Washington. Nicht, dass sie auf die Präsenz des prominenten Zweitwohnbesitzers Wert legen würden. Im Nordosten der USA hält man viel auf puritanische Tugenden, auf Diskretion, Ruhe und Bescheidenheit. Der Kandidat lasse sich kaum blicken, merkten Bewohner des Neuengland-Ferienortes Wolfeboro am Lake Winnipesaukee indessen mit Verwunderung an. Mitt Romney füge sich unauffällig ein, erzählten sie. Er macht nicht viel Aufhebens um sich, wenn er durch die Gegend radelt und mit den Nachbarn plaudert.
Bei den republikanischen Primaries an einem grauen Wintertag machte das Städtchen in New Hampshire nicht viel her. Ein halbes Jahr später präsentiert es sich herausgeputzt als Urlaubsidyll mit charakteristisch weißer Kirchturmspitze und weißen Holzvillen am See, und auch der Präsidentschaftskandidat ist plötzlich mit seiner Entourage in Mannschaftsstärke aufgetaucht. Im Schlepptau: Secret-Service-Beamte und eine Journalistenmeute.
Wie ein Patriarch pflegt Romney die Großfamilie in der Ferienwoche des Unabhängigkeitstags um sich zu scharen: seine Frau Ann, die fünf Söhne samt Schwiegertöchtern und die 18 Enkel. Wehe, einer der Söhne schwänzt die Woche im Feriendomizil, das die Romneys um 2,5 Mio. Dollar erwarben und das inzwischen mehr als das Dreifache wert ist.
Parade als patriotische Pflicht
Die Sonntagsmesse in der Mormonenkirche war für den einstigen Vorsteher eines Kirchenbezirks Pflicht, der Romney-Clan füllte den schlichten Saal zu einem Drittel. Seit die Hotelerben der Marriott-Dynastie Wolfeboro als Ferienort entdeckten, zogen gleich gesinnte, wohlhabende Mormonen-Familien nach. Dass Romney samt Gefolge bei der Parade zum Unabhängigkeitstag mitmarschieren würde, war patriotische Ehrensache. Zuweilen zerzauste der Wind die sonst sorgfältig gegelte Frisur des Ex-Gouverneurs.
Doch solche Bilder machen sich gut im Wahlkampf, und an Bildinszenierungen herrschte am Lake Winnipesaukee wahrlich kein Mangel. Mitt und Ann beim Jetskifahren, mit der Enkelschar im Motorboot oder beim Eisessen vor dem Laden „Bailey's Bubble“: Die Vorzeigefamilie zelebrierte ihr Glück bei Spiel, Sport und Spaß in aller Öffentlichkeit.
Als die Söhne noch im Teenageralter waren, begründete der Manager die Tradition der „Romney-Olympiade“, eines Mini-Triathlons. Mitt Romney hat sich nie als Athlet beschrieben, er verliert allerdings auch nicht gern. Weil er vor Jahren nur knapp vor einer Schwiegertochter als Vorletzter durchs Ziel ging und so einer Schmach entrann, sann er auf eine Ausweitung der Spiele. Seither gehören rustikalere Bewerbe wie Einschlagen von Nägeln oder Football-Weitwerfen zum Programm. Dies weckt Erinnerungen an den Kennedy-Clan und ihre Sommerurlaube in Hyannis Port oder an die Bushs in Kennbunkport, zwei exklusiven Destinationen an der Atlantikküste Neuenglands. Wolfeboros Bewohner fürchten bereits den Einfall von Touristenhorden. Man bleibt hier gern unter sich.
Verflechtung mit Bain Capital
Der Wahlkampf drang indes auch in Romneys Idyll. In einem Bericht kramte das Heft „Vanity Fair“ Romney-Geheimkonten von 30 Mio. Dollar auf den Cayman Islands hervor, dem Steuerparadies in der Karibik. Es zeigt die Verflechtung mit Romneys Exfirma Bain Capital auf: Die Konten, Teil von Romneys auf 250 Mio. Dollar geschätztes Vermögen, sind sind bei Tochterfirmen von Bain Capital angelegt. Aus seiner Steuererklärung geht hervor, dass Romney lediglich 15 Prozent an Steuern abgeführt hat – gemäß dem Prozentsatz für Wertpapiere. Während die Demokraten in einer Anzeigenkampagne die Praktiken der Investmentfirma und die Tendenz zur Auslagerung von Jobs ins Ausland anprangern, brütet Romney auf seinem Seegrundstück über die Wahl seines Vizepräsidentschaftskandidaten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2012)
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