Die Redwood Lane in Cedar Rapids war abgeriegelt für den hohen Besuch aus Washington. 25 Minuten nahm sich der Präsident Zeit für das Gespräch mit Jason und Ali McLaughlin am blankpolierten Esstisch ihres Vorstadtheims in Iowa, das sich um die Alltagssorgen einer handverlesenen Durchschnittsfamilie drehte. Abgeschirmt im Weißen Haus, sucht Barack Obama am Rande seiner Wahlkampf-Trips den hautnahen Kontakt zum Wahlvolk – im Diner, beim Bier an der Bartheke, am Obststand oder im Wohnzimmer. Da ein Witz, dort ein Klaps: Das gehört zur Routine.
Seine Wahlkampfzentrale in Chicago hatte den Direktor einer Highschool und die Buchhalterin, schwanger mit einem zweiten Kind, aus ihrem reichhaltigen Datenfundus herausgepickt, der alle Spender, Wahlhelfer und Anhänger akribisch registriert. Die McLaughlins repräsentieren in diesem Raster eine typisch weiße Mittelschichtfamilie, die die Wählerschaft Obamas in den urbanen Zentren des Agrarstaats Iowa widerspiegelt. Die Wahlkampfprofis um Jim Messina – Meister des „Micro-Targeting,“ das spezielle Wählerschichten ins Visier nimmt – überlassen nichts dem Zufall.
Obama bewegte sich in Iowa auf vertrautem Terrain. Monatelang war er im Vorwahlkampf 2007/2008 kreuz und quer durch den Bundesstaat im Mittleren Westen getourt. Mit einer ausgeklügelten Kampagne und hochmotivierten Wahlhelfern überrumpelte er hier Hillary Clinton, die nominelle Favoritin der Demokraten; hier legte er den Grundstein zu seinem Wahlerfolg, und am Wahltag deklassierte er seinen Gegenkandidaten John McCain. Dass der schwarze Intellektuelle aus Chicago im agrarisch geprägten, von weißen, evangelikalen Christen dominierten Staat reüssierte, galt als Sensation.
Nicht ganz willkommen. Als Präsident kehrte Obama immer wieder zurück nach Iowa, inzwischen freilich längst nicht mehr so willkommen wie vor vier Jahren. Der republikanische Gouverneur Terry Branstad hatte ihn oft persönlich in Empfang genommen. Jetzt schimpfte er über den „schrecklichen Führer“. Obama stecke wohl in Schwierigkeiten, sonst würde er nicht ständig in Iowa auftauchen, höhnte der Gouverneur. An der hartnäckigen Krisenstimmung, die im Großteil der USA grassiert, liegt es in Iowa indes nicht. Die Agrarindustrie floriert trotz einer gerade herrschenden Dürrephase, die Produktion von Ethanol beschert den Farmern – auch dank der Subventionen aus Washington – satte Gewinne. Die Arbeitslosenrate zählt zu den geringsten im ganzen Land – 5,1 Prozent gegenüber 8,2 Prozent bundesweit.
Das Wahlkampfgetrommel der Republikaner im Vorfeld der ersten US-Vorwahl ließ die Bewohner im „Hawkeye State“ nicht unberührt. Der Vorwahlkampf mobilisierte die Anhänger, mittlerweile haben die Republikaner ihren Rückstand bei der Registrierung von Parteimitgliedern in einen Vorsprung verwandelt. Das Obama-Team lancierte daher eine TV-Kampagne in sogenannten „Swing States“ wie Iowa, die in ihrem Votum hin- und herpendeln. Ein gutes Dutzend solcher „Battleground States“ entscheidet die Wahl, und nach Stand der Dinge liegt der Präsident hier laut einem Umfragen-Mittelwert der Website „Realclearpolitics“ derzeit drei Prozent vor seinem Konkurrenten – in einigen Bundesstaaten wie in Pennsylvania sogar mit einem recht komfortablen Polster von acht Prozent.
Neun Staaten hatte Obama den Republikanern 2008 abgeknöpft, darunter Nevada und Colorado, wo der demografische Wandel infolge des Zuwachses der Latinos den Demokraten einen Vorteil verschaffen könnte. Nevada leidet allerdings an der höchsten Arbeitslosenrate (11,6 Prozent) und obendrein der schlimmsten Immobilienkrise im Land. Umfragen zufolge schaffte Romney es bisher lediglich, eine einzige ehemals republikanische Bastion umzudrehen: North Carolina. Die Euphorie hatte Obama dort zu einem Sieg mit 14.000 Stimmen Vorsprung gegenüber McCain getragen.
Bewusst wählten die Demokraten die Finanzkapitale Charlotte als Bühne ihres Parteitags im September aus, um North Carolina bei der Stange zu halten. Bei den Republikanern fiel die Wahl auf Tampa in Florida. Der „Sunshine State“ ist nicht erst seit dem Wahlthriller anno 2000 zwischen George W. Bush und Al Gore ein heiß umkämpfter „Swing State“ mit einem üppigen Anteil an Wahlmännerstimmen. Florida zählt derzeit zu einem der ökonomischen Schlusslichter in den USA, was Romney favorisieren könnte.
Der „Grantlereffekt“. Auch im demokratisch gefärbten „Rostgürtel“, in seinem Geburtsstaat Michigan oder in Ohio macht sich Romney Hoffnungen. Seine Absage an die Finanzhilfe für die Autoindustrie hat dem Sohn eines früheren Autobosses aber schwer geschadet. Die leichte Aufwärtstendenz begünstige Obama, konstatierten die Analysten der Ratingagentur Moody's, weshalb sie auch dessen Wiederwahl prognostizieren. Wo die Arbeitslosenquote unter acht Prozent sinkt, so ihre These, falle der „Grantlereffekt“ weg.
Während der Herausforderer im Zickzackkurs durch die USA jettet, zog der Präsidententross nach Virginia. Auf den Militärbasen an der Ostküste warb Obama um die Unterstützung der Militärfamilien, eher eine Klientel der Republikaner. In Virginia stöhnen viele indessen über die Flut an TV-Spots. Er fühle sich an Ende Oktober erinnert, merkte ein Politologe an – den Höhepunkt der Wahlkampfsaison.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2012)
''Romney Olympics': Mormonen-Familie in perfekt inszenierter Idylle
Mitt Romney: ''Polit-Chamäleon'' ist gescheitert
Obama: Entzaubert, aber wiedergewählt
Politik per Pinsel: Obama als das personifizierte Böse
BilderMord an Soldaten schockiert Großbritannien
Staatsbürgerschaftstest neuKönnten Sie Österreicher werden?
Zitate der Woche''Wie man mit Umfragen manipuliert, weiß ich auch''
X-47BGroßdrohne hebt erstmals von Flugzeugträger ab
''Kim on Tour''Der Diktator als Pappkamerad
