Projekt: Ein Start-up-Campus für Wien

Berlin hat ihn, Paris bekommt ihn – einen Start-up-Campus als Anlaufstelle für Gründer. Diese brauchen das, um sich zu vernetzen – und um voneinander zu lernen.

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Das denkmalgeschützte Stiertor bildet den Eingang zu Neu Marx. – (c) Stanislav Jenis

Wien. In Paris ist es eine riesige Zug-Umladehalle von 1929. Aufgeteilt in drei Abschnitte soll die Halle Freyssinet im 13ten Arrondissements ab Dezember 2016 rund 1000 Start-ups auf einer Fläche in der Größe von fünf Fußballfeldern beherbergen. 1000 Start-ups, so auch der Name, will damit der größte Digital-Business-Inkubator der Welt sein.

In Berlin ist es eine alte Fabrik, die auch gleich Factory heißt. In Deutschlands größtem Start-up-Campus arbeiten Neugründer neben bereits etablierten Start-ups. Das läuft so gut, dass die Factory im Juni 2015 angekündigt hat, von 16.000 Quadratmetern Fläche auf 100.000 expandieren zu wollen. Was wiederum 14 Fußballfeldern entspricht.

In London ist es ein eigenes Grätzel, das sich gerne mit New York und Silicon Valley misst. Die Tech City in London, die sich um einen alten Kreisverkehr entwickelt, beherbergt Firmen wie Amazon, Last.fm und Tweetdeck. In Wien ist es eine Idee, die noch auf dem Papier steht und seit Jahren von vielen Gründern in der Szene gefordert wird. Ein eigener Start-up-Campus in der Stadt, in dem sich Gründer treffen, austauschen und voneinander lernen können.

Denn die heimische Start-up-Szene ist erst im Entstehen, es fehlt an Vorbildern und Experten, die mit ihrem Wissen andere anleiten können. „In Österreich ist es noch immer so, dass Investoren zu wenig Geld für zu viele Anteile bei einem Start-up zahlen“, sagt Andreas Tschas, Gründer des Wiener Pioneers-Festivals, das in den vergangenen Jahren maßgeblich zur Entwicklung der heimischen Szene beigetragen hat. Wenn Florian Gschwandtner (Mitgründer der Sport-App Runtastic) miterlebt, wie sein Start-up für 220 Millionen an Adidas verkauft wird, und Verhandlungen führt, dann ist das ein Wissen, das er als einer der wenigen Gründer in Österreich an andere weitergeben kann.

Ein Campus könnte diese Art von Wissenstransfer erleichtern und auch Gründer leichter mit Investoren, aber auch etablierte Firmen zusammenbringen. Die suchen ohnehin immer öfter von sich aus Kontakt, um deren Innovationen zu sehen.

 

Szene verstreut

In Wien ist die Start-up-Szene derzeit über die halbe Stadt verstreut – de facto über die Bezirke eins bis sieben und im 15. Bezirk, wie eine neue Studie der Wirtschaftsagentur Wien besagt. Eine Anlaufstelle gibt es nicht, eher Knotenpunkte in einem Netzwerk, zu dem man sich Zugang verschaffen muss. „Es würde helfen, wenn es ein Leuchtturmprojekt gäbe, wo die Szene in der Stadt verortet ist“, sagt Tschas.

In der Stadt Wien hat man an der Idee bereits Gefallen gefunden. In Neu Marx im dritten Bezirk sollen an der Stelle, wo einst der neue ORF-Standort geplant war, nun auch Start-ups hinziehen. Neben neuen Wohnungen, Firmenflächen und Kreativprojekten. Das Wort Campus ist bei diesem städtebaulichen Projekt schon mehrmals explizit gefallen. Ein detailliertes Konzept gibt es aber noch nicht.

Derzeit befindet man sich in Neu Marx nämlich noch in der Umwidmungsphase der vier Hektar großen Fläche (sechs Fußballfelder). Erst bis Mitte 2017 soll festgelegt werden, wo was gebaut werden kann. Danach kann mit dem Umbau gestartet werden, dann müssen sich Start-ups finden, die dorthin ziehen. „Wir sind da wirklich am Anfang eines städtebaulichen Projekts, und das dauert seine Zeit“, sagt Mario Scalet, Sprecher der WSE Wiener Standortentwicklung GmbH. Um die Zeit zu überbrücken, würde man jetzt schon mit Co-Working-Space-Betreibern sprechen, um den Bedarf zu ermitteln. Auch setzt man auf Zwischennutzung, im Herbst sollen die Container des Stadtlabors dort hinziehen.

Zeitgleich betont man in der Wirtschaftsagentur Wien, dass mit Herbst weitere zehn Start-up-Büros auf der bereits entwickelten Fläche des Media Quarter Marx 3 frei werden. Auch das Gründungsprogramm Inits zieht dorthin. Alles in allem ist es eine Politik der kleinen Schritte, die gegengleich zu einer rasch agierenden Szene arbeitet. „Die Wirtschaftsagentur und die Stadt Wien sind wirklich sehr engagiert, aber wenn wir nicht aufpassen, dann verlieren wir den Anschluss“, sagt Andreas Tschas dazu, der selbst mit seinem Team überlegt, ab nächstem Jahr einen Teil des Pioneers-Festivals in Neu Marx abzuhalten. „Neu Marx kann funktionieren, aber man muss da wirklich viel Geld investieren“, fügt er hinzu.

Denn die Konkurrenz ist nicht weniger als der Rest der Welt. Erst kürzlich hätte ihm wieder ein Bekannter erzählt, dass er jetzt in Singapur gründen werde. Weil dort die Rahmenbedingungen besser seien.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2015)

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