Die Philharmoniker tanzten für eine halbe Million

08.06.2012 | 22:55 |  WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

Sommernacht Schönbrunn. 100.000 waren live im Schlosspark, fast 500.000 via TV dabei. Anmerkungen zu einem Erfolg.

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Selbstläufer nennt man so etwas: Die Wiener Philharmoniker spielen – unter welchem Dirigenten auch immer, was auch immer – im kaiserlichen Park von Schönbrunn, das Publikum strömt massenweise herbei, daheim verfolgen fast eine halbe Million Zuseher die musikalischen Darbietungen via TV. 65 Fernsehstationen auf allen Kontinenten übernehmen die Sendung. Mehr Argumente dafür, wie wichtig Kultur in den Medien ist – nicht nur als Imagewerbung nicht nur für den Uhrenerzeuger, den unser Meisterorchester so konsequent bewirbt –, muss man wohl nicht bemühen.

Die Sache wird in jeder Hinsicht immer attraktiver – hübsche junge Damen kann das Fernsehen nicht nur beim Picknick zeigen, sondern seit der Öffnung des musikalischen Herrenbundes für die geigende und cellospielende Damenwelt auch bei der Arbeit. Das Staatsballett schwingt überdies das Tanzbein – auch wenn es nur ganz zuletzt ein Wiener Walzer ist, der dazu verführt.

Ein Konzert unter Gustavo Dudamel, dem Senkrechtstarter aus Venezuela, basiert eher auf Tanzmusik russischer oder italienischer Provenienz, auf Musik, die sich für zündenden Effekt, wie man ihn etwa in Hollywood Bowl schätzt, ge- oder missbrauchen lässt. So gesehen, muss ein Konzert in Schönbrunn nicht auch noch als „typisch wienerisch“ durchgehen. Diesbezügliche Klischees bedienen die Philharmoniker ja am 1.Jänner zur Genüge. In der „Sommernacht“ war ja auch schon Filmmusik papabile. Dergleichen könnte natürlich jedes Orchester in jedem x-beliebigen Garten der Welt darbieten – die Frage ist nur, wie viele Menschen sich dann via TV zuschalten würden.

Die Probe aufs Exempel wollen wir lieber nicht machen. Wie und womit sich die Philharmoniker in aller Welt präsentieren, überlassen wir ihnen selbst. Der Erfolg gibt ihnen recht – und sollte vielleicht Wasser auf die Gebetsmühlen der Verfechter von mehr Kultur im öffentlich-rechtlichen TV sein. Wer fast 20 Prozent Reichweite mit einem symphonischen Programm erzielen kann, auf dem nicht vorrangig die Namen Mozart oder Johann Strauß, sondern Claude Debussy, Amilcare Ponchielli, Alexander Borodin oder Modest Mussorgsky prangen, der sollte das als Auftrag werten.

Wenn da mehr als 400.000 Zuschauer konsequent dabei bleiben, also nicht nach ein paar Minuten den Sender wechseln, dann bedeutet das, dass sämtliche medienpolitischen Weisheiten, die prophylaktisch gleich die ganze Kultur auf ein Nebengleis verbannen und zwei öffentlich-rechtliche Hauptsender anspruchsarm bis -frei halten, in den Binsen gehen.

 

Kultur nicht nur in ORF III

Nichts gegen ORF III, ganz im Gegenteil: Ein Kulturland sollte sich eine reine Kulturschiene tatsächlich leisten. Es sollte aber mit den nicht geringen Zwangsgebühren auch im „Hauptprogramm“ ganz aktuell transportieren lassen, was zwischen Boden- und Neusiedlersee an kulturellen Hervorbringungen so (gefördert) produziert wird.

Diverse „Sommernächte“ könnten dafür als Leuchttürme dienen. In Kürze geht es ja weiter: Auch Grafenegg – dank Rudolf Buchbinders energetischem Intendanten-Engagement binnen weniger Jahre zu einem internationalen Festival-Begriff geworden – setzt ein Open-Air-Signal. Heuer treffen einander im Wolkenturm Joyce DiDonato und Michael Schade und bringen mit den Tonkünstlern unter deren viel gelobtem Chef Andres Orozco-Estrada ein Programm, das nicht minder bunt ist als jenes, das uns die Philharmoniker eben beschert haben: Es reicht von Rossini bis Bernstein und Gershwin (22.Juni).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)

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11 Kommentare
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Eine typische ORF Inszenierung

Viel Lärm um nichts außer der Hohen Ausgaben auf Kosten der Steuerzahler .

Gast: RPH
10.06.2012 01:42
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Es war das falsche Programm !


Die echten musiksalische und akustische Qualität verlangenden Musikfreunde gehen in Wien in die Oper, den Musikverein oder das Konzerthaus und nicht zu einem OpenAir, wo schon der leichteste Wind den Ton verträgt und die Akustik zu Wünschn lässt. ! So eine Veranstaltung hat für mich primär den Sinn, nicht Klassik interessierten Leuten zu helfen, zu dieser schönen Musik zu finden und sie dabei so zu begeistern, daß sie sich in Zukunft auch mit der KLassik befassen und so den Weg in Oper und den Konzertsaal finden.

Doch dieses Programm war zum positiven Unterschied der letzten Jahre - außer dem Strausswalzer und dem wunderbaren spanischen Stück - für die Masse zu schwer. Der Schleiertanz aus der Salome ist für dieses Publikium schwer verständlich und da gibt es vom Richard Strauss doch andere Kompositionen, wie zum Beispiel "Till Eulenspiegels lustige Streiche", die um neue Klassikfreunde zu finden leichter ins Ohr gehen. Denn bei zu schwerer Musik kann man genau das Gegenteil erreichen und das wäre dann leider nicht der Sinn der Sache !

es war stinklandweilig



anfangs schön für die augen, warum man die tänzer im wasser hopsen lies, grässliche choreographie, by the way!

und der dirigenten gnom masslos überschätzt wie so vieles was von der schiene barenboim, abbado, rattle kommt.

ein 2 stern event welches in 3. welt länder übertragen wurde.

Es war vor allem ein Spektakel!

Ein Augenschmaus waren die Beleuchtungseffekte am Schloss und an der Gloriette schon, aber ob diese Musik als Ohrenschmaus für eine halbe Million Zuschauer geeignet ist, möchte ich bezweifeln!

Drei schwermütige Russen, ein geistreichelnder Franzose und ein italienischer Kleinmeister aus dem Biedermeier sind doch eher etwas für Connaisseure als für ein Massenpublikum!

Wenn viele "dabei bleiben, also nicht nach ein paar Minuten den Sender wechseln", so könnte das nur deshalb gewesen sein, weil sie erst später wieder aufgewacht sind!

Antworten Gast: leRenard
09.06.2012 16:54
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Re: Es war vor allem ein Spektakel!

... ich (leidenschaftlicher blue collar worker) habe es genossen ... habe sogar den USB-DVB Stick angehängt und gegen das Gesetz verstoßen (da ich mir die GIS Gebühren nicht leisten kann habe ich kein fernsehen angemeldet).

Die Beleuchtung war superb ... der Tanz auf dem Teich hinter der Gloriette wunderbar ... aufwendiger also sonst... und ein sehr sympathischer Dirigent. Habs aufgezeichnet und werden file behalten. BTW: das "Star Wars" Konzert von 2010 ist auf youtube sehr gefragt.

Antworten Gast: Mac Meier
09.06.2012 15:57
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Re: Es war vor allem ein Spektakel!

Es gibt mehr Connaisseure als Sie denken, liebes Periskop. Aber wenn Sie halt nur dann und wann auftauchen, haben Sie das unter Umständen nicht mitbekommen. Sie sind entschuldigt!

Gast: finale
09.06.2012 08:41
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Der Tanz auf dem Vulkan

in den nächsten Wochen werden die "vereinigten Staaten von Europa" installiert werden und die Demokratie ist damit Geschichte. Mit Verzögerungen, z.B. durch eine Volksabstimmung, wird man sich dabei nicht aufhalten lassen. Die Überwachung der Bürger ist ebenso Realität, wie es die Verluste der Sparguthaben nach der Währungsreform sein werden.
Da macht so ein Tanzerl schon richtig Freude!
Da capo!

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Re: Der Tanz auf dem Vulkan

hoffenlich kommen sie bald,die vereinigten staaten von europa.ansonsten werden wir marginalisiert in der welt.bei den mitgliedern der philharmoniker gibt es diese intenationalität schon.

Antworten Gast: Vogel Strauss
09.06.2012 09:53
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Re: Der Tanz auf dem Vulkan

Brot und Spiele - das wußten schon die alten Römer, was es braucht, um das Volk ruhig zu halten ...

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die fernsehübertragung

war ja nicht schlecht,aber wenn man direkt vor ort ist schaut es anders aus.der ton ist meistens zu leiseuu zu trocken,kein wunder bei dem riesigen gelände.das kann man nicht gleichmäßig beschallen.der einzig richtige verstärker für klassische musik ist ein guter konzertsaal.wenn lautsprecher muß das sehr,sehr gut gemacht sein.
das publikum steht oder sitzt auf den staubigen kieswegen,der rasenflächen sind gesperrt u. teilen das publikum.es kommt zu keiner einheit von bühne u. zuhörern.
eine lösung wäre :bühne ober halb des brunnens,das publikum auf der wiese vor dem belvedere.aber da das wir wohl nicht erlaubt..so bleibt das publikum stffage für eine fernsehübertragung.

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die fernsehübertragung


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