Straßenzeitung: Augustin, gar nichts ist hin

02.06.2012 | 17:35 |  von Andreas Wetz (Die Presse)

Die Wiener Straßenzeitung Augustin bekam Überlebenshilfe. Obwohl das Sozialprojekt (vorerst) gerettet ist, bröckelt das Geschäftsmodell. Knapp 28.000 Stück bringen 500 Kolporteure alle zwei Wochen unter das Volk.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Diese Welle der Wertschätzung tut so gut.“ Eva Rohrmoser sitzt an einem großen Holztisch, füllt und adressiert stapelweise purpurne Kuverts. Die händisch signierten Briefe sind Dankesschreiben an sogenannte „Liebhaber“, Menschen, die den öffentlichen (und erfolgreichen) Hilferuf von Österreichs größter Straßenzeitung, dem Wiener „Augustin“, gefolgt sind.

Dass sie einen Großteil der Arbeit mit nach Hause nehmen wird, stört sie nicht. „Das sind wir unseren Helfern schuldig.“ 100.000Euro fehlen dem Blatt dieses Jahr, um das eigene und das Bestehen der durch das Erscheinen finanzierten Sozialprojekte zu sichern. 333 Liebhaber, so die Idee, die monatlich 25 Euro spenden, sollen das Überleben vorerst möglich machen. Etwa 100 fehlen noch, ab Nummer 334 werden Liebhaber höflich, aber bestimmt auf eine Warteliste gesetzt. „Wir wollen nicht mehr nehmen, als wir brauchen.“

Rohrmoser, von Beruf diplomierte Sozialarbeiterin, ist wegen der vielen Zuschriften zu Tränen gerührt. „Es ist schön, wenn man merkt, dass die viele Arbeit auch geschätzt wird.“ Es sieht ganz danach aus, als ob der „Augustin“ und seine berühmten Kolporteure auch weiterhin das Stadtbild prägen werden. Aber wie lange noch?

Die finanzielle Krise des „Augustin“ machte Betreibern und Öffentlichkeit zweierlei deutlich. Erstens: Die einst belächelte „Sandlerzeitung“ – der Name des herausgebenden Vereins „Sand & Zeit“ ist eine selbstironische Verballhornung der Bezeichnung – ist längst zu einem Wiener Faktotum geworden. Der Aufschrei fand seinen Weg in Fernsehen, Radio und sämtliche Tageszeitungen der Hauptstadt. Zweitens: Trotz der Welle an Hilfsbereitschaft bröckelt langsam, aber doch, das Fundament des Geschäftsmodells. Gründe dafür gibt es viele.

Zunächst ist da die Sache mit der Auflage. Knapp 28.000 Stück bringen die 500 Kolporteure alle zwei Wochen unter das Volk. Für eine Zeitung, die aus Prinzip, Stichwort Unabhängigkeit, keine Subventionen will und kaum Inserate hat, eine beachtliche Zahl. 1,25 Euro zahlt jeder Verkäufer pro Exemplar an den Verein, der aus 13 professionellen Journalisten und Sozialarbeitern besteht. Die andere Hälfte des Verkaufspreises von 2,5 Euro darf er behalten. Allein: Vor fünf Jahren war die Auflage mit 37.000 bedeutend größer.

Da mit den Einnahmen des „Augustins“ inzwischen auch andere Projekte für Obdachlose oder sozial Benachteiligte finanziert werden (Theater, Chor, Fußball, Tischtennis, Radio- und Fernsehbeiträge), potenzierte sich mit dem Auflagenschwund das Problem.

In den 17 Jahren, die der „Augustin“ inzwischen auf dem Markt ist, wuchs auch die Konkurrenz. Blätter wie „Mo“, „Uhudla“ und „Global Player“ haben die gleiche Kundschaft im Auge. Jene, die in der U-Bahn nicht ins Gesicht des Visavis schauen wollen, greifen inzwischen zu den Gratisblättern „Heute“ und „Österreich“. Das Verkaufen des „Augustin“ rund um Haltestationen sei inzwischen Schwerstarbeit, berichten Kolporteure.

Und nicht zuletzt sorgen die Kolporteure selbst für Probleme. Seitdem in Wien Betteln verboten ist, nutzen viele den „Augustin“ als Schutzschild. Gestohlene oder illegal weitergegebene Exemplare werden von Banden quasi als Persilschein missbraucht. „Es gibt sogar Fälle, in denen wir professionell gefälschte Verkäuferausweise entdeckt haben“, sagt Robert Sommer, Redakteur und Mitbegründer der Zeitung. Das schlechte Auftreten dieser Personen schreckt dann langfristig Käufer ab – und beschädigt den Ruf echter Originale wie der „Annemarie“, die jahrelang Wiens Lokale mit Zeitungen beliefert hat, oder „Günther“, der jeden Tag morgens am Westbahnhof in feinstem Zwirn seine öffentlichen Monologe hält.

Frauenlieblinge Afrikaner. Wie lange ihnen der „Augustin“ noch als „Überlebensmittel“ (Sommer) dienen wird, hängt von der Laufkundschaft, also den Wienern, ab. Eine Faustregel lautet: Drei Monate braucht es, bis man an einem Standort akzeptiert wird. Erst dann öffnen sich Herzen und Brieftaschen. Danach spielen nicht nur Schmäh, sondern Äußerlichkeiten eine Rolle. Vor allem junge Männer aus Afrika, schmunzelt Sommer, kommen bei weiblichen Käuferinnen gut an.

„Nicht so toll“ sei eine andere Eigenschaft der Wiener. So drängten in den vergangenen Jahren Roma aus der Slowakei in die Schar von Kolporteuren. Sommer: „Doch bei ihnen wollen die Wiener partout nicht kaufen.“

17 Jahre Augustin

Im Herbst 1995 startete eine Gruppe von Journalisten und Sozialarbeitern das Straßenzeitungsprojekt „Augustin“. Anfangs noch ehrenamtlich, nach sechs Monaten finanzierte sich das Projekt selbst.

Die heute 13 Angestellten produzieren ein Blatt, das auf der Straße von Obdachlosen und sozial Benachteiligten um 2,5 Euro verkauft wird. Die Hälfte bleibt dem Kolporteur, der Rest fließt in Gehälter und andere Sozialprojekte wie das „Augustin“-Theater. Zudem werden gemeinsam TV- und Radiobeiträge für die Sender „Okto“ und „Radio Orange“ produziert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

95 Kommentare
 
12 3
Gast: König Arthur
04.06.2012 09:24
0 1

Ich gebe nichts

ich bin reich. Deshalb. Auf meinem Gut würde ich die Hunde aus dem Zwinger lassen. Hausverstand wird in Österreich immer kleiner.

Gast: Feik B
04.06.2012 08:30
6 0

Alleeees Gute, biiiitte, Dankeee!!

Wien verkommt langsam zum Gnadenhof der ganzen Welt. Vor jedem Geschäft Bettler, Ostblock Bettler mit selbstgefertigten Ausweisen an der Brust und Altpapier Zeitungen, in Gruppen, die penetrant 5 Euro fordern, wenn man ihnen einen gibt,

Arme verkrüppelte Geschöpfe, die von rücksichtslosen Sklaventreibern in die Einkaufsstraßen gekarrt werden und den Ertrag ein streifen.
……..

Wir können leider nicht das Elend der Welt beseitigen, aber auffallend ist, das es genug arme Einheimische gibt, die aber nicht unter oben genannten zu finden sind.

Hier haben die Gutmenschen viel zu lange zugeschaut anstatt in den Herkunftsländern mehr zu helfen.

Das Ergebnis: Viele fühlen sich nur mehr belästigt und betrogen und spenden überhaupt nichts mehr.

Gast: fugazi
03.06.2012 22:40
3 6

...

villeicht sollte man hier auch noch festhalten das der grösste teil der entwicklungshilfen für afrikanische länder von afrikanern kommen die es geschafft haben in ein europäisches wohlstandsland zu kommen um hier geld zu verdienen und es nach hause schicken!

noch dazu bringen sie öfters eine gute stimmung in die gesellschaft, reden sie mal einen an!, hab ich 100 mal gemacht, viel offene menschen die oft geschichten zu erzählen haben die für uns undenkbar sind.

würden sie gerne österreich verlassen, ihre familie hier lassen und ihr ganzes geld für eine völlig unsichere reise in ein afrikanisches land ausgeben? mit der hoffnung es zu schaffen ein wenig geld nach hause zu schicken?

in wien bin ich in die gruft um mir mein eigens bild zu machen, hab oft mit obdachlose, junkies, punks, schwarzen usw. geredet um zu verstehen...

aber ihr habts schon alle recht.., leb ma mit unseren (?) meinungen, den wenn man sich eben selbst weiterentwickelt wird es immer schwieriger in so einer kalten essiggesichtergesellschaft leben zu wollen...

ps: das einsame häuschen von dem einige geschrieben haben hab ich schon.. aber nicht wegen den "lästigen" zeitungsverkäufern, sondern wegen euch, hehe!


Ach Du lieber Augustin

Leider sind die Artikel in dem Blatt nicht sehr interessant und selbstmitleidig. Die Aufmachung gefällt mir auch nicht. In Hamburg gibts die Hinz und Kunzst, auch eine Obdachlosenzeitschrift, aber eine der lesbaren Sorte. Die Redaktion sollte sich mal etwas mehr anstrengen. Eine Zeitung nur aus Mitleid zu kaufen ist vielen auf dauer zu blöde und man kauft nur nach Symphatie nicht wegen des Inhalts.

10 1

schlechte Informationen

die von organisierten, penetranten Bettlerbanden angeboten werden. Kommentar eines eigentlich hilfsbereiten Mitbürgers

Hier könnte mein posting stehen


Antworten Gast: Sind Sie nicht schon lange tot?
04.06.2012 08:41
0 0

Re: Hier könnte mein posting stehen


Gast: 1612
03.06.2012 17:18
2 16

Freie P. oder oe24?

Wenn ich mir manche Kommentare hier durchlese, dann glaube ich, dass einige Leser besser beraten wären die "Zeitung Österreich" zu konsumieren, anstatt der "Presse". Denn wenn man so versessen ist nur beim "Österreicher" zu kaufen, dann darf man auch nicht bei der Zeitung zurückstehen.

Antworten Gast: nicholasblarney
03.06.2012 18:46
11 1

Re: Freie P. oder oe24?

Wo steht hier, daß man so versessen darauf ist, "nur beim Österreicher" zu kaufen. Die Rede ist ganz klar von organisierten Bettlern, die den "Augustin" als Schutzschild verwenden und sich einfach in die Verkäuferriege drängen. Und bei denen will ich die Zeitung auch nicht kaufen.

Was mich an der Zeitung stört, ist die mangelnde Qualität der Artikel. Sie ist einfach nicht wirklich interessant. Die Kritik trifft um so stärker, als ja eine Menge professioneller Journalisten mitarbeitet.

0 6

Re: Re: Freie P. oder oe24?

German Angst.Bettler Angst.Deine Angst.Alles was deine lebenslinie negiert macht dir angst und dagegen kämpft s du an.Aber deine angst frißt deine seele auf.Das sollte dir angst machen.Wieso hast du angst vor organisierten bettlern?.Bist du schwach ja oder nein zu sagen?.

Re: Re: Freie P. oder oe24?

mangelnde qualitaet der artikel ist nix augustin-spezifisches, das hat eben dieser mit vielen anderen oesterreichischen zeitungen gemeinsam, vor allem mit jenen aehnlichen formates ....

Der Augstin deckt eine Lücke

Aus meiner Sicht - und als langjähriger Augustin-Leser - deckt der Augustin eine wichtige Lücke in der derzeitigen Medienlandschaft ab, Er gehört keiner größeren Verlagsgruppe, er nimmt keine Werbung - deswegen kann er unabhängig berichten. Je nach Korrespndent macht er das besser oder schlechter (wie jede Zeitschrift) aber grosso modo kann man hier Informationen lesen, die man in anderen Zeitschriften vergeblich sucht. Relevante Informationen, die über das Tagespolitische Geschäft hinausgehen.
Ich empfehle allen, die den Augsutin noch nie oder lange nicht mehr gelesen haben, einmal die Serie zur Rolle des Raiffeisen-Konzerns in Österreich zu lesen. In Kurier, Profil, Format, ... wird man so was nichtt lesen - sie gehören der Raiffeisen. Und die anderen Mainstream-Medien sind von Inseratengebern abhängig, mit denen sie sich's nicht verscherzen wollen (NÖM, Schärdinger, Lagerhaus, Agrana, ...).
Deswegen habe ich mich auch entschlossen, einer der Förderer zu werden - weil diese Zeitung in Österreich wichtig ist - über die direkte Hilfe für die Verkäufer hinaus.

@Allen, die sich über das Betteln beschweren: Ich bin noch nie von Augustin-Verkäufern angeschnorrt worden, allerdings schon oft von anderen Strassenzeitungsverköufern (z.B. Bunte Zeitung, Uhudler, etc.). War es bei allen Beitrags-Schreibern wirklich der Augustin, den sie meinen, oder werden hier zT alle pauschal verurteilt, weil "die sind ja eh alle gleich"?

Antworten Gast: UKW
03.06.2012 21:03
1 0

Re: Der Augstin deckt eine Lücke

"er nimmt keine Werbung"

Na wenn 3.600,- Euro für ein Inserat auf einer Doppelseite nichts ist, dann ist eh alles in Ordnung.

http://www.augustin.or.at/article244.htm

Re: Der Augstin deckt eine Lücke

die stories zum gruenen riesen unterm gelben giebelkreuz sind genial u duerfen - pressefreiheit hin oder her - in anderen medien nicht erscheinen - schon allein deswegen gehoert der augustin gefoerdert. und gehoert die agrana nicht auch zum raiffeisenimperium?

Gast: aufgrund willkürlicher dauerzensur nur mehr ohne nick
03.06.2012 16:37
9 3

warum ich den augustin NICHT mehr kaufe

früher - vor ca. 10, 15 jahren - hatte ich einen "stamm-augustin-verkäufer" - einen netten, ruhigen ÖSTERREICHER. seit der augustin-verkauf nur mehr fest in ausländischer, penetranter hand ist (zb vor JEDEM supermarkt in meiner nö heimatstadt + umgebung), kaufe ich keinen mehr.
so schauts aus.

Augustin-Verkäufer

nicht nur bei meinem Lieblings-Markt, sondern auch überall anders in der Stadt. Er ist immer gut gekleidet und nervt gewaltig. Einmal habe ich ihm was gegeben. Aber er steht da schon seit gut zwei Jahren. Als ich mal auf die Bank musste, habe ich gesehen, dass er auch beim Spar steht. Er hat offenbar seine Zeiten. In unserem Städtlein liegen die Märkte gut beieinander, sodass man alle auch zu Fuß erreichen kann - Spar, Billa, Hofer, Lidl, DM usw. Jung und kräftig. Da frage ich mich, kann er nicht was arbeiten? Ich müh mich ab mit meinem Einkauf und am Ende soll ich mein Geld hergeben für den sonnengebräunten, gut gekleideten Nichtsnutz?

Antworten Gast: Sokrates3000
03.06.2012 19:21
2 8

Nichts kapiert!?

Er arbeitet als Zeitungsverkäufer, falls Ihnen das noch nicht aufgefallen ist!

Re: Nichts kapiert!?

Na jetzt aber Bumsti !!
Zeitungsverkäufer nennt man das jetzt?

Re: Nichts kapiert!?

Er ist Bettler.

Re: Augustin-Verkäufer

Nein, er kann leider nichts arbeiten. Asylanten dürfen nämlich in Österreich nicht arbeiten.

Bedanken Sie sich bei den Politikern!

Re: Re: Augustin-Verkäufer

Asylwerber dürfen nicht arbeiten, Asylanten sehr wohl.

Re: Re: Re: Augustin-Verkäufer

Nicht unbedingt - es kommt auf die Art des Aufenthaltstitels an:

http://www.arbeiterkammer.at/online/beschaeftigung-in-oesterreich-10673.html

Re: Re: Augustin-Verkäufer

Wir haben jetzt schon hunderttausende Arbeitslose. Millionen von Osteuropäern können jederzeit nach Österreich kommen u. Grundsicherung, Ausgleichszulage usw. einfordern. Wollen sie, dass Österreich diese Leistungen der ganzen Welt anbietet. Sind sie dumm oder was.

Re: Re: Re: Augustin-Verkäufer

Was sie schreiben ist absolut die Unwahrheit! Die Mondestsicherung kann erst nach mehr als einem Jahr Aufenthalt und nur unter bestimmten Voraussetzungen auch an EU-Bürger ausgezahlt werden.

Nichtsdestotrotz sehe ich ebenso das Problem mit dem Augustin. Ich habe eine Verkäuferin die mich selbst wenn ich die Zeitung am selben Tag gekauft habe mich anschnorrt ich möge noch eine kaufen. Und das Tag um Tag... Ich finde sie ja nett aber ich habe das Geld selbst nicht und gehe bei 2Jobs arbeiten+Studium

Re: Re: Re: Augustin-Verkäufer

Was jetzt?

Wollen Sie lieber, dass die Asylanten bzw. Asylwerber von Unterstützungen leben oder wollen Sie, dass diese für ihren Unterhalt arbeiten?

Man kann es nicht jedem Recht machen, also entscheiden Sie sich, was Sie wollen!

Re: Re: Re: Re: Augustin-Verkäufer/DieSenferin

Na, Sie sind mir aber eine Fröhliche! "Linker Schmarotzer" soll sich entscheiden? Na, so weit käm's noch! Da entzöge er doch glatt seinen Stammtischsudereien die Grundlage!

 
12 3

Wetter

  • Aktuelle Werte von
    04:00
    Wien
    Steiermark
    Oberösterreich
    Tirol
    Salzburg
    Burgenland
    Kärnten
    Vorarlberg
    Niederösterreich

Jetzt Panorama-Newsletter abonnieren

Der tägliche Überblick mit den wichtigsten Meldungen zu den Themen Chronik, Wien und Umwelt. Kostenlos.

Newsletter bestellen

Code schwer lesbar? » Neu laden

AnmeldenAnmelden