Mietküchen: Kochen ohne abspülen

Frei nach dem Prinzip „Rent a kitchen“ steigt in Wien die Nachfrage, außer Haus zu kochen – mit oder ohne professionelle Hilfe. Das Schlachtfeld säubern andere.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Das Wohnzimmer wandert oft und gern. Am meisten wohl in das Stammlokal, das die Ehrenbezeichnung „verlängertes Wohnzimmer“ erhält. Neuerdings wandert auch die Küche oft und gern. In die Goldeggasse auf der Wieden zum Beispiel, wo Alfred Weber die „Kochlounge“ betreibt: eine knallrote Küche, weiße Sofas, eine lange Speisetafel und zusätzliche Notwendigkeiten wie eine Kaffeemaschine.

Diese Küche vermietet Weber – an Firmen, die ihre Mitarbeiter einladen, oder an Private, die ihre Einladungen hier ausrichten. Denn in Wien erfreuen sich küchentechnische Auslagerungen immer größerer Beliebtheit, frei nach dem Prinzip „Rent a kitchen“. Warum in einer fremden Küche kochen, in der die Salatschüssel erst gesucht werden muss? Weil genügend Platz für eine große Runde ist, sagt Weber. Und weil Mieter der Kochlounge nach dem Festmahl das Schlachtfeld nicht aufräumen müssen.

 

Geburtstag ja, Polterabend nein

Die Nachfrage sei jedenfalls groß – Werbung müsse er keine machen. Die rote Küche habe sich schnell herumgesprochen. Erst kürzlich habe eine, sagen wir, knochentrockene Anwaltsrunde hier ein Abendessen veranstaltet: „Am Anfang waren alle per Sie, am Ende dann per Du.“ Wenn Arbeitgeber Mitarbeiter zum Kochen einladen, soll das das Team stärken. Mit demselben System könnten Kunden enger an Unternehmen gebunden werden. Bei privaten Mietern hingegen würden eher Geburtstage oder sonstige Anlässe im Vordergrund stehen.

Um die Einrichtung seiner Küche macht sich Weber keine Sorgen: „Die Leute gehen viel schonender damit um, als man glauben würde.“ Er habe noch nie eine Zigarette vom Boden klauben müssen – und dass hie und da Gläser zerbrechen, gehöre nun einmal dazu. Selbst an den teils wüsten Anblick am Tag danach habe sich Weber gewöhnt. Neben Infrastruktur wie Messer und Töpfe stellt der Kochlounge-Betreiber Mietern auch Rohmaterial wie Olivenöl, Gewürze, aber auch Mondäneres wie flüssiges Salz zur Verfügung (die Miete beträgt 390 Euro für einen Nachmittag/Abend). Bei größeren Einladungen empfehle er, einen Koch zu mieten, damit der Gastgeber nicht ins Trudeln komme. Aber nicht jede Art von Veranstaltung könne man hier abhalten, sagt Weber. Ein Polterabend wurde abgelehnt, da viel Lärm befürchtet wurde. Die Kochlounge befindet sich in einem Innenhof, überhaupt ist die Goldeggasse eine eher ruhige Wohngegend.

Etwas außerhalb in Penzing liegt die Kochschule „Artcooking“. Auch hier spricht man von steigender Nachfrage. Dabei, so die Mitarbeiterin Ulli Goschler, würden mehr Firmen (z. B. Weihnachtsfeiern) als Privatpersonen (für Hochzeitsfeiern, Familienfeste) Interesse zeigen. Die meisten Veranstaltungen würden unter Anleitung stattfinden. Heißt: Entweder ein Kursleiter – etwa ein Ernährungsexperte – ist anwesend oder ein Koch. Auch wenn Profis alle Geheimnisse preisgeben würden: Die, die einmal da waren, so Goschler, würden wiederkommen.

Auf einen Blick

Rent a kitchen – einen Tag oder einen Abend.

Kochlounge. Goldeggasse 9/40, 1040 Wien. 0676 847310 666.

Artcooking. Zehetnergasse 13, 1140 Wien. 0664 84 71 266.

Das Kochwerk. Esteplatz 5, 1030 Wien. 0676 32 42 657.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)

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