Joachim Gauck: Ein Bürger, der sich die Freiheit nimmt

20.02.2012 | 18:15 |  KARL GAULHOFER (Die Presse)

Der Wanderprediger der Demokratie wird auch als Präsident ein unbequemer Mahner bleiben. Schon seit 20 Jahren tingelt Joachim Gauck durch deutsche Lande. Die Lebensgeschichte des Revolutionspastors imponiert.

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Berlin. Nichts wird sich ändern, und doch wird alles anders. Schon seit 20 Jahren tingelt Joachim Gauck durch deutsche Lande, als Wanderprediger in Sachen Freiheit und Demokratie. Die Lebensgeschichte des Revolutionspastors von Mecklenburg imponiert und rührt allerorten, vom Staatstheater bis in die kleinste Mehrzweckhalle. Denn wenn der frühere DDR-Bürgerrechtler von seiner Vergangenheit spricht, rüttelt er die Erinnerung daran wach, was für ein kostbares Gut die Freiheit ist. Und der 72-Jährige kämpft dagegen an, dass junge Menschen vor lauter Bequemlichkeit nicht mehr mitmachen wollen bei der gemeinsamen Gestaltung ihrer Lebenswelt.

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Man hört ihm gerne zu, nicht nur, weil er ein begnadeter Redner ist. Man glaubt ihm. Was andere in Sonntagsreden predigen, wirkt bei ihm authentisch. Das Pathos ist gezähmt, der Pastor hat schon 1990 abgedankt. Seine säkulare Mission will und wird Gauck weiter erfüllen. Nur mit einem Beamtentross an seiner Seite, mit einer Limousine und unter dem Blitzlichtgewitter der Reporter. Denn am 18. März werden ihn Parlament und Länderdelegierte, im zweiten Anlauf und mit großer Mehrheit, zum elften Präsidenten der Bundesrepublik wählen. Darauf hat sich die Regierung mit SPD und Grünen geeinigt.

Es ist der späte Höhepunkt eines entbehrungsreichen Lebens. Als er elf ist, nehmen ihm die russischen Besatzungstruppen den Vater weg und verschleppen ihn wegen „antisowjetischer Hetze“ nach Sibirien. „Jochen“ wird vorschnell erwachsen, und das heißt für ihn: erkennen, dass er in einem Unrechtsstaat lebt. Er macht nicht mit, nicht bei den Jungen Pionieren und nicht bei der Freien Deutschen Jugend. Damit bleibt ihm sein Traumberuf Journalist verwehrt. Stattdessen wird er Pastor.

(c) DiePResse

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DDR eine „tägliche Beleidigung“

Als Jugendpfarrer in der Rostocker Vorstadt macht er sich dem SED-Regime schnell verdächtig. Die Diktatur empfindet er als „tägliche Beleidigung“. Aber als guter Protestant will er dort leben, wo Gott ihn hingestellt hat. So sucht und findet er das richtige Leben im falschen. Die Rückzugsorte der Regimegegner werden seine Heimat, ohne dass er offen am Widerstand teilnimmt. In der friedlichen Revolution von 1989 schließt er sich dem „Neuen Forum“ an und wird zum Sprecher der Demokratiebewegung seiner Heimatstadt. Die Marienkirche kann bei seinen Donnerstagspredigten die Massen bald nicht mehr fassen. Nach der Wende wird Gauck als „Sonderbeauftrager für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes“ zur zentralen Figur für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Zehn Jahre lang meistert er die heikle Aufgabe so bravourös, dass seine Truppe bald nur noch als „Gauck-Behörde“ bekannt ist. Die Politiker der SED-Nachfolgeparteien aber kritisieren ihn als unerbittlichen Inquisitor. Bis heute: Die „Linke“ wird als einzige Fraktion nicht für Gauck als Präsidenten stimmen.

2010 schicken ihn SPD und Grüne als Gegenkandidaten gegen Christian Wulff ins Rennen um den Bundespräsidenten. Dass er es trotz großer Unterstützung in der Bevölkerung knapp nicht schafft, trifft ihn härter, als er zugibt. Nun kann der „Präsident der Herzen“ doch noch ins Bellevue einziehen.

 

Ein Freund der freien Wirtschaft

Die Politiker haben sich damit einen unbequemen Mahner an ihre Spitze geholt. Gauck ist ein viel zu politischer Kopf, um sich nicht einzumischen. Er wird sich mit den Sozialdemokraten und Grünen anlegen, wenn sie mit Systemkritik kokettieren. Denn über den Kapitalismus, wohlgemerkt in seiner „gezähmten“ Form wie in Deutschland oder Skandinavien, lässt er nichts kommen. Wer aus der Wirtschaft die Freiheit herausnimmt, werde scheitern. Deshalb hält Gauck auch die Attacken der Occupy-Bewegung auf die Finanzmärkte für „unsäglich albern“. Schröders Hartz IV-Reformen begrüßt er hingegen: „Wir dürfen die Menschen nicht durch Versorgung ruhigstellen.“ Selbst einigen der Thesen von Tilo Sarrazin zur misslungenen Integration von Migranten kann er etwas abgewinnen – genug Stoff für Kontroversen also.

Doch auch mit den Christdemokraten dürfte sich Gauck bald anlegen, wenn sie in der Abgehobenheit der Macht auf den Kontakt zum Bürger vergessen, und mit den Liberalen, wenn sie den Markt über die Menschen stellen. Der designierte Präsident sieht sich als Vermittler zwischen Wählern und Politikern. Die mag er, wie der Großteil des Wahlvolks, für schwach halten. Aber gerade deshalb nimmt er sie in die Pflicht, für Freiheit und Fortschritt einzustehen: „Es schwächt die Schwachen, wenn wir nichts mehr von ihnen erwarten.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2012)

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226 Kommentare
 
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Gast: Anstatt
28.02.2012 01:13
0

Un - Democratisch

Quatsch eine Bundespräsident gehört in einer Democratie vom Volk gewählt.

Daher intressiert mich auch kein Herr Gauck oder Herr Wolff, warum nicht eine Monarchie wird auch nicht vom Volk gewählt.

Die Frage ist doch: leben wir in einer Democratie !?

Gast: Ost-Berlin
21.02.2012 18:32
0

Großes "Kino" Kasperltheater a`la Merkel

Wer glaubt ihr eigentl. dieses angebl. Theater mit
der FDP um den BP?
1. Akt BP Kandidat wird gesucht
Zwischenspiel: Oposition wird zur Findung ins
Irrenhaus (Kanzleramt) eingeladen- Die Linke drückt sich die Nase platt (gehört zum Plan)
Ist ja eh nur so demokratisch wie es passt.
2. Akt FDP ist mutig, schlägt Gauck vor
3. Akt CDU (Merkel) ist sauer, Koalitionskrise
4. Akt Alle 5 liberalen Parteien treffen sich im
Irrenhaus - Nach kurzer Zeit geht die FDP mit gr. Brust als Sieger hervor. Gauck soll`s werden.

Erst so tuen als wenn man den nicht haben will und dann bekommt man den viel billiger...

Merkel hat gehandelt wie ein cleverer Einkäufer
und die SPD/Grünen ausgetrickst.
Das katastrophale ist:

1. Die Medien spielen dieses Spiel mit
2. Die SPD läßt sich kaufen - Hr. Wulff soll sein Ehrensold erhalten
3. Die Grünen - ? Außer Hr. Ströbele aus Kreuzberg, hat dort niemand A in der Hose.
4. Die FDP hat wahrscheinlich ein paar Prozente
gewonnen- was wohl auch Absicht war.

Das Verhalten der SPD ist enttäuschend, wurde
aber nicht anders erwartet. Der Spruch: Wer hat uns verraten- die Sozialdemokraten ist seit
Schröder ultraaktuell! Egal welchen Zusammenhang dieser alte Spruch hat, 1918.
Hr. Gabriel, Ziehsohn von dem Genossen der Bosse ist derart hinterhältig, da kann man uns kleinen Bürgern im "neuen Deutschland" mit Beileid gratulieren.

Das Datum der "Wahl" scheint ja sehr "glücklich". 18. März (1848) über 300 Tote!


"Yes we Gauck" - eine Kampagne trägt Früchte


man muss nur einen Namen oft genug wiederholen und mit der Bildzeitung gleichgetaktet sein, dann kann auch ein Zebra zum Präsidenten der Herzen werden. Gratulation an die Werbeagentur Scholz&Friends.

Die 5 deutschen, erzkonservativen Parteien aus Union, FDP, SPD und Grünen haben wieder ihre Parteibrühe aufgekocht und wieder - gerade nach Wulff- die Chance vertan, einer parteipolitisch unbelasteten Person den Vortritt zu lassen.

Zum Beispiel dem Theologen Bischof Huber.
Ein Mann der christlichen Soziallehre, was ja wohl nichts aber auch gar nichts mit der verlogenen Politik zu tun hat, die man unter dem Begriff Sozialdemokratie kennt, oder gar der Politik der Christlich Sozialen Union. ( bei "CSU" wird gleich zweimal gelogen )

wird man bald sehen

wie ernst es dem Herrn Gauck mit der Demokratie ist wird man bald sehen, denn als überzeugter Demokrat kann man unter den ESM (der den Parlamenten das allerwichtigste, das Budgetrecht, aus der Hand schlägt) keine Unterschrift setzen.

Gast: Karl Huber
21.02.2012 10:20
1

Ich wünsche dem Herr Gauck viel Glück...

Das wird er dringend brauchen (was mich freut isch, dass die linken FaschisKrapfen jetzt schon Feuer spucken. Und die GrünenInnen fangen auch schon an damit... ;D).

Gast: Schlumpfine
21.02.2012 07:30
0

Er wird ja wohl hoffentlich alles im Sinne der Finanzmafia machen

Sonst wird er wie sein Vorgänger abgeschossen.

Ach ja: als Ossi hat er ja schon mehr Diktatur-Erfahrung, passt besser als sein Vorgänger zur EU.

Antworten Gast: Karl Huber
21.02.2012 10:15
1

Re: Er wird ja wohl hoffentlich alles im Sinne der Finanzmafia machen

ESM ist das Stichwort.
Ich bin wirklich gespannt wie sich Gauck hier verhält.
Sollte er den weiteren Diebstahl an der Bevölkerung wie der HeiFisch ohne Bedenken unterschreiben ist er um nichts besser als der Rest der korrupten Bande.
Ich wünsche für Deutschland/Europa Gauck stellt sich gegen die politische Mafia im Salär der Hochfinanz.
Hoffnung habe ich wenig...


Antworten Gast: Lustig Samma
21.02.2012 07:37
0

Re: Ach ja, nicht nur von Wulff gibt's nette Fotos

Erkennt man da eine gewisse Gesinnung?

Re: Re: Ach ja, nicht nur von Wulff gibt's nette Fotos


Der Edel-Ossi sollte sich jedenfalls nicht zu oft und zu lange in Hannover aufhalten...

Könnte eigentlich

in Österreich ein evangelischer Pastor auch Bundespräsident werden?
(Ein katholischer kann es nämlich nicht, weil Rom es nicht zulässt. Eigentlich auch richtig so.)

Und seltsam finde ich, dass ausgerechnet die C-Partei Gauck nicht wollte...

Re: Könnte eigentlich

Sich als Kandidat aufstellen lassen könnten Pastoren schon, man denke nur an die Kandidatur von Superintendentin Knoll 1998. Ob (ehemalige) Pastoren dann auch gewählt würden, ist eine andere Frage.

Gast: Hering
20.02.2012 22:51
1

Heuchlerisch dieser Jauck oder wie diese Figur auch immer heißt

Natürlich hat er lat betonen müssen daß er ein begeisteter 68er gewesen wäre wenn man ihn nicht in der DDR eingemautert hätte!

Der Fischer Heinzi wird ihm sicherlich sein Toi Toi borgen!

Gast: Analyst
20.02.2012 22:18
2

Zweifel

Also, ich bezweifle, dass der Herr Gauck eine überragend moralische Instanz sein wird oder jemals war. Er ist als Theologe in seinem Gesichtsfeld eingeschränkt und allzu subjektiv, weil religiös determiniert. Dies schließt auch einen ziemlich starken Konservativismus ein, der eine kritische Betrachtung von Realitäten nicht immer zulässt, geschweige denn, eine gerechte Beurteilung - man darf abwarten, wie er sich zu den USA, Israel, dem Iran oder gar zur Kirche äußert.
Falls er zur Kritik fähig sein sollte, dann nehme ich meine Vermutungen gerne mit Bedauern zurück.

Wie nennt man eine ...

(der 3.Versuch) verheirateten Mann, der ganz offen mit einer ANDEREN Frau zusammen lebt?

Nein, falsch, im Falle von Gauck einen hoch anständigen Menschen, eine moralische Instanz!

Antworten Gast: Matteo Messina Denaro
20.02.2012 19:59
4

Re: Wie nennt man eine ...

Berlusconi ?

Re: Wie nennt man eine ...

Moral ist nirgendwo festgeschrieben.

Re: Re: Wie nennt man eine ...

Irrtum! In jeder Philosophie ist die jeweilige nieder gelegt, ebenso in jeder Religion.
Herr Gauck ist doch wohl noch nicht aus der evang. Kirche ausgetreten?

Re: Re: Re: Wie nennt man eine ...

Also sorry, aber Moral hat mit Philosophie so viel zu tun wie der Teufel mit dem Weihwasser. Moral sind kulturelle Normen, die von Ort zu Ort stark variieren konnen, die Philosophie ist weder an einen Ort noch an bestimmte Menschen gebunden, weil sie nur der Wahrheit verpflichtet ist. Sie ist auch nicht auf irgendeinen Teil menschlichen Wissens oder Handelns beschränkt sondern die universale Wissenschaft.
Und noch weniger hat sie mit Religion zu tun, und daher werde ich zu Ihren Kommentaren nichts mehr sagen, weil es nichts zu sagen gibt.
Sie nehmen einfach ein paar Schlagwörter und scheren alles über den oportunistischen Kamm der Hüter der Moral. Danke, das reicht mir.

Wie nennt man eigentlich ...

... einen verheirateten Mann, der ganz offen mit einer ANDEREN Frau zusammenlebt?

Nein, falsch! Im Falle Gauck einen hochanständigen Charakter, eine moralische Instanz. denn er hat ein Nahverhältnis zu den neuen Propheten, die erkannt haben, dass eheliche Treue ein schlimmer moralischer Fehler ist!

Re: Wie nennt man eigentlich ...

Es geht um Politik, um Freiheit und Demokratie, nicht um persönliche Lebensgestaltung, Sexualleben oder persönliche Beziehungen. Wer das nicht auseinander halten kann, dem ist nicht zu helfen. Nur die oberfeinen Pharisäer legitimieren ihr Reden durch oberflächliche Vorspiegelung heiler Beziehungswelten.

Re: Re: Wie nennt man eigentlich ...

Aber nicht alle, die von sauberen Verhältnissen reden, sind Heuchler - es gibt tatsächlich Menschen, die zuerst eine Beziehung sauber beenden, bevor sie eine neue eingehen. Auch wenn das jenseits Ihrer Vorstellungskraft liegt.

Re: Re: Re: Wie nennt man eigentlich ...

Was ist denn bitte sauber beenden? Ein anderer kommt und sagt, man kann eine Ehe nicht beenden und schon gibt es unterschiedliche Auffassungen von Moral.

endlich einer...

... der von Freiheit spricht und dem man abnimmt, das er wirklich Freiheit meint ...

Wir sind GEBOREN UM FREI ZU SEIN ... viele begeben sich freiwillig in Unfreiheit, vielen wird die Freiheit vorenthalten ...

Quelle: http://diary-of-a-future-millionaire.blogspot.com/2011/12/12-geboren-um-frei-zu-sein.html

Gast: wahlleiter
20.02.2012 18:51
1

Joachim Gauck: Ein Günstling, der sich die Macht nimmt

In Deutschland wird der Bundespräsident von der Bundesversammlung gewählt.

Nicht von den obersten Apparatschniks und nicht von den Systemmedien.

Die Vorwegnahme der Wahl lässt erahnen, wie rasch er sich auch der EUdSSR unterwerfen wird.

Gauck- ein Mann der Hoffnung

Die FDP hat in zweifacher Hinsicht klug und strategisch richtig gehandelt.
Klug, weil sie damit den Grundstein für ein Überleben nach den nächsten Bundestagswahlen gelegt hat. Mit dem so zu ihrem Bundespräsidenten gekürten Joachim Gauck kann es Rössler gelingen, seine Fraktion im Fahrwasser des Präsidenten zu stabilisieren.
Und mit einem Bundespräsidenten Gauck wird die Kanzlerin nicht mehr alleine als "Strahlekraft" auf der politischen Bühne stehen. Gauck tut Deutschland und seiner Gesellschaft gut und könnte wichtige Impulse in Fragen der Ethik für Europa liefern.

 
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