Moskau. Um gesellschaftliche Trends in Russland auszumachen, folgt man am besten der Spur von Xenia Sobtschak. Die 30-jährige Blondine aus St. Petersburg, die einst für den russischen „Playboy“ posierte, hat sich binnen weniger Jahre in der Moskauer Szene hochgearbeitet. Sie hat sich mit ihrem Hang zum exzessiven Leben das Image einer russischen Paris Hilton verdient, strahlt aus Reality-Shows, singt in allen Genres und kennt Gott und die Welt. Was sie wirklich denkt, ist sekundär. Zu verfolgen, was sie wo treibt, ist insofern relevant, als Sobtschak die Personifizierung des russischen Mainstreams ist. Lange tanzte sie auf den Hochzeiten des Establishments. Im Laufe des Vorjahres dann begann sie, angezählte Vertreter der Elite medial vorzuführen. Seit drei Monaten setzt sie ihr Können aufseiten der Opposition ein. Rappt gegen Putin, tanzt gegen Medwedjew und liefert ein Gefühl davon, was heute hip ist.
Nach einem Jahrzehnt der politischen Abstinenz hat die Bevölkerung das Thema Politik wiederentdeckt. Wer keine politische Position einnimmt, gilt als nicht auf der Höhe der Zeit. Dabei kann man getrost für Putin sein; die Hälfte der Gesellschaft ist es auch. Wer aber in den Städten und in der Altersschicht bis 45 als fortschrittlich gelten will, stellt sich gegen den bisherigen Kurs.
„Antiautoritäre Nachfrage“
Die Ende der 1990er-Jahre aufgekommene „Nachfrage nach dem Autoritären ist vorbei“, meint Igor Bunin vom Moskauer Zentrum für Politische Technologien: Bedeutsam sei, dass „die antiautoritäre Nachfrage in den unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten“ stattfinde: Während die Vertreter der einen als parlamentarische Opposition in die tiefe Peripherie des politischen Systems abgedrängt gewesen seien, seien andere Kräfte überhaupt an der Gründung einer Partei gehindert und damit außerhalb des Systems gehalten worden.
In gewisser Hinsicht hatten sich die einen wie die anderen in ihren Schmollwinkeln gemütlich eingerichtet. Und so waren sie von der Bereitschaft der Bürger zum Massenprotest gleich überrascht wie die Machthaber selbst. Dass die Machthaber mit dem 46-jährigen Multimilliardär Michail Prochorow gegen bisherige Tradition einen Oligarchen als Kandidaten zulassen, entspringt der Überlegung, die Nachfrage nach einer (wirtschafts)liberalen Alternative mit dosierter und kontrollierbarer Putin-Kritik zu kanalisieren und so den Zustrom zu putinfeindlichen Alternativen, die es in der kurzen Zeit ohnehin nicht zu einer Kandidatur geschafft haben, abzufangen. Im Unterschied zu den alten Vertretern der handzahmen Kommunisten, Sozialisten und Nationalisten im Parlament ist Prochorow ein neues Gesicht bei den Wahlen.
Die Zukunft jener putinfeindlichen, außersystemischen Opposition, für die Sobtschak singt und die parteipolitisch heimatlos auf den Straßen protestiert, ist offen. Immerhin bemerkenswert, dass ihre unterschiedlichen Galionsfiguren einander trotz Konkurrenz und trotz Geheimdienstunterwanderung binnen dreier Monate nicht zerfleischt haben. Denn selbst in den Empfehlungen für das Verhalten bei und nach der Wahl sind sie uneinig. Bedeutende Schriftsteller mit namhaften Journalisten bilden das rudimentär vorhandene Organisationszentrum. Dazu kommen Unternehmer, Berufsrevolutionäre wie der ultralinke Sergej Udalzow oder der unerschrockene Korruptionsjäger Alexej Nawalny. Gerade sie, beide Mitte dreißig, waren die Galionsfiguren, die den Ausbruch der Massenproteste angestoßen haben.
Wenn es nicht zu gravierenden Zusammenstößen ab nächster Woche kommt, so hätte die Opposition endlich Zeit, aus dem diffusen Protest ein positives Programm zu formulieren und in den kommenden Jahren eine neue Oppositionsfigur aufzubauen, wie man in Russland derzeit diskutiert. Der Name des Unterfangens: „Russische Primaries unter den Dissidenten“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2012)
BilderMord an Soldaten schockiert Großbritannien
Staatsbürgerschaftstest neuKönnten Sie Österreicher werden?
Zitate der Woche''Wie man mit Umfragen manipuliert, weiß ich auch''
X-47BGroßdrohne hebt erstmals von Flugzeugträger ab
''Kim on Tour''Der Diktator als Pappkamerad