burjan
Umgekehrt regt die Kommission aber auch nachträgliche Widmungen an. Prominentestes Beispiel ist Hildegard Burjan, die Gründerin der Caritas Socialis, die im Jänner 2012 von Papst Benedikt XVI. selig gesprochen wurde. Auch Moritz Schlick verdient in den Augen der Kommission ein ehrenhalber gewidmetes Grab – der Philosoph und Physiker, der 1936 erschossen wurde, war einer der führenden Köpfe des Wiener Kreises. Auch mehrere Opfer des NS-Terrors vor dem 1. März 1938 verdienen laut Kommission eine Widmung.
Schon einmal gab es eine ähnliche Ehrung – 2007 wurden 37 Grabstätten von jüdischen Persönlichkeiten nachträglich zu Ehrengräbern gemacht, darunter etwa Arthur Schnitzler und der Architekt Oskar Strnad. Anlass dafür war der Bericht einer Kommission, die die Vergabe von Ehrengräbern in der NS-Zeit untersuchte. Und der auch dafür sorgte, dass acht Gräbern zweifelhafter Persönlichkeiten nachträglich der Status des Ehrengrabs aberkannt wurde.
Ehrenhalber gewidmetes Grab: Auf Friedhofsdauer ehrenhalber gewidmete Gräber auf dem Zentralfriedhof und allen anderen Friedhöfen Wiens. Wenn keine Angehörigen verfügbar sind, kommt die Stadt für die gärtnerische Pflege und bauliche Obhut auf.
Anzahl: 1734 solcher Gräber gibt es in Wien. Jährlich kommen etwa zehn bis 20 solcher Gräber hinzu.
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