Damaskus/Reuters/Apa/Red. Stimmen die Angaben der syrischen Opposition, dann handelt es sich um das schlimmste Massaker seit Beginn des Aufstandes gegen Syriens Machthaber Bashar al-Assad: Bis zu 250 Menschen sollen im Dorf Tremseh in der Provinz Hama umgebracht worden sein, erklärte der „Revolutionäre Führungsrat“ in Hama. Unter den Opfern befinden sich demnach zahlreiche Frauen und Kinder. Die Opposition veröffentlichte Handyaufnahmen von Leichen und Schwerverletzten.
Unmittelbar vor dem Massaker soll das Dorf von Soldaten und Sicherheitskräften umstellt und mit schweren Waffen beschossen worden sein. Anschließend habe es dort Gefechte zwischen der Armee und den Rebellen gegeben. Die Aufständischen hätten sich zurückgezogen. Dann seien Paramilitärs des Regimes in Tremseh eingerückt und hätten Zivilisten umgebracht, so die Opposition. „Es scheint, als ob nach dem Abzug der aufständischen Verteidiger alawitische Milizionäre in Tremseh einrückten und damit begannen, die Leute umzubringen.“ Viele Menschen seien regelrecht hingerichtet worden, berichtete ein Oppositioneller, dem nach eigenen Angaben im letzten Moment die Flucht aus dem Dorf gelungen sei.
„Terroristen sind schuld“
Die Alawiten sind eine religiöse Minderheit, der etwa zwölf Prozent der syrischen Bevölkerung angehören. Präsident Assad ist Alawit so wie ein wichtiger Teil der syrischen Führungsschicht. Die Alawiten gelten als frühe Abspaltung der Schiiten. Sie glauben aber auch an Dinge wie Seelenwanderung, was sie von den großen islamischen Glaubensrichtungen klar unterscheidet. Vor allem radikale Sunniten sprechen den Alawiten deshalb ab, Muslime zu sein.
Länder wie Saudiarabien und Katar unterstützen unter den Rebellen vor allem radikale sunnitische Gruppen, die nicht nur deshalb gegen Syriens Regime kämpfen, weil es unterdrückerisch ist, sondern auch, weil sie in Diktator Assad, seiner Familie und dem alawitischen Führungsclan „Ungläubige“ sehen.
Das Regime bestätigte am Freitag, dass es in Tremseh zu Kämpfen gekommen sei. Es wies aber jegliche Vorwürfe zurück, ein Massaker unter der Zivilbevölkerung begangen zu haben. Die Gräuel an Zivilisten seien von „Terrorgruppen“ angerichtet worden, berichtete das staatliche syrische Fernsehen. Als „Terroristen“ werden vom Regime gemeinhin die bewaffneten Rebellengruppen bezeichnet.
Annan verurteilt Gräuel
Der UN-Sondervermittler für Syrien, Kofi Annan, zeigte sich am Freitag über die Berichte aus Tremseh schockiert. Er verurteilte die Gräueltaten aufs Schärfste. Voraussetzung für einen neuen Einsatz der UN-Beobachter sei, dass sie völlige Bewegungsfreiheit erhielten. Derzeit sind in Syrien rund 200 unbewaffnete UN-Beobachter stationiert. Da sie zuletzt aber immer wieder bei Gefechten zwischen Rebellen und Regierungstruppen zwischen die Fronten gerieten, stellten sie ihre Überwachungsmissionen außerhalb der Hauptstadt Damaskus weitgehend ein. Der Chef der UN-Mission in Syrien, General Robert Mood, gab bekannt, seine Beobachter würden versuchen, den Ort des Massakers Tremseh zu untersuchen. „Unsere Teams sind bereit, hinzufahren und zu überprüfen, was geschehen ist“, sagte Mood in Damaskus. Voraussetzung sei aber, dass es eine glaubwürdige Feuerpause gebe. Genau das gibt es aber in Syrien derzeit nicht. Obwohl laut Abmachungen mit Sondervermittler Annan offiziell ein Waffenstillstand gilt, haben sich die Kämpfe zwischen Regimetruppen und Aufständischen zuletzt verschärft.
Nationalrat fordert Intervention
Die UN-Beobachter gaben am Freitag bekannt, dass die syrischen Streitkräfte in der Nähe von Tremseh nach wie vor mit der Luftwaffe gegen Regierungsgegner vorgingen. Der oppositionelle syrische Nationalrat forderte erneut eine ausländische Militärintervention.
Bei einem Massaker in der syrischen Ortschaft Tremseh sollen bis zu 250 Zivilisten ermordet worden sein. Regierung und Opposition machen sich gegenseitig für das Verbrechen verantwortlich. Es wäre das schlimmste Massaker an Zivilisten seit Beginn der Proteste gegen das Regime von Machthaber Bashar al-Assad vor 16 Monaten. Ende Mai sind bei einem Massaker in Houla 108 Menschen getötet worden. Auch hier ist die Urheberschaft bis heute nicht geklärt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)
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