Die Philharmoniker tanzten für eine halbe Million

Sommernacht Schönbrunn. 100.000 waren live im Schlosspark, fast 500.000 via TV dabei. Anmerkungen zu einem Erfolg.

Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker im Schloss Schoenbrunn
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Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker im Schloss Schoenbrunn
(c) dapd (Lilli Strauss)

Selbstläufer nennt man so etwas: Die Wiener Philharmoniker spielen – unter welchem Dirigenten auch immer, was auch immer – im kaiserlichen Park von Schönbrunn, das Publikum strömt massenweise herbei, daheim verfolgen fast eine halbe Million Zuseher die musikalischen Darbietungen via TV. 65 Fernsehstationen auf allen Kontinenten übernehmen die Sendung. Mehr Argumente dafür, wie wichtig Kultur in den Medien ist – nicht nur als Imagewerbung nicht nur für den Uhrenerzeuger, den unser Meisterorchester so konsequent bewirbt –, muss man wohl nicht bemühen.

Die Sache wird in jeder Hinsicht immer attraktiver – hübsche junge Damen kann das Fernsehen nicht nur beim Picknick zeigen, sondern seit der Öffnung des musikalischen Herrenbundes für die geigende und cellospielende Damenwelt auch bei der Arbeit. Das Staatsballett schwingt überdies das Tanzbein – auch wenn es nur ganz zuletzt ein Wiener Walzer ist, der dazu verführt.

Ein Konzert unter Gustavo Dudamel, dem Senkrechtstarter aus Venezuela, basiert eher auf Tanzmusik russischer oder italienischer Provenienz, auf Musik, die sich für zündenden Effekt, wie man ihn etwa in Hollywood Bowl schätzt, ge- oder missbrauchen lässt. So gesehen, muss ein Konzert in Schönbrunn nicht auch noch als „typisch wienerisch“ durchgehen. Diesbezügliche Klischees bedienen die Philharmoniker ja am 1.Jänner zur Genüge. In der „Sommernacht“ war ja auch schon Filmmusik papabile. Dergleichen könnte natürlich jedes Orchester in jedem x-beliebigen Garten der Welt darbieten – die Frage ist nur, wie viele Menschen sich dann via TV zuschalten würden.

Die Probe aufs Exempel wollen wir lieber nicht machen. Wie und womit sich die Philharmoniker in aller Welt präsentieren, überlassen wir ihnen selbst. Der Erfolg gibt ihnen recht – und sollte vielleicht Wasser auf die Gebetsmühlen der Verfechter von mehr Kultur im öffentlich-rechtlichen TV sein. Wer fast 20 Prozent Reichweite mit einem symphonischen Programm erzielen kann, auf dem nicht vorrangig die Namen Mozart oder Johann Strauß, sondern Claude Debussy, Amilcare Ponchielli, Alexander Borodin oder Modest Mussorgsky prangen, der sollte das als Auftrag werten.

Wenn da mehr als 400.000 Zuschauer konsequent dabei bleiben, also nicht nach ein paar Minuten den Sender wechseln, dann bedeutet das, dass sämtliche medienpolitischen Weisheiten, die prophylaktisch gleich die ganze Kultur auf ein Nebengleis verbannen und zwei öffentlich-rechtliche Hauptsender anspruchsarm bis -frei halten, in den Binsen gehen.

 

Kultur nicht nur in ORF III

Nichts gegen ORF III, ganz im Gegenteil: Ein Kulturland sollte sich eine reine Kulturschiene tatsächlich leisten. Es sollte aber mit den nicht geringen Zwangsgebühren auch im „Hauptprogramm“ ganz aktuell transportieren lassen, was zwischen Boden- und Neusiedlersee an kulturellen Hervorbringungen so (gefördert) produziert wird.

Diverse „Sommernächte“ könnten dafür als Leuchttürme dienen. In Kürze geht es ja weiter: Auch Grafenegg – dank Rudolf Buchbinders energetischem Intendanten-Engagement binnen weniger Jahre zu einem internationalen Festival-Begriff geworden – setzt ein Open-Air-Signal. Heuer treffen einander im Wolkenturm Joyce DiDonato und Michael Schade und bringen mit den Tonkünstlern unter deren viel gelobtem Chef Andres Orozco-Estrada ein Programm, das nicht minder bunt ist als jenes, das uns die Philharmoniker eben beschert haben: Es reicht von Rossini bis Bernstein und Gershwin (22.Juni).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)

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