Buenos Aires. Beginnen wir mit einer traurigen Nachricht: Professoren an ökonomischen und sozialwissenschaftlichen Fakultäten gehen die schlechten Beispiele aus. Um zu verdeutlichen, wie Staaten und Volkswirtschaften nun wirklich nicht administriert werden sollen, stand lange ein Kontinent mit Negativbeispielen zur Verfügung.
Nicht weniger als 30 Totalabstürze – Hyperinflationen, Staatsbankrotte, Militärputschs – erlebte Südamerika in den letzten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Doch nun stehen die meisten Staaten deutlich besser da als ihre alten Kolonialherren.
Zum ersten Mal seit den 1950er-Jahren ist Südamerika für viele junge Spanier und Portugiesen ein größeres Versprechen als Europa. Zwischen 2009 und 2010 übersiedelten 60.000 Portugiesen nach Brasilien, fast alle jung, studiert und daheim chancenlos. Aus Spanien, das mit stabilem Wachstum bis 2008 Millionen Lateinamerikaner angezogen und integriert hatte, kehrten inzwischen hunderttausende Argentinier, Ecuadorianer und Kolumbianer heim – in Staaten, die allesamt immer noch unter erheblichen Problemen leiden wie hohen Kriminalitätsraten, maroder Infrastruktur, massiver Korruption und großer sozialer Ungleichheit.
Robusteres Bankensystem
Aber diese Staaten segelten besser durch die Stürme nach Lehman Brothers als Europa und Nordamerika. Ihre Bankensysteme sind bis heute wesentlich robuster.
Und die Länder haben weitaus weniger Schulden, aber wesentlich mehr junge, potenziell konsumfreudige Bürger als die Staaten des alten Kontinents. Auch wenn sich die prächtigen Wachstumszahlen – zwischen den Jahren 1998 und 2010 wuchsen die meisten Volkswirtschaften der Region um 30, aber einige wie etwa Peru um mehr als 50Prozent – angesichts der globalen Konjunkturabschwächung momentan ein wenig einbremsen, kann sich die Region darauf verlassen, dass sie über fast alles verfügt, was in der Welt von morgen wichtig sein wird:
•Lebensmittel. Vor allem der Süden des Subkontinents ist eines der Nahrungsmittelreservoirs der Welt. Allein Argentinien produziert heute genug Lebensmittel, um 300 Milliarden Menschen zu versorgen. Aber mit verbesserter Produktivität und vergrößerten Anbauflächen wird die Produktion in der Pampa noch weiter wachsen. Die Rohstoffpreise werden weiter steigen, denn die Weltbevölkerung nimmt stetig zu.
•Wasser. Durch das Amazonasbecken strömen die weltgrößten Süßwasserfluten, aber auch an Grundwassereserven ist die Region reich. Der Acuifero Guaraní unter dem Dreiländereck Paraguay, Brasilien und Argentinien ist mit etwa 1,2 Millionen Quadratkilometer Fläche eines der größten Grundwasserreservoirs der Welt.
•Fossile Energien. Venezuelas Ölreserven werden inzwischen von der Organisation der Erdöl exportierenden Länder (OPEC) als die größten der Welt gelistet, auch Brasilien und Argentinien haben Riesenfunde gemeldet.
•Bodenschätze. Alle Andenstaaten, aber auch Brasilien und Venezuela sind reich an traditionellen Materialien wie Kupfer und Gold, aber auch die weltgrößten Vorkommen des Batteriegrundstoffes Lithium schlummern in den Anden – vor allem in Bolivien, dessen Präsident Evo Morales schon mehrfach öffentlich davon träumte, sein „plurinationaler Staat“ könne zum Saudiarabien des 21. Jahrhunderts werden.
Doch bis dahin müsste Bolivien die Anden beiseiteräumen – oder zumindest den 1889 verlorenen Zugang zum Pazifik zurückerlangen. Der Dauerzwist mit Chile hat sich zuletzt beruhigt – ausgerechnet zwischen dem linken Indigenen Morales und dem milliardenschweren, konservativen Chilenen Sebastián Piñera hat sich eine respektvolle Nachbarschaft entwickelt.
Die chilenisch-bolivianische Annäherung ist ein Aspekt in der ebenfalls äußerst positiven politischen Geschichte Lateinamerikas am Anfang des dritten Jahrtausends. In der Vorwoche trommelte Brasiliens Außenminister António Patriota seine Amtskollegen zusammen, um die Express-Amtsenthebung des paraguayischen Priester-Präsidenten Fernando Lugo in der Vorwoche hinauszuzögern.
Kooperation von Konservativen und Linken
Nach dem Scheitern der Mission beschloss die im abgelaufenen Jahrzehnt formierte Union südamerikanischer Staaten UNASUR, die neue Regierung in Asunción zu schneiden. Und – das ist das wirklich Neue – aus dieser von linken Regierungen dominierten Union scheren auch die konservativen Staaten nicht aus. Chiles Präsident Sebastián Piñera erklärte etwa, dass bei der Amtsenthebung Lugos nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei.
Gewiss, noch ist längst nicht alles Gold, was in Südamerikas Sonne glänzt. Noch regieren die Castros Kuba und auch Venezuela steht vor einer Wiederwahl seines kranken Präsidenten Hugo Chávez. Während der Kontinent von Investorengeldern geflutet wird, verhängt Argentiniens Präsidentin Kirchner Devisenkontrollen und verstaatlicht den größten Privatkonzern des Landes. Ökonomieprofessoren bleiben also doch noch ein paar aktuelle Negativbeispiele.
Südamerika galt im 20. Jahrhundert lange Zeit als „Problemkontinent“. In den vergangenen drei Jahrzehnten erlebte der Erdteil nicht weniger als 30 Totalabstürze.
In den vergangenen Jahren wandelt sich das Bild: Viele junge Spanier und Portugiesen versuchen ihr Glück in der Neuen Welt, seitdem Europa von der Rezession heimgesucht wird.
Auch in puncto Rohstoffe sind viele Staaten für das neue Jahrtausend gut ausgestattet – mit Wasserressourcen, Bodenschätzen und fossilen Energieträgern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)
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