Es sind die letzten Ferientage, bevor Anfang September die Schule und Mitte September die Politik wieder voll ihren Betrieb aufnehmen. Und es sind die vorerst letzten Tage, in denen die politischen Parteien die Chance haben, die Menschen bei sommerlichem Wetter in lockerer Stimmung erreichen zu können. Tatsächlich sind die Rathausparteien schon den ganzen Sommer vor und in den städtischen Bädern unterwegs, um ihre Botschaften gemeinsam mit Geschenken – Wasserbällen, Sonnencremen usw. – unter das Wahlvolk zu bekommen.
Bei der Wiener SPÖ schickte man die junge Generation auf Bädertour, um in sommerlicher Atmosphäre niederschwellig für die Sozialdemokratie zu werben. Die bisherige Bilanz: Rund 1000 Wasserbälle wurden verteilt, zahlreiche Wiener in politische Gespräche verwickelt. „Für uns ist es wichtig, dorthin zu gehen, wo sich die Jugendlichen aufhalten – auf die Straße, in und vor Discos, in Parks und Sportanlagen – und im Sommer eben auch in die Freibäder“, sagte Wiens SP-Jugendkoordinator und Bürgermeistersohn Bernhard Häupl zu Beginn der Tour.
Vor den Bädern können sich die Wiener oft zwischen roten und blauen Wasserbällen entscheiden – denn auch die FPÖ hat Stellung bezogen. Bisher haben die Freiheitlichen rund 100 Schwimmstätten besucht. Wobei die FPÖ zum Wasserball auch noch eine Sonnencreme mit der Aufschrift „Damit Sie nicht rot werden!“ verteilt. Parallel dazu werden Flyer verteilt, in denen auf die Gebührenerhöhungen der jüngsten Zeit hingewiesen wird. Der Titel: „Wasser bis zum Hals“.
Die SPÖ beschränkt sich aber nicht nur auf Freibäder, sondern hat sich auch vorgenommen, die Lufthoheit über die Stammtische zu erringen. Hauptgegner ist hier ebenfalls die FPÖ. Seit Sommerbeginn strömen SP-Funktionäre aus, um in Wirtshäusern mit Menschen an den Stammtischen zu reden. Das gehört zum Konzept des roten Parteimanagers Christian Deutsch, der die Präsenz der Bürgermeisterpartei auf der Straße deutlich erhöht hat. Auch die Gründung der Initiative „Wir sind Wien“ ist ein Schritt in Richtung mehr Bürgernähe. Dort sollen sich die Wiener niederschwellig in Gruppen zusammenfinden, um einem Hobby nachzugehen. Derzeit existieren 100 derartiger Gruppen – sie können auf Wunsch (müssen aber nicht) Unterstützung durch die SPÖ erhalten.
Die FPÖ bestreitet den Sommer mit einem ähnlichen Konzept. Auch sie sendet führende Funktionäre in die Bezirke – zu „Sommergesprächen“. Dort stellen sich FP-Politiker der Diskussion mit der Bevölkerung.
In den Bezirken erhöht sich die politische Dichte im Sommer gewaltig. Denn nicht nur SPÖ und FPÖ entdecken im Sommer ihre Liebe zum direkten Draht zum Bürger, auch die ÖVP geht auf die Straße. „Unsere Leute besuchen Sommerfeste, Grätzelfeste und Kirtage in den Bezirken“, sagt VP-Landesgeschäftsführer Alfred Hoch. Dort, in entspannter Atmosphäre, will die Volkspartei ihre Themen an den Mann bzw. die Frau bringen. „Das ist unsere Strategie“, so Hoch: „Wir wollen bei den Leuten sein, erfahren, wo der Schuh drückt, und gleichzeitig neue Ideen und Themen – auch für den Herbst – bekommen.“
Nun ist die Politikerdichte auf der Straße derzeit zwar hoch, doch könnte sie eigentlich noch höher sein. Denn: Die Grünen beteiligen sich nicht an Sommeraktionen. „Wir arbeiten im Sommer durch“, sagt Grünen-Klubobmann David Ellensohn. Es gibt also keine grüne Bädertour, keine Stammtischrunden etc. Nur mit ihrer Radrettung sind die Grünen präsent – ansonsten gibt es keinen direkten (Sommer-)Kontakt mit den Bürgern. Ellensohn erklärt das so: „Wir müssen das Budget auf Schiene bringen. Außerdem wollen wir bis Jahresende das neue Wahlrecht ausarbeiten.“
E-Mails: martin.stuhlpfarrer@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2012)
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