Integrationsdebatte: "Wir erwischen genau die Raunzer"

28.05.2012 | 18:39 |  ERICH KOCINA UND MARTIN STUHLPFARRER (Die Presse)

Gutes Zusammenleben betrifft nicht nur Migranten, sagt Wiens Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger im Interview mit der "Presse". Sie glaubt daran, mit ihrer Integrationspolitik den FPÖ-Aufstieg zu stoppen.

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Die Presse: Bei der Themenfindung zur Wiener Charta hat sich nur jeder tausendste Wiener beteiligt. Das sieht nach einem Flop aus.

Sandra Frauenberger: Im Gegenteil – es war ein absoluter Erfolg. Ein solches elektronisches Partizipationsprojekt hat es in Österreich noch nie gegeben. Im Vergleich mit deutschen Projekten sind wir sehr gut unterwegs. In einer Phase von 14 Tagen 1848 verschiedene Themen online hineinzubekommen ist ein Erfolg.

Aber wie soll man ein besseres Zusammenleben erreichen, wenn kaum ein Wiener dabei mitmacht?

Wir haben für die jetzt stattfindende zweite Phase, die Charta-Gespräche, 300 Partner, wir haben schon 180 angemeldete Gruppen, in denen diskutiert wird. Und die Zahl wird bis Oktober sukzessive steigen. Das Wesentlichste an dem Projekt ist das Miteinanderreden.


Manche sind nicht freiwillig dabei. Es wurden etwa Lehrer zwangsverpflichtet, Chartagruppen zu moderieren.

Beim Stadtschulrat war die Überlegung, die Direktionen der Schulen zu bitten, eine Person für eine Informationsveranstaltung zu nominieren. Und ich glaube, dass sich nicht alle Lehrer im Vorhinein damit auseinandergesetzt haben, was die Charta werden kann. Aber bisher hat es keinen einzigen Partner gegeben, der nicht von selbst gekommen wäre.

Wie groß ist der Anteil der Teilnehmer im Einflussbereich der Stadt, wie groß der Anteil von Freiwilligen?

Ein Blick auf die Partnerliste zeigt eindeutig, dass eine Reihe an großen Unternehmen dabei ist, die keine Fördergelder der Stadt beziehen. Und sie machen mit, weil sie es gut finden, einmal konstruktiv über das Zusammenleben zu reden. Selbstverständlich sind auch viele Vereine dabei, mit denen die Stadt schon lange kooperiert.


Wie soll sich die Charta durchsetzen lassen, wenn keine Sanktionen, sondern nur nette Bitten dahinterstehen?

Es geht um mehr als darum, eine neue Hausordnung oder ein neues Gesetz zu entwickeln. Die Charta ist vielmehr eine Selbstverpflichtung.

Zunächst wurde die Charta ja als Maßnahme für Migranten verkauft.

Nein, sie ist nur sehr schnell mit dem Integrationsthema verbunden worden. Wir wollten alle Wiener miteinbeziehen, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Und die Leute kommen beim Reden darauf, dass sie dieselben Vorstellungen vom Zusammenleben haben, ob sie aus Mistelbach, Sarajewo oder Ankara kommen.

Aber Integration ist eines der größten Themen in der Charta?

In der Online-Themensammlung war die Sauberkeit ein starkes Thema. Aber jetzt in den Diskussionsgruppen ist der Renner das „Miteinanderauskommen“, im Besonderen das Verhalten im Straßenverkehr und respektvolles Umgehen miteinander.

Erwischt man in diesem Prozess nicht vor allem die, die sich mit dem Thema ohnehin schon auseinandersetzen?

Nein, wir erwischen genau die Raunzer, die Vorbehalte gegenüber bestimmten Gesellschaftsgruppen oder Leuten mit bestimmten Herkünften haben. Wenn man sich die Vielfalt der momentan 300 Partner ansieht, bekommen wir auch die, die ihre Kritik sonst nur hinter vorgehaltener Hand üben. Oder in der Wahlzelle.

Einen schlechten Ruf im Zusammenleben hat die türkische Community. Wie sieht da die Beteiligung aus?

Es sind viele Vereine Partner. Und wir gehen auch in interreligiöse Dialoge. Da merkt man, dass es am Anfang schon Barrieren in den Gruppen gibt. Und Moderatoren und Teilnehmer mussten sich zunächst annähern – etwa, dass allen Türken unterstellt wird, dass sie nicht Deutsch könnten, dabei entpuppt sich das als Vorurteil. Da werden oft Klischees zu Beginn ins Spiel gebracht, dann in der Diskussion aber aufgelöst.


Und wo sieht die türkische Community Probleme des Zusammenlebens?

Auch diesen Menschen geht es darum, dass man höflich grüßt, die Tür aufhält, nicht die Kinder beschimpft, wenn sie im Hof spielen.

Wenn das die Probleme sind, warum hat gerade die türkische Community dennoch so einen schlechten Ruf?

Ich kann nicht sagen, dass Menschen, die aus der Türkei kommen, weniger Integrationswillen haben. Aber aus der Gastarbeiterbewegung heraus sind Leute nach Wien gekommen, die zum Teil relativ bildungsfern waren. Ihren sozialen Aufstieg zu fördern ist eine große Herausforderung. Aber es gibt kaum eine Bevölkerungsgruppe, bei der mehr mit ewig bekannten Beispielen, Vorurteilen und Ressentiments gearbeitet wird.

Laut einer Mitgliederbefragung sehen SPÖ-Parteimitglieder große Schwächen bei der Integration. Nur will eine Hälfte mehr Härte, die andere mehr Solidarität. Wohin soll es nun gehen?

Wir haben beim Landesparteitag einstimmig einen Antrag verabschiedet. Die Diskussion darüber hat mich in vielen Bereichen bestätigt, dass das Wiener Integrationskonzept ein richtiges ist. Weil es auf eine klare Haltung gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit setzt, aber sonst einen massiven versachlichenden Zug hat. Unser Ziel muss sein, dass alle Neuzuwanderer Deutsch lernen, weil das der Schlüssel zur Integration ist. Und dass wir sie in ihrem sozialen Aufstieg so unterstützen, dass sie eigenständig existenzgesichert leben können.

Und Sie glauben, dass Sie damit den Aufstieg der FPÖ stoppen können?

Ja. Wir sind dabei.

Zur Person

Sandra Frauenberger (geb. 1966) ist seit 2007 Stadträtin für Integration, Frauenfragen, Konsumentenschutz und Personal im Wiener Rathaus. Die SPÖ-Politikerin war einige Zeit als Staatssekretärin für Integration im Gespräch. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2012)

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168 Kommentare
 
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Gast: Wampolin
30.05.2012 16:22
0 0

Solange

die sich selbst nicht komplett verhüllt, wird weiter geraunzt. Und das nicht zu knapp.

Gast: soundcheck
30.05.2012 10:31
0 6

bravo, Frau Frauenberger!

(Test)

Antworten Gast: soundcheck
30.05.2012 13:02
5 0

Test bestanden - es gehen heute nur Jubelmeldungen durch


Gast: wodylein
30.05.2012 00:25
18 0

klare sache

Ich hoffe das ihr Österreicher es schafft euch gegen euren Regierungsdruck zu Wehr zu setzen, trotz kleine Zückerchen die von eurer Frauenberger gestreut wird. Allein die Aussage: auch wir müssen uns den Fremden anpassen, grenzt an Aufgabe unserer Heimat.

Gast: independant
29.05.2012 22:04
10 0

Glauben

Ich glaub, Sie glaubt selbst nicht mehr an den Erfolg

Gast: Konservativer
29.05.2012 21:52
17 1

Bla bla

[X] FPÖ 2013. Es gibt keine Ausreden mehr.

Antworten Gast: weidinger
29.05.2012 22:50
0 15

Re: Bla bla

vorsicht: dieses kreuz hat einen haken!

Antworten Antworten Gast: Konservativer
30.05.2012 16:06
2 0

Re: Re: Bla bla

Was wollen Sie denn, bitteschön damit sagen?

Nur zu, sprechen Sie es aus. Sie werden doch nicht feige sein und sich hinter Andeutungen verstecken?

Also, nur Mut.

Los.

Die Presse: Bei der Themenfindung zur Wiener Charta hat sich nur jeder tausendste Wiener beteiligt. Das sieht nach einem Flop aus. Sandra Frauenberger: Im Gegenteil – es war ein absoluter Erfolg.

wieviel geld da nachgefasst werdn muss, um diesen flop schönzureden...?

man/ FrauIn kann sich den flop auch schön trinken. dazu sollte man ihre grandiose kampagne gegen die hirterbierwerbung googeln;-)

und sich eine kiste reinziehen.


Re: Die Presse: Bei der Themenfindung zur Wiener Charta hat sich nur jeder tausendste Wiener beteiligt. Das sieht nach einem Flop aus. Sandra Frauenberger: Im Gegenteil – es war ein absoluter Erfolg.

Kosten:
laut Aussage der MA 17: € 450.000,--

(Ausserhalb der verstaatlichten Industrie) sieht Management anders aus..


sicher eine wohlgediehene wiener sozialdemokratin...


Gast: Medwed
29.05.2012 18:30
7 0

Und wer ist diese Frau?


Re: Und wer ist diese Frau?

Sie ist Sozialistin. Also ab 2013 dann hoffentlich wegrationalisiert.

Re: Re: Und wer ist diese Frau?

Irgendwo werden's doch einen hochdotierten Posten für eine erfahrene Quotenfrau haben; oder: Koordinatorin für die Beauftragung von Beauftragten.

Gast: antschi14
29.05.2012 18:23
13 0

An einen Kurz kommt sie nie und nimmer ran

Seit Jahren im Amt, seit Jahren nichts gehört, das nenne ich echte Sozi-Arbeit. Jetzt ist sie in de Defensive, kommt aber nicht einmal in die Nähe eines integeren Kurz

Gedicht : Kopftuch

die Integrationsstadträtin sollte ein Ehren -
Kopftuch tragen
http://www.farah-notash.com/poems/kopftuch.html

Gast: Raunzer13
29.05.2012 18:13
9 0

Ich wurde ...

... nicht erwischt ....

Gast: gasti
29.05.2012 17:49
17 0

lehrer zwangsverpflichtet!?

eine schweinerei nenn ich sowas, ich zahle nicht steuern für lehrer damit sie statt unterricht sozi-selbsthilfegruppen moderieren

sollen sie doch bitte ihr flopprojekt selbst durchziehen

Gast: Bademeisterin
29.05.2012 17:31
17 0

Die Gwerkschaftstippse erklärt uns die Welt! Na toll....

Sandra das wird nix!

Gast: Robert444
29.05.2012 17:28
15 0

Österreich ist Dank Frauenberger & Co Vorbild bei der Integration!

In Österreich werden illegale Aufenthalte nach einigen Jahren mit einem "Bleiberecht" belohnt.

Weil ein Bauer seine ausgerissene Kuh suchte und dabei illegal die Grenze zur Slowakei überquerte darf der Bauer aus der Ukraine jetzt 3 Jahre nicht in die EU einreisen.

So etwas könnte ihm in Österreich nicht passieren.


Gast: wundergibtesimmerwieder
29.05.2012 17:01
20 0

was die bürger wirklich zu diesem thema zu sagen haben,

das werden sie 2013 in der wahlzelle kundtun. das blaue wunder ist vorprogrammiert. das weiss auch der letzte sozi berets.

Zensur

ich werde hier dauerzensuriert für einen link zu einer türkischen Veranstaltung , die zeigt , dass diese community auch in der dritten Generation
absolut integrationsunwilllig ist
Vorschlag : Gesetze wie Canada, Australien ,
Kürzung von Sozialleistungen etc.

7 0

Es verwundert mich

das Österreicher den gleichen Politischen Druck ausgesetzt werden wie in D und Beiträge gesperrt werden die nicht genehm sind, oder eine Schleimspur hinter sich herziehen. Meines erachtens ist Meinungsfreiheit das zu Sagen was ich von der Sache halte auch wenn es weh tut.

Antworten Antworten Gast: @wody
30.05.2012 12:58
2 0

Würde man Meinungsfreiheit unbeschränkt zulassen,

würde die Diskrepanz zwischen der Unzufriedenheit in der Bevölkerung und den von der Politik verbreiteten Schönwetter-Meldungen zu offensichtlich sein.

Gast: L.W.
29.05.2012 16:27
23 0

LOOOOOL !

"Und Sie glauben, dass Sie damit den Aufstieg der FPÖ stoppen können?"

"Ja. Wir sind dabei."

Und wieder ein paar hundert Stimmen für Strache.

Diese Dame hat einen ähnlichen Realitätssinn wie der Her Wrabetz. Nur weiter so ...

 
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