Sie hat kein eigenes Rathaus, keine eigene Postleitzahl – und sie hat nicht einmal Einwohner. Und doch ist die Donauinsel mit ihren 3,9Quadratkilometern ein Teil der Stadt, der seine eigene Identität hat. Und wenn man so will, hat diese 21Kilometer lange Insel, die die Donau von der Neuen Donau trennt, sogar so etwas wie einen Bürgermeister: Gerald Loew ist als Leiter der MA45 – Wiener Gewässer letztverantwortlich für so ziemlich alles, was auf der Insel geschieht. Und das ist gerade an diesem Wochenende um einiges mehr als im Rest des Jahres. Mehrere hunderttausend Menschen kommen von Freitag bis Sonntag auf das Gelände, um das Donauinselfest, das größte Gratis-Open-Air-Festival Europas, zu besuchen – im Vorjahr wurden an den drei Tagen insgesamt 2,8Millionen Besuche registriert.
„Wir haben den Part des Grundeigentümers, wir stellen den Ort zur Verfügung“, sagt Loew. Die Veranstaltung selbst wird von der Wiener SPÖ ausgerichtet – an sie wird der Grund vermietet. Sie ist es auch, die über die Agentur Pro Event das Fest organisiert, sich um den Aufbau der Bühnen und all die Logistik auf, vor und hinter den Bühnen kümmert. „Aber als Eigentümer ist die MA45 bei sämtlichen Dingen, etwa behördlichen Besprechungen, voll eingebunden.“ Ein Fokus der Magistratsabteilung liegt darauf, dass bei der Massenveranstaltung möglichst wenig Schaden an der Insel entsteht und sie danach möglichst schnell wieder als Erholungsgebiet genützt werden kann.
Der Begriff „Eigentümer“ ist im Fall der Donauinsel allerdings ein etwas verworrener – bevor das Entlastungsgerinne ausgehoben und mit dem Aushubmaterial die Donauinsel aufgeschüttet wurde, gehörte das Gebiet zu zwei Dritteln der Stadt Wien, zu einem Drittel der Republik Österreich. Und dabei ist es auch geblieben – rein rechtlich handelt es sich bei der Insel allerdings um kein öffentliches Eigentum, sondern um Privatgrund, der aber öffentlich zugänglich ist. Um die Eigentümerfrage noch ein wenig komplizierter zu machen, gibt es auf der Donauinsel auch noch zwei kleine Teilstücke, die zu 100Prozent der Stadt Wien gehören – die beiden Bereiche wurden anlässlich der für 1995 geplanten Expo umgewidmet, aber das nur nebenbei.
Stadt Wien haftet. Die Besucher merken von diesen Eigentümerverhältnissen auf der Insel nicht viel – und doch können sie handfeste Konsequenzen haben: „Wenn ein Fußgänger über ein Loch auf der Straße stolpert, ist der Eigentümer verantwortlich“, sagt Loew. Denn damit hafte die Stadt Wien für jeden Unfall auf der Insel, der durch ihre Schuld oder ihr Versäumnis einer Reparatur verursacht wird.
Die MA45 hat sich darum zu kümmern, dass eben nichts dergleichen passiert. Dass niemand auf der Insel gefährdet ist, dass die Toilettenanlagen funktionieren, dass die Mistkübel geleert werden – wobei man diese Aufgabe vor zwei Jahren an die Kollegen von der MA48 (Abfallwirtschaft) ausgelagert hat – und dass das Gelände regelmäßig gereinigt wird. All das Dinge, die auch während des ganzen Jahres zu erledigen sind, allerdings in einer nicht annähernd so hohen Intensität wie an diesen drei Tagen.
4,5 Kilometer Festival. Intensität, dieser Begriff drängt sich auf, wenn der Blick auf die Massen fällt, die sich während des Donauinselfests auf den 4,5Kilometern zwischen Reichsbrücke und Nordbrücke bewegen, zwischen den 20 verschiedenen Themeninseln mit Auftritten von rund 2000Künstlern und den rund 300Gastronomie- und Verkaufsständen pendeln. Vor allem bei Auftritten zugkräftiger Künstler kann es dabei richtig eng werden – beim Auftritt von Rainhard Fendrich, der 2007 statt des zwei Tage zuvor verstorbenen Georg Danzer auf der Hauptbühne spielte, schauten etwa 200.000 Menschen zu. Getoppt wird diese Zahl noch von der Kelly Family – 1995 drängten sich ihretwegen 250.000Menschen vor der größten Bühne des Festivals. Ebenfalls rund 250.000Zuseher kamen 1992 zum Auftritt von Udo Jürgens.
Derartige Dimensionen waren jenseits aller Vorstellungen, als 1983 das erste Fest auf der Insel gefeiert wurde. Noch inoffiziell und als „kulturelles Frühjahrsfest“ gedacht, erwartete man etwa 15.000 Besucher, die sich rund um die Floridsdorfer Brücke die Auftritte heimischer Musiker wie Minisex und Tom Pettings Herzattacken ansehen würden – letztlich wurden 160.000Menschen gezählt. Ein überraschender Erfolg, der gleich 1984 zum ersten offiziellen Donauinselfest führte, das fortan jährlich stattfinden sollte.
Von rund 400.000Besuchern im Jahr 1984 stiegen die Zahlen über die Jahre immer stärker an, zunehmend geriet das Festival zur Jagd nach Rekorden. Um die drei Millionen Besucher konnte die Wiener SPÖ in den vergangenen Jahren regelmäßig vermelden, an besonders verregneten Wochenenden gelegentlich auch weniger. Dass es sich mangels zählbarer Tickets nur um Schätzungen durch den Veranstalter handelt, die vielleicht auch etwas großzügiger ausfallen, sei einmal dahingestellt. Faktum ist, dass es während des Festivals schon auch einmal sehr eng werden konnte. So eng, dass man sich 2011 entschloss, die Rekordjagd zu beenden – und durch die Zusammenlegung von Bühnen mehr Freiraum zu schaffen, damit ein flüssigerer Zu- und Abstrom der Massen möglich ist.
Doch auch wenn es nicht mehr um Rekorde geht, der Aufwand bleibt enorm: 120Zelte sind auf dem Festivalgelände aufgestellt, 40Überwachungskameras an strategisch wichtigen Punkten montiert, rund 7,5Kilometer Absperrungen wurden aufgestellt, dazu 230Mobilklos und 31WC-Container. Dazu kommen 40 Kilometer Stromkabel, die zum Teil auch noch vergraben werden, damit niemand darüber stolpert. Und auch aus finanzieller Sicht ist das Donauinselfest mit einem Gesamtbudget von 4,2Millionen Euro, davon etwa 1,3Millionen an Subventionen durch die Gemeinde Wien, nach wie vor ein Großevent. Daran ändert auch nichts, dass die Unterstützung des SP-Fests durch die Stadt geringfügig gekürzt wurde, damit auch der grüne Koalitionspartner im Herbst ein eigenes Festival ausrichten kann – die Hauptlast daran trug übrigens die Wiener ÖVP, deren Budget für ihr Stadtfest sogar halbiert wurde.
Am Ende des Donauinselfests wird trotz allem einiges an Aufräumarbeit zu leisten sein, wird Gerald Loew mit seinen Mitarbeitern die Insel wieder in einen Zustand versetzen müssen, der von einem Erholungsgebiet erwartet wird. Ein Gebiet, zu dem der MA-45-Leiter selbst lange gar keine Beziehung hatte. „Die habe ich erst entwickelt, als ich vor fünf Jahren diesen Job übernommen habe.“
Wobei die Pflege, Erhaltung und Gestaltung des Erholungsraums Donauinsel nur ein Teilaspekt seiner Arbeit ist. Der zweite große Teil ist die Nutzung der Insel als Hochwasserschutz, was ja auch ihr ursprünglicher Zweck ist. Dazu gehört unter anderem die Pflege der drei Wehre, mit denen der Wasserstand der Neuen Donau reguliert werden kann. Und schließlich hat die MA45 auch die Aufgabe, regelmäßig das Wasser von Donau und Neuer Donau zu überprüfen – alle 14Tage gibt es eine chemische Überprüfung, alle vier Wochen untersuchen Taucher die Wasserpflanzen, und auch die Fische stehen unter regelmäßiger Beobachtung der Stadt.
Streit um den Grillplatz. Rund zwei Wochen dauere es, bis nach dem Donauinselfest wieder alles so sei wie vorher, bis wieder die übliche Routine einkehre – und die MA45 sich wieder den alltäglichen Problemen auf der Insel widmen kann, etwa den Grillplätzen und Grillzonen. Elf Mitarbeiter sollen sich hier darum kümmern, dass die Spielregeln eingehalten werden. So wie das auch zehn mobile Inselteams machen, die mit Fahrrädern über die Insel patrouillieren, während eine achtköpfige Insel-Soko akute Reparaturaufträge auf der Insel erledigen soll. Ein Aufwand, den die Stadt Wien seit einigen Tagen sogar mit einer eigenen Plakatkampagne bewirbt. Die Stadt Wien ist es letztlich auch, die die Oberhoheit über die Insel hat – über die MA45, die dem Büro von Umweltstadträtin Ulli Sima unterstellt ist, die wiederum zum Team von Wiens Bürgermeister Michael Häupl gehört. Insofern ist auch klar, warum die Wiener Donauinsel kein eigenes Rathaus braucht. Und man den Verantwortlichen für die Donauinsel auch nur als „so etwas wie einen Bürgermeister“ bezeichnen kann.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)
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