Kairo/Paris. Bisher hat die Machtelite um Bashar al-Assad eisern zusammengehalten. Nun gibt es den ersten Riss im innersten Zirkel des syrischen Präsidenten. Wie die BBC und verschiedene Nachrichtenagenturen berichteten, setzte sich der Brigadegeneral der Republikanischen Garden, Manaf Tlass, zusammen mit 23 hohen Offizieren in die Türkei ab und flog am Freitag weiter nach Paris.
Tlass stammt aus der mächtigsten sunnitischen Familie Syriens, die seit Jahrzehnten zu den Stützen des Baath-Regimes gehört. Sein Vater Mustafa Tlass, der sich seit März offiziell zur medizinischen Behandlung in Paris aufhält, war von 1972 bis 2004 Verteidigungsminister unter Hafez al-Assad und Bashar al-Assad. In seine Amtszeit fiel 1982 das Massaker in Hama, als die Armee die Stadt mit Flugzeugen und Artillerie bombardierte. Mindestens 20.000 Bewohner kamen ums Leben.
Unklar blieb am Freitag allerdings, ob sich sein desertierter Sohn Manaf Tlass allein von den Gräueltaten des Regimes distanzieren oder auch zur Opposition überlaufen will. Nach Angaben seiner Familie stand der Brigadegeneral seit einiger Zeit unter einer Art Hausarrest, weil er sich Anfang Februar nach dem Scheitern der zweiten UN-Resolution geweigert hatte, den Angriff der Republikanischen Garden auf das Rebellenviertel Baba Amer in Homs zu führen. Daraufhin entband Präsident Assad ihn von dem Kommando und wies ihn an, nicht mehr zum Dienst zu erscheinen.
Manaf Tlass und Bashar al-Assad kennen sich seit ihrer Kindheit und besuchten später zusammen die Offiziersakademie. Frau und Kinder sowie die Schwester des abtrünnigen Generals befinden sich bereits außer Landes ebenso wie sein einziger Bruder Firas, der als Geschäftsmann in Dubai lebt. Nach Angaben von Al Jazeera verwüsteten Geheimdienstmitarbeiter die Villa der Familie in Damaskus, nachdem die Flucht bekannt geworden war. Seit Beginn des Aufstands gegen das Baath-Regime in Syrien sind damit mehr als 20 Generäle und über 100 hohe Offiziere desertiert. Allein in der Türkei leben rund 2000 ehemalige Soldaten in Zeltlagern.
Clinton wirft Moskau Blockade vor
In Paris trafen sich derweil am Freitag unter der Schirmherrschaft des neuen französischen Präsidenten François Hollande die „Freunde Syriens“, um über ihr weiteres Vorgehen zu beraten. „Assad muss gehen. Eine Übergangsregierung muss gebildet werden. Das ist im Interesse aller Seiten“, erklärte Hollande und appellierte an die russische Führung, ihren Widerstand gegen eine Übergangsregierung ohne Assad aufzugeben. US-Außenministerin Hillary Clinton forderte den UN-Sicherheitsrat auf, endlich eine Resolution zu Syrien zu verabschieden, die „wirkliche Konsequenzen hat“. Russland und China, die einen solchen Beschluss bisher zwei Mal durch ihr Veto unterbunden hatten, hielt sie vor, sie würden mit ihrer Unterstützung des Assad-Regimes jeden Fortschritt blockieren.
Russlands Vizeaußenminister Sergei Rjabkow wies die Vorwürfe „kategorisch“ zurück. Österreich war bei den „Freunden Syriens“ durch Staatssekretär Waldner vertreten. Russland und China blieben bisher allen Treffen fern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2012)
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