So weitermachen wie bisher ist für Henning Steinfeld keine Option. „Für eine nachhaltige Viehwirtschaft braucht es grundlegende Änderungen im Konsumverhalten, bei der Produktion und in der Politik“, sagte der Fleisch-Experte bei der UN-Lebensmittelorgansiation FAO beim Abschluss der Alpbacher Technologiegespräche. Ansonsten steuert die Erde auf eine dramatische Situation zu: Der Fleischkonsum wird sich laut FAO-Schätzungen in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln. Und dabei zählt schon jetzt die Viehwirtschaft zu den schlimmsten Umweltverschmutzern – zumindest in vielen Entwicklungsländern.
Die Fleisch- und Milchproduktion ist für neun Prozent der menschlichen CO2-Emissionen verantwortlich der Löwenanteil entfällt dabei auf die Umwandlung von Tropenwäldern in Weiden und Felder für die Futterproduktion. Bei anderen, noch stärker wirkenden Treibhausgasen ist der Anteil wesentlich höher: Die Viehwirtschaft verursacht 37 Prozent der Methan-Emissionen (aus dem Verdauungstrakt von Rindern) und 65 Prozent der Stickoxide (aus der Düngung der Futterpflanzen).
In Summe verursacht die Fleischproduktion 18 Prozent der menschlichen Treibhausgas-Emissionen. Zusätzlich gehen acht Prozent des weltweiten Wasserverbrauchs auf Kosten der Viehwirtschaft. Lokal wird das Wasser stark durch Exkremente verschmutzt, denn die Viehzucht ist regional stark konzentriert. Zudem ist die Biodiversität durch den Raubbau an den Tropenwäldern sowie durch die gewaltigen Mengen an Fischmehl (als Futter) gefährdet.
Das Züchten von Rindern, Schweinen und Geflügel hat in den letzten Jahrzehnten einen radikalen Wandel durchgemacht. Steinfeld: „Seit 1961 ist die Fleischproduktion weltweit um 250 Prozent gewachsen, die Fläche für Futter hat um 30 Prozent, die Weideflächen um zehn Prozent zugenommen.“ Heute sind 26 Prozent des eisfreien Landes auf der Erde Viehweiden, ein Drittel des Ackerlandes wird zur Herstellung von Viehfutter verwendet.
Neue Essensgewohnheiten
Der Trend hält unverändert an: Vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern wächst die Bevölkerung weiter, der zunehmende Wohlstand sowie die Verstädterung führen zu Veränderungen in den Ernährungsgewohnheiten. Die „Verfleischung“ der Welt sei erst durch eine Reihe von wirtschaftspolitischen Fehlern ermöglicht oder zumindest begünstigt worden, so Steinfeld: Die massive Ausbreitung von Fleisch und Milch sei erst durch billiges Getreide und billige Energie möglich geworden. Konkret: „Die meisten Inputs für die Viehwirtschaft sind nicht adäquat bepreist.“ Das führe zu völlig falschen Anreizen und einer völlig ineffizienten Verteilung.
Zudem würden „Externalitäten“ – also die Auswirkungen auf die Umwelt – „völlig ausgeblendet“. Dass die Umweltbelastung mit der wachsenden Fleischproduktion nicht immer und unbedingt weiter steigen muss, zeigt die europäische Landwirtschaft: Hier hat sich im letzten halben Jahrhundert die produzierte Menge verdoppelt, doch der Flächenbedarf ist um 15 Prozent gesunken und die Stickstoff-Emissionen in die Umwelt wurden deutlich gesenkt. Möglich wurde das durch Intensivierung, durchdachte Nutzung des Bodens, innovative Methoden (etwa dem Nutzen des Methans als Biogas) und gestiegene Umweltstandards.
Intensivierung als Alternative
Allerdings werden in Europa auch große Mengen an Futter aus Südamerika importiert. Dort ist die dafür benutzte Fläche glatt um 150 Prozent gestiegen. Wenn man verhindern will, dass immer größere Teile des Regenwaldes gerodet und die Treibhausgas-Emissionen durch die Landwirtschaft weiter steigen, dann kann es in den Augen Steinfelds nur einen Lösung geben: „Für den Großteil der weltweiten Produktion gibt es keine Alternative zu einer Intensivierung.“ Er beweist das durch Statistiken: In Indien verursacht die Produktion von einem Liter Milch zehn mal so hohe CO2-Emission wie in Europa.