Wer Afrika hört, denkt schnell an hungernde Kinder, Krieg und Korruption. Doch es gibt auch gute Nachrichten aus dem Kontinent, sehr gute Nachrichten: Viele Volkswirtschaften boomen, die Gesellschaften verändern sich. In Afrika entsteht eine neue Mittelschicht, die Markenprodukte in Einkaufszentren kauft, sich Autos leistet und das Schulgeld ihrer Kinder per Handy zahlt.
Und diese Mittelschicht wächst rasch, wie aus einem im Mai veröffentlichten Bericht der Standard Bank hervorgeht. Gehörten ihr vor 30 Jahren rund 100 Millionen Menschen an, so sind es heute dreimal so viele. Sie könnten die treibende Kraft für einen kontinuierlichen Aufschwung sein.
Unter den globalen Top Ten der Staaten mit dem höchsten nominalen Wirtschaftswachstum liegen sechs im subsaharischen Afrika: Angola, Nigeria, Äthiopien, Tschad, Mozambique und Ruanda. Der Krise westlicher Industriestaaten zum Trotz soll Afrikas Wirtschaft auch dieses Jahr, wie schon im vergangenen, um sechs Prozent wachsen, prognostiziert der Internationale Währungsfonds. Die Inflation auf dem Kontinent fiel seit den 80er-Jahren von 22 auf acht Prozent.
Besser regiert, weniger Korruption
Die besten Chancen haben die rohstoffreichen Nationen. Die Nachfrage kommt aus China und verstärkt auch aus anderen nicht-westlichen Ländern, wie Indien, Brasilien oder Malaysia. Das Handelsvolumen mit China und Indien allein betrug rund 170 Milliarden Euro.
Doch nicht nur das Wirtschaftswachstum steigt, auch die Bildungsraten ebenso wie die Lebenserwartung. In Uganda etwa leben die Menschen durchschnittlich sieben Jahre länger als vor zehn Jahren, in Ruanda ganze zwölf Jahre. Erfolge im Kampf gegen HIV/Aids trugen dazu bei.
Auch politisch macht der Kontinent Fortschritte. Die Ära der bizarren Diktatoren ist (fast) zu Ende. Afrika ist demokratischer denn je, und auch weniger korrupt. Seit April sorgt Joyce Banda, Präsidentin von Malawi, für Aufsehen. Bereits in den ersten Wochen entließ sie ranghohe bestechliche Beamte. Dem vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Kriegsverbrechen angeklagten sudanesischen Präsidenten Omar al-Bashir verweigerte sie die Einreise.
Banda ist nach Liberias Ellen Johnson Sirleaf, die 2011 den Friedensnobelpreis erhielt, die zweite Präsidentin Afrikas. Gemeinsam wollen sie sich nun für Frauenrechte – und damit auch den Kontinent starkmachen. Die Hoffnung: je mehr Frauen an den Schalthebeln der Macht, desto weniger Konflikte und Misswirtschaft.
Doch der Weg zu einem besseren Leben ist noch weit. Nach wie vor müssen die meisten Afrikaner mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen. Dürren führen zu Lebensmittelknappheit, Klimaforscher geben keine guten Prognosen. Verletzungen von Land- und Menschenrechten und der Pressefreiheit sind an der Tagesordnung, bewaffnete Konflikte zerstören vielversprechende Demokratieprozesse, wie kürzlich in Mali.
Dennoch vergleichen zahlreiche Volkswirtschaftler die Entwicklungen mit dem, was sich vor etwa 20 Jahren in Asien ereignet hat. Die wachsenden Bevölkerungszahlen bergen nicht nur Gefahren, sondern auch ein gewaltiges Potenzial an Arbeitskräften. Wenn es Afrika schafft, eigene Industrien aufzubauen, geht es weiter bergauf. Der Widerstand gegen traditionelle Formen der Hilfe wächst. Ein Umdenken hat eingesetzt, hin zu gezielter wirtschaftlicher Förderung.
Mit dem Handy zahlen
Afrika hat gezeigt, dass es in der Lage ist, technologische Entwicklungen zu überspringen. „Leapfrogging“ nennt sich das Phänomen. Telefonieren war früher schwierig. Teure Festnetzverbindungen gab es kaum, doch mittlerweile besitzen 65 von 100 Afrikanern ein Mobiltelefon. Bis zum Ende des Jahres soll diese Gesamtzahl laut GSM Association auf rund 750 Millionen Menschen wachsen. Afrika ist zur Versuchsstation für Mobilfunk geworden – und das Handy zur Wunderwaffe. Per SMS und E-Mail werden Verträge abgeschlossen, für die Afrikaner einst beschwerlich weite Strecken reisen mussten. Das Handy ersetzt mittlerweile vor allem auch Bargeld und Banken. In Kenia nutzen bereits rund 15 Millionen Menschen das Mobile-Banking-Service. Und in den iHubs der afrikanischen Hauptstädte verbünden sich IT-Entwickler mit Kreativen und Unternehmern und tüfteln an neuen Innovationen, die dem Kontinent zu weiterer Dynamik verhelfen könnten. Schon jetzt engagieren sich immer mehr internationale Konzerne: Walmart, Google, IBM, sie alle haben bereits Wurzeln geschlagen in Afrika. Das ist ein untrügliches Zeichen für das wachsende Vertrauen in eine stabile Entwicklung. Insgesamt haben sich die ausländischen Investitionen in den vergangenen Jahren verzehnfacht.
Vor zehn Jahren stempelte „The Economist“ Afrika als den „hoffnungslosen Kontinent“ ab. „Bedauerlicherweise“, wie das Magazin jüngst richtigstellte.
Afrika ist demokratischer und ökonomisch erfolgreicher geworden. Die Wirtschaft des Kontinents wird heuer, wie schon im Vorjahr, um sechs Prozent wachsen, prognostiziert der Internationale Währungsfonds. Spitzenreiter sind Angola, Nigeria, Äthiopien, Tschad, Mozambique und Ruanda, die bei den Wachstumsraten weltweit unter den Top Ten liegen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)
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