Integrationsdebatte: "Wir erwischen genau die Raunzer"

Gutes Zusammenleben betrifft nicht nur Migranten, sagt Wiens Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger im Interview mit der "Presse". Sie glaubt daran, mit ihrer Integrationspolitik den FPÖ-Aufstieg zu stoppen.

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(c) FABRY Clemens

Die Presse: Bei der Themenfindung zur Wiener Charta hat sich nur jeder tausendste Wiener beteiligt. Das sieht nach einem Flop aus.

Sandra Frauenberger: Im Gegenteil – es war ein absoluter Erfolg. Ein solches elektronisches Partizipationsprojekt hat es in Österreich noch nie gegeben. Im Vergleich mit deutschen Projekten sind wir sehr gut unterwegs. In einer Phase von 14 Tagen 1848 verschiedene Themen online hineinzubekommen ist ein Erfolg.

Aber wie soll man ein besseres Zusammenleben erreichen, wenn kaum ein Wiener dabei mitmacht?

Wir haben für die jetzt stattfindende zweite Phase, die Charta-Gespräche, 300 Partner, wir haben schon 180 angemeldete Gruppen, in denen diskutiert wird. Und die Zahl wird bis Oktober sukzessive steigen. Das Wesentlichste an dem Projekt ist das Miteinanderreden.


Manche sind nicht freiwillig dabei. Es wurden etwa Lehrer zwangsverpflichtet, Chartagruppen zu moderieren.

Beim Stadtschulrat war die Überlegung, die Direktionen der Schulen zu bitten, eine Person für eine Informationsveranstaltung zu nominieren. Und ich glaube, dass sich nicht alle Lehrer im Vorhinein damit auseinandergesetzt haben, was die Charta werden kann. Aber bisher hat es keinen einzigen Partner gegeben, der nicht von selbst gekommen wäre.

Wie groß ist der Anteil der Teilnehmer im Einflussbereich der Stadt, wie groß der Anteil von Freiwilligen?

Ein Blick auf die Partnerliste zeigt eindeutig, dass eine Reihe an großen Unternehmen dabei ist, die keine Fördergelder der Stadt beziehen. Und sie machen mit, weil sie es gut finden, einmal konstruktiv über das Zusammenleben zu reden. Selbstverständlich sind auch viele Vereine dabei, mit denen die Stadt schon lange kooperiert.


Wie soll sich die Charta durchsetzen lassen, wenn keine Sanktionen, sondern nur nette Bitten dahinterstehen?

Es geht um mehr als darum, eine neue Hausordnung oder ein neues Gesetz zu entwickeln. Die Charta ist vielmehr eine Selbstverpflichtung.

Zunächst wurde die Charta ja als Maßnahme für Migranten verkauft.

Nein, sie ist nur sehr schnell mit dem Integrationsthema verbunden worden. Wir wollten alle Wiener miteinbeziehen, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Und die Leute kommen beim Reden darauf, dass sie dieselben Vorstellungen vom Zusammenleben haben, ob sie aus Mistelbach, Sarajewo oder Ankara kommen.

Aber Integration ist eines der größten Themen in der Charta?

In der Online-Themensammlung war die Sauberkeit ein starkes Thema. Aber jetzt in den Diskussionsgruppen ist der Renner das „Miteinanderauskommen“, im Besonderen das Verhalten im Straßenverkehr und respektvolles Umgehen miteinander.

Erwischt man in diesem Prozess nicht vor allem die, die sich mit dem Thema ohnehin schon auseinandersetzen?

Nein, wir erwischen genau die Raunzer, die Vorbehalte gegenüber bestimmten Gesellschaftsgruppen oder Leuten mit bestimmten Herkünften haben. Wenn man sich die Vielfalt der momentan 300 Partner ansieht, bekommen wir auch die, die ihre Kritik sonst nur hinter vorgehaltener Hand üben. Oder in der Wahlzelle.

Einen schlechten Ruf im Zusammenleben hat die türkische Community. Wie sieht da die Beteiligung aus?

Es sind viele Vereine Partner. Und wir gehen auch in interreligiöse Dialoge. Da merkt man, dass es am Anfang schon Barrieren in den Gruppen gibt. Und Moderatoren und Teilnehmer mussten sich zunächst annähern – etwa, dass allen Türken unterstellt wird, dass sie nicht Deutsch könnten, dabei entpuppt sich das als Vorurteil. Da werden oft Klischees zu Beginn ins Spiel gebracht, dann in der Diskussion aber aufgelöst.


Und wo sieht die türkische Community Probleme des Zusammenlebens?

Auch diesen Menschen geht es darum, dass man höflich grüßt, die Tür aufhält, nicht die Kinder beschimpft, wenn sie im Hof spielen.

Wenn das die Probleme sind, warum hat gerade die türkische Community dennoch so einen schlechten Ruf?

Ich kann nicht sagen, dass Menschen, die aus der Türkei kommen, weniger Integrationswillen haben. Aber aus der Gastarbeiterbewegung heraus sind Leute nach Wien gekommen, die zum Teil relativ bildungsfern waren. Ihren sozialen Aufstieg zu fördern ist eine große Herausforderung. Aber es gibt kaum eine Bevölkerungsgruppe, bei der mehr mit ewig bekannten Beispielen, Vorurteilen und Ressentiments gearbeitet wird.

Laut einer Mitgliederbefragung sehen SPÖ-Parteimitglieder große Schwächen bei der Integration. Nur will eine Hälfte mehr Härte, die andere mehr Solidarität. Wohin soll es nun gehen?

Wir haben beim Landesparteitag einstimmig einen Antrag verabschiedet. Die Diskussion darüber hat mich in vielen Bereichen bestätigt, dass das Wiener Integrationskonzept ein richtiges ist. Weil es auf eine klare Haltung gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit setzt, aber sonst einen massiven versachlichenden Zug hat. Unser Ziel muss sein, dass alle Neuzuwanderer Deutsch lernen, weil das der Schlüssel zur Integration ist. Und dass wir sie in ihrem sozialen Aufstieg so unterstützen, dass sie eigenständig existenzgesichert leben können.

Und Sie glauben, dass Sie damit den Aufstieg der FPÖ stoppen können?

Ja. Wir sind dabei.

Zur Person

Sandra Frauenberger (geb. 1966) ist seit 2007 Stadträtin für Integration, Frauenfragen, Konsumentenschutz und Personal im Wiener Rathaus. Die SPÖ-Politikerin war einige Zeit als Staatssekretärin für Integration im Gespräch. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2012)

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