Sonntags pflegte der 23-Jährige das Dasein eines New Yorker Bohemiens. Lediglich in einen Sarong – ein Hüfttuch – gewickelt, vertiefte sich Barack Obama in die Lektüre der telefonbuchdicken Ausgabe der „New York Times“ und ihres Kreuzworträtsels, der Denksportaufgabe für Intellektuelle in der Manier von Woody-Allen-Figuren. Vorher drehte er oft eine Joggingrunde im Prospect Park in Brooklyn, abends wandte er sich der TV-Übertragung eines Basketball-Matchs zu.
Solcherart beschreibt die australische Diplomatentochter Genevieve Cook leicht enerviert das Sonntagsritual ihres Freundes anno 1984/1985. Die Grundschullehrerin, drei Jahre älter, weiß und aus betuchtem Haus, hat den introvertierten Studenten der Columbia University bei einer Silvesterparty im East Village kennengelernt und während ihrer eineinhalbjährigen Beziehung penibel Tagebuch geführt. Aus den Notizen schöpft die neue Obama-Biografie „The Story“ des „Washington-Post“-Autors David Maraniss, die soeben in den USA erschienen ist.
Ein „Hapa“
Maraniss hat Cook bei seinen Recherchen auf drei Kontinenten, die ihn von den USA nach Kenia und Indonesien führten, aufgestöbert. Es gelang ihm, Quellen ausfindig zu machen, die ein detaillierteres und differenzierteres Bild des Präsidenten entwerfen – ein Bild, das sich oft mehr als nur in Nuancen von dem literarisch verdichteten Selbstporträt Obamas in „Dreams of My Fathers“ abhebt. Ohne Vater aufgewachsen, halb schwarz, halb weiß – ein „Hapa“ in der Diktion der Hawaiianer –, charakterisierte sich Obama 1995, ein Verfassungsrechtler in Chicago auf dem Sprung in die Politik, ein wenig überhöht als rastlos Suchenden auf den Spuren nach seiner Identität. Sein Biograf füllt die Lücken mit Fleisch und Blut. „Wie kann er im Alter von 22 Jahren schon so alt sein?“, fragt sich Cook anfangs in einem Eintrag. Er erscheint ihr zu cool, zu kontrolliert, vielleicht zu intellektuell hochfahrend. Eine Anekdote bezeichnet die Distanz am eindrücklichsten. „Ich liebe dich“, gesteht Cook euphorisch. „Danke“, lautet die knappe Antwort, womöglich nur gedankenlos hingestreut.
Die Lehrerin malt sich aus, wer die ideale Partnerin für ihren emotional unnahbaren Freund sein würde. „Sehr stark, sehr aufrecht, eine Kämpferin, die lachen kann, mit viel Erfahrung – ich sehe sie als eine schwarze Frau.“ Sie sollte recht behalten. Obama sollte diese Frau einige Jahre später als Praktikant in einer Chicagoer Anwaltskanzlei treffen und nach anfänglich hartnäckigem Widerstand zu einem ersten Rendezvous bitten – Michelle Robinson, die heutige First Lady.
In den jahrelangen US-Wahlkampfmarathons bleibt kaum ein Geheimnis unentdeckt, kein dunkler Punkt einer Biografie ausgespart, keine noch so peinliche Episode verborgen. Rechercheure aus den Parteilagern und den Medien schwärmen aus, sie heften sich an die Fersen der Kandidaten und stülpen ihr Leben um. Fact-Checker durchwühlen die Archive nach Widersprüchen. „Vetting“ nennt sich der Prozess, eine Untersuchung, in der die Bewerber auf Herz und Nieren durchleuchtet werden, auf dass nur ja nicht ein unwürdiger oder gar unfähiger Präsident zur Angelobung schreitet. Es ist eine Praxis, auf die sich die US-Demokratie viel zugute hält.
Der Zunft der Präsidentschaftshistoriker ist es indes vorbehalten, tiefer zu graben, mit längerem Atem an ihr Objekt heranzugehen. Robert Caro hat im Frühjahr den vierten Band seines viel gepriesenen Mammutwerks über Lyndon B. Johnson (LBJ) vorgelegt – und das Oeuvre ist keineswegs abgeschlossen: LBJ ist gerade erst im Weißen Haus angekommen. Auch bei Maraniss steht zumindest ein zweiter Teil aus, der erste endet auf Seite 572 damit, dass sich Obama 27-jährig in einem eben erst um 500 Dollar erstandenen gelben Datsun auf dem Weg nach Harvard macht.
Die „Choom Gang“
Der Pulitzerpreisträger Maraniss hat bereits eine exzellente Biografie Bill Clintons („First in His Class“) verfasst. Zum Gaudium der Nation hatte Clinton behauptet, Marihuana zwar geraucht, aber nie inhaliert zu haben. Die Häme Barack Obamas war ihm wohl gewiss. Seine Mitschüler in der elitären Punahou-Privatschule in Honolulu riefen ihn Barry, und für den Ersatzspieler des Basketballteams und einen der Rädelsführer der eingeschworenen „Choom Gang“, bestand der Sinn genau darin, möglichst viel Haschisch einzuatmen. Darum war es strikt untersagt, die Fenster des ramponierten VW-Busses, in dem sich die Basketball- und Haschfreunde zu ihren Sessions trafen, auch nur einen Spalt zu öffnen.
Der Bob-Marley-Fan Obama ging dabei so eifrig zur Sache, schreibt Maraniss, dass er sich ein Privileg erwarb. Wenn es ihm gefiel, unterbrach er den Zirkel und zog selbst am Joint. Als verantwortungsbewusster Vater hätte der Präsident seinen Teenie-Töchtern Malia und Sasha die Bloßstellung seiner Jugendsünden sicherlich gern erspart. Der Neuigkeitswert war freilich begrenzt. Gleichsam prophylaktisch hatte Obama schon in seinem Buch eingeräumt, zuweilen sogar Kokain geschnupft zu haben – und so der Kritik die Spitze genommen. Das Thema blieb im Wahlkampf vor vier Jahren dann auch überraschenderweise völlig ausgeblendet.
Abstinenzler Romney
Seinem Gegenkandidaten wäre ein solcher Fauxpas garantiert nicht widerfahren. Als strenggläubiger Mormone ist Mitt Romney zur Abstinenz verpflichtet, demnach hat er sowohl Alkohol als auch Zigaretten und selbst Kaffee abgeschworen. Unbefleckt tritt freilich auch er nicht zur Wahl an. Dass er seinen Hund Seamus während einer zwölfstündigen Urlaubsfahrt nach Kanada in einem Behälter aufs Autodach schnallte, bringt Hundefreunde auf die Palme.
Wie die „Washington Post“ unlängst aufdeckte, tat er sich als 18-Jähriger an der noblen Cranbrook-Privatschule in Michigan als Anführer einer Aktion hervor, die eine sensibilisierte US-Öffentlichkeit heute zweifellos als Mobbing wahrnehmen würde. „So kann er nicht ausschauen“, rief der Gouverneurs-Sohn, als der als schwul geschmähte Mitschüler John Lauber mit einer blond gefärbten Poppermähne über den Schulhof flanierte. Von Freunden gewaltsam niedergedrückt, stutzte Romney dessen Frisur später zurecht.
„Da ist eine wilde und verrückte Seite, die in ihm schlummert“, sagt seine Frau Ann, Gefährtin seit High-School-Tagen. In der Biografie „The Real Romney“ porträtieren die „Boston Globe“-Journalisten Michael Kranish und Scott Helman den Kandidaten als edelmütigen Helfer in der Not – mit dem Hang, Streiche auszuhecken. Bei der Hochzeit eines Freundes drang er in dessen Hotelzimmer ein und pinselte mit rosa Lippenstift „Help“ auf dessen Schuhsohlen – was vor dem Altar für schallendes Gelächter sorgte.
„Vetting“. Wer zur Präsidentschaftswahl in den USA antritt, muss sich auf ein akribisches „Vetting“ einlassen – auf eine Untersuchung auf Herz und Nieren. Rechercheure und Fact-Checker fördern alles ans Tageslicht: Fremdkonten, Freundinnen, Seitensprünge.
David Maraniss zeichnet in seiner neuen Obama-Biografie „The Story“ ein nuancierteres Bild des Präsidenten als in dessen Selbstporträt „Dreams of My Father“. Die Romney-Biografen zeigen in „The Real Romney“ neben dem Erfolgsmanager auch den Samariter.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2012)
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