WIEN. Die lichtdurchfluteten Gänge des Wiener Messezentrums hatten sich schon vor Abschluss der 18. internationalen Aids-Konferenz am Freitagnachmittag geleert. Viele der Delegierten, die in der vergangenen Woche mit ihren rot-weißen Taschen Wien bevölkert hatten, waren schon vor der Schlussveranstaltung abgereist.
Als jedoch in Saal eins die Nachricht die Runde machte, dass US-Präsident Barack Obama ein Statement abgeben würde, kam noch einmal Aufgeregtheit in die Menge – auch wenn Obama nur per Videobotschaft zugeschaltet wurde. Dass sich der US-Präsident höchstpersönlich an die Konferenzteilnehmer wandte, zeigt, dass das Thema Aids in den höchsten Etagen angekommen ist – und dass die USA die Ausrichtung der 19. Aids-Konferenz in zwei Jahren bestreiten.
Was bleibt von der sechstägigen Mammutkonferenz in Wien? Die Ärztin Brigitte Schmied, als Chefin der Österreichischen Aids-Gesellschaft eine der Organisatorinnen der Veranstaltung, zieht eine positive Bilanz: „Es war eine lebendige und energiereiche Konferenz“, meinte sie. Neben Aktivisten hätten sich auch viele Politiker eingefunden – wie der Vizepräsident und der Gesundheitsminister Südafrikas (das Land mit der höchsten Zahl an HIV-positiven Menschen weltweit). Ihre Teilnahme sei eine starke Botschaft gewesen.
Allerdings hat auch das Fehlen von Politikern aus Osteuropa und Zentralasien starke Signalwirkung: Die Wiener Aids-Konferenz hat den Fokus auf Russland und die Ukraine gelegt, weil dort die Zahl der HIV-Neuinfektionen explodiert. 57 Prozent davon passieren im Milieu der Drogenabhängigen.
„Wir wollten in Wien auch aufzeigen, dass Drogensucht eine Krankheit ist, die behandelt und nicht kriminalisiert gehört“, sagte Schmied. Die Regierungen Russlands und der Ukraine aber verschließen noch immer die Augen vor der sich in ihren Ländern ausbreitenden Aids-Epidemie.
Freier Wille der Erklärung
Das Abschlussdokument der Konferenz, die Wiener Erklärung, ist auf die Drogenproblematik abgestimmt (siehe Interview rechts). Darin wird eine Abkehr von der bisherigen Politik gefordert, die Drogenabhängige kriminalisiert. Die Drogenszene soll aus dem unkontrollierbaren Untergrund geholt werden. Durch eine Regulierung des Drogenmarktes könnte das HIV/Aids-Problem leichter in den Griff bekommen werden, darin sind sich Experten einig. Unterstützt wird die Wiener Erklärung zwar von Staatsoberhäuptern, allerdings ist sie für Unterzeichner nicht bindend. Die Umsetzung bleibt dem guten Willen der Verantwortlichen überlassen.
Als in Saal eins die Lichter wieder angehen, fallen sich die Delegierten zum Abschied in die Arme. Man wolle sich aber schon bald wiedersehen: 2012 in Washington, bei der nächsten internationalen Aids-Konferenz.
Die wichtigsten Errungenschaften der Konferenz:
- Die "Wiener Deklaration", die endlich eine wissenschaftsbasierte Drogenpolitik durch Medizin und soziale Dienste statt Kriminalisierung und Inhaftierung von Drogenkonsumenten und Abhängigen fordert.
- Der Nachweis, dass eine gute Behandlung einer HIV-Infektion nicht nur einen positiven Effekt auf die Gesundheit des Patienten hat, sondern ein Mittel zur Prävention von weiteren Ansteckungen darstellt.
- Der Beweis, dass durch Prävention (Safer Sex etc.) in 15 Staaten südlich der Sahara binnen fünf Jahren die Rate der Aids-Neuinfektionen bei jungen Erwachsenen um 25 Prozent verringert werden konnte.
- Ferne Aussichten auf eine mögliche Heilung - oder zumindest Kontrolle einer HIV-Infektion ohne die ständige Einnahme von Medikamenten.
- Die Nachricht, dass nunmehr bereits 5,2 Mio. Menschen mit HIV/Aids in Behandlung sind (zwölfmal mehr als 2003) und neue, bessere Behandlungsrichtlinien der WHO, welche die Betroffenen bereits früher in Therapie bringen sollen.
- Die weltweit verbreitete Forderung von Aktivisten, Geldgebern und politisch Tätigen wie Bill Clinton oder Bill Gates, dass die Regierungen gerade jetzt nicht mit der Finanzierung des Kampfes gegen HIV/Aids aufhören sollen, weil dann gewonnenes Terrain verloren geht und die Welt erst recht auf eine Aids-Katastrophe (bei extrem hohen Kosten) zusteuern würde.
- Erste Hinweise darauf, dass mit einem neuen Vaginal-Gel in Zukunft auch Frauen ein Präventionsmittel in Hand bekommen könnten, bei dem sie nicht auf die Kooperation der Männer angewiesen sind.
Zu den 248 Sitzungen und 19 Plenarreden wurden 10.831 Entwürfe eingereicht und 6238 gebilligt.
Im "Global Village" präsentierten Vertreter von 185 NGOs ihre Bemühungen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2010)
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