Straßenzeitung: Augustin, gar nichts ist hin

Die Wiener Straßenzeitung Augustin bekam Überlebenshilfe. Obwohl das Sozialprojekt (vorerst) gerettet ist, bröckelt das Geschäftsmodell. Knapp 28.000 Stück bringen 500 Kolporteure alle zwei Wochen unter das Volk.

Strassenzeitung Augustin nichts
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Strassenzeitung Augustin nichts
(c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)

Diese Welle der Wertschätzung tut so gut.“ Eva Rohrmoser sitzt an einem großen Holztisch, füllt und adressiert stapelweise purpurne Kuverts. Die händisch signierten Briefe sind Dankesschreiben an sogenannte „Liebhaber“, Menschen, die den öffentlichen (und erfolgreichen) Hilferuf von Österreichs größter Straßenzeitung, dem Wiener „Augustin“, gefolgt sind.

Dass sie einen Großteil der Arbeit mit nach Hause nehmen wird, stört sie nicht. „Das sind wir unseren Helfern schuldig.“ 100.000Euro fehlen dem Blatt dieses Jahr, um das eigene und das Bestehen der durch das Erscheinen finanzierten Sozialprojekte zu sichern. 333 Liebhaber, so die Idee, die monatlich 25 Euro spenden, sollen das Überleben vorerst möglich machen. Etwa 100 fehlen noch, ab Nummer 334 werden Liebhaber höflich, aber bestimmt auf eine Warteliste gesetzt. „Wir wollen nicht mehr nehmen, als wir brauchen.“

Rohrmoser, von Beruf diplomierte Sozialarbeiterin, ist wegen der vielen Zuschriften zu Tränen gerührt. „Es ist schön, wenn man merkt, dass die viele Arbeit auch geschätzt wird.“ Es sieht ganz danach aus, als ob der „Augustin“ und seine berühmten Kolporteure auch weiterhin das Stadtbild prägen werden. Aber wie lange noch?

Die finanzielle Krise des „Augustin“ machte Betreibern und Öffentlichkeit zweierlei deutlich. Erstens: Die einst belächelte „Sandlerzeitung“ – der Name des herausgebenden Vereins „Sand & Zeit“ ist eine selbstironische Verballhornung der Bezeichnung – ist längst zu einem Wiener Faktotum geworden. Der Aufschrei fand seinen Weg in Fernsehen, Radio und sämtliche Tageszeitungen der Hauptstadt. Zweitens: Trotz der Welle an Hilfsbereitschaft bröckelt langsam, aber doch, das Fundament des Geschäftsmodells. Gründe dafür gibt es viele.

Zunächst ist da die Sache mit der Auflage. Knapp 28.000 Stück bringen die 500 Kolporteure alle zwei Wochen unter das Volk. Für eine Zeitung, die aus Prinzip, Stichwort Unabhängigkeit, keine Subventionen will und kaum Inserate hat, eine beachtliche Zahl. 1,25 Euro zahlt jeder Verkäufer pro Exemplar an den Verein, der aus 13 professionellen Journalisten und Sozialarbeitern besteht. Die andere Hälfte des Verkaufspreises von 2,5 Euro darf er behalten. Allein: Vor fünf Jahren war die Auflage mit 37.000 bedeutend größer.

Da mit den Einnahmen des „Augustins“ inzwischen auch andere Projekte für Obdachlose oder sozial Benachteiligte finanziert werden (Theater, Chor, Fußball, Tischtennis, Radio- und Fernsehbeiträge), potenzierte sich mit dem Auflagenschwund das Problem.

In den 17 Jahren, die der „Augustin“ inzwischen auf dem Markt ist, wuchs auch die Konkurrenz. Blätter wie „Mo“, „Uhudla“ und „Global Player“ haben die gleiche Kundschaft im Auge. Jene, die in der U-Bahn nicht ins Gesicht des Visavis schauen wollen, greifen inzwischen zu den Gratisblättern „Heute“ und „Österreich“. Das Verkaufen des „Augustin“ rund um Haltestationen sei inzwischen Schwerstarbeit, berichten Kolporteure.

Und nicht zuletzt sorgen die Kolporteure selbst für Probleme. Seitdem in Wien Betteln verboten ist, nutzen viele den „Augustin“ als Schutzschild. Gestohlene oder illegal weitergegebene Exemplare werden von Banden quasi als Persilschein missbraucht. „Es gibt sogar Fälle, in denen wir professionell gefälschte Verkäuferausweise entdeckt haben“, sagt Robert Sommer, Redakteur und Mitbegründer der Zeitung. Das schlechte Auftreten dieser Personen schreckt dann langfristig Käufer ab – und beschädigt den Ruf echter Originale wie der „Annemarie“, die jahrelang Wiens Lokale mit Zeitungen beliefert hat, oder „Günther“, der jeden Tag morgens am Westbahnhof in feinstem Zwirn seine öffentlichen Monologe hält.

Frauenlieblinge Afrikaner. Wie lange ihnen der „Augustin“ noch als „Überlebensmittel“ (Sommer) dienen wird, hängt von der Laufkundschaft, also den Wienern, ab. Eine Faustregel lautet: Drei Monate braucht es, bis man an einem Standort akzeptiert wird. Erst dann öffnen sich Herzen und Brieftaschen. Danach spielen nicht nur Schmäh, sondern Äußerlichkeiten eine Rolle. Vor allem junge Männer aus Afrika, schmunzelt Sommer, kommen bei weiblichen Käuferinnen gut an.

„Nicht so toll“ sei eine andere Eigenschaft der Wiener. So drängten in den vergangenen Jahren Roma aus der Slowakei in die Schar von Kolporteuren. Sommer: „Doch bei ihnen wollen die Wiener partout nicht kaufen.“

17 Jahre Augustin

Im Herbst 1995 startete eine Gruppe von Journalisten und Sozialarbeitern das Straßenzeitungsprojekt „Augustin“. Anfangs noch ehrenamtlich, nach sechs Monaten finanzierte sich das Projekt selbst.

Die heute 13 Angestellten produzieren ein Blatt, das auf der Straße von Obdachlosen und sozial Benachteiligten um 2,5 Euro verkauft wird. Die Hälfte bleibt dem Kolporteur, der Rest fließt in Gehälter und andere Sozialprojekte wie das „Augustin“-Theater. Zudem werden gemeinsam TV- und Radiobeiträge für die Sender „Okto“ und „Radio Orange“ produziert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2012)

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