Irgendwie sind die Deutschen schuld. Gemeinsam Fußballspiele verfolgt hat man zwar schon immer. Wenn nicht im Stadion, dann daheim vor dem Fernsehgerät, in Männerrunde im Beisl ums Eck. Seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland aber, als zehntausende Fans auf deutschen Plätzen gemeinsam auf große Leinwände gestarrt, dabei gefeiert, gejubelt, getrauert haben, ist „Public Viewing“ auch bei uns groß und fixe Zutat des Freizeitalltags geworden.
Zu jedem größeren (Sport!) oder kleineren („Tatort“-Krimis) Ereignis wird auch in Wien zum Gemeinsam-öffentlich-Schauen geladen. Natürlich auch zur derzeit laufenden Euro 2012. Ganz so Public-Viewing-verwöhnt wie zur EM 2008, als in Österreich als Ko-Gastgeberland an jeder Ecke eine Leinwand aufgestellt wurde, ist man dieses Mal zwar nicht.
Was nicht nur daran liegt, dass die große Fanzone auf dem Ring fehlt, sondern auch daran, dass die Stadt Wien heuer – anders als 2008 – keine Pauschalbewilligung für das Aufstellen von Bildschirmen in Gastgärten erlassen hat. Woran sich natürlich nicht alle Wirte strikt halten. Es gibt aber auch Orte – an denen keine Anrainer gestört werden – mit offizieller Erlaubnis zum Freiluft-Übertragen: vom Donaukanal bis zu den Gürtelbögen. Und die sind – zumindest bei Schönwetter – zumeist sehr gut besucht, einige, wie das WUK, mussten sogar schon Gäste wegen Überfüllung abweisen.
Dass das Interesse am gemeinsamen Fußball-Mitverfolgen gestiegen ist, glaubt Andrea Engleder, Psychologin beim Österreichischen Bundesnetzwerk Sportpsychologie, aber nicht. „Brot und Spiele“ hätten bekanntlich schon im alten Rom die Massen angezogen. „Und besonders Fußball hat die Menschen immer schon begeistert.“ Im Unterschied zu anderen, statischeren Sportarten erlebe man beim Fußball – Spiegelneuronen sei Dank – „mit, wie sich die Spieler freuen, wie sie jubeln und enttäuscht sind“. Und das funktioniere in der großen Gruppe vor dem Bildschirm eben noch viel besser als allein daheim vor dem TV-Gerät. „Das sind intensive, positive Emotionen,“ sagt Engleder. „Das gefällt den Menschen einfach.“
Zumal die technischen Möglichkeiten sich verbessert haben. Dank Großleinwänden und HD-Bildqualität „kann man heute die Körpersprache der Spieler noch viel näher erleben“. Und das scheint zu verbinden: Nach einem Tor oder einer Fehlentscheidung des Schiedsrichters kommt man beim Fußballschauen plötzlich mit Fremden ins Gespräch. „Und wann,“ sagt Engleder, „würde das einem je in der U-Bahn oder anderswo passieren?“
„Die Presse am Sonntag“ hat das Public-Viewing-Angebot in Wien gesichtet und stellt Orte vor, an denen sich die Euro-Spiele gut, laut, in der großen Gruppe oder unter echten Fußballauskennern verfolgen lassen. Sechs Empfehlungen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit natürlich. Oder Objektivität.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)
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