Washington. Maumee, Sandusky, Parma, Poland: So heißen die Kleinstädte am Erie-See im Norden Ohios, im vormals für die Schwerindustrie gerühmten „Rostgürtel“, die die Präsidentschaftswahlen entscheiden könnten und die Barack Obama jetzt bei einer Bustour abklapperte. Der Präsident mischte sich unter eine Runde von pensionierten Krankenschwestern beim „Kozy Corners“-Diner, um über die unpopuläre Gesundheitsreform zu fachsimpeln, die nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofs mit Müh und Not davongekommen war.
Wie ein Durchschnittsamerikaner bestellte er einen Cheeseburger – das gehört zum Ritual des US-Wahlkampfs. Und bei einem Bier pries er hemdsärmelig die Rettung der US-Autoindustrie an, als wäre er ein „Blue-Collar-Worker“, ein Fließbandarbeiter nach der Schicht. Mitt Romney, so sein Argument, hätte den einstigen Stolz der US-Industrie vor die Hunde gehen lassen. In einem Gastkommentar hatte sein Gegenkandidat auf dem Höhepunkt der Krise gefordert: „Lasst Detroit bankrottgehen.“ Populistisch kritisierte er Romney auch als „Pionier“ für die Auslagerung von Jobs ins Ausland.
Stagnation auf dem Arbeitsmarkt
Die drückende Hitze trieb dem habituell coolen Präsidenten die Schweißperlen auf die Stirn – und wohl ein wenig auch die neuen Arbeitslosenzahlen, die am Freitag bei einer Quote von 8,2 Prozent weitere Stagnation verhießen. Eine schlagartige Verbesserung ist nicht in Sicht, eine Verschlechterung würde seine Chancen für eine Wiederwahl im November beträchtlich schmälern. Einstweilen hat der Präsident in umkämpften Bundesstaaten wie Ohio und Pennsylvania indessen die Nase vorn.
Wie zwei Schatten hatten sich Bobby Jindal und Tim Pawlenty als Abgesandte des Romney-Teams auf die Fersen Obamas geheftet, um seine Botschaft zu konterkarieren. Jindal, der Gouverneur von Louisiana und Ex-Präsidentschaftskandidat, und Ex-Gouverneur Pawlenty gelten als potenzielle Vizepräsidentschaftskandidaten. So, als müssten sie sich für den Job qualifizieren, zerpflückten sie die Politik Obamas. Es sei reichlich spät, China nach dreieinhalb Jahren die Stirn zu bieten, sagten sie. Wegen der Importzölle Pekings gegen die US-Autofirmen hatte Obama zuvor eine Klage angekündigt.
Das Obama-Team geriet unterdessen auch noch aus einem anderen Grund ins Schwitzen. Der Herausforderer hatte den Präsidenten beim Spendensammeln erneut abgehängt. Im Juni übertrafen die Wahlspenden für Romney die 100-Millionen-Dollar-Marke. Erst vor zwei Wochen hatte Romney 800 Großspender zu einem exklusiven Wochenende in den Wintersportort Park City eingeladen. Im Weißen Haus und in der Wahlkampfzentrale in Chicago macht sich zunehmend Nervosität breit, in Telefonaten an Großspender und in E-Mails riefen die Obama-Leute zu einer Gegenoffensive auf.
Derweil kämpft Romney mit internen Bandagen. Medientycoon Rupert Murdoch übte in einem Tweet harsche Kritik an dessen Wahlkampf. Ein Leitartikel im Murdoch-Blatt „Wall Street Journal“ feuerte scharfe Salven ab, und der einflussreiche Publizist William Kristol verglich Romney mit zwei erfolglosen Präsidentschaftskandidaten aus Romneys Heimat Massachusetts: den Demokraten Michael Dukakis und John Kerry.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2012)
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