Washington. Die prominenteste Grüne war gar nicht erst zur Kandidatenkür in Baltimore erschienen. Die Schauspielerin und Komikerin Roseanne Barr, Star der TV-Serie „Roseanne“, blieb auf ihrer Farm in Hawaii, weil sie bei den Vorwahlen das Nachsehen hatte gegenüber Jill Stein.
Die Bühne war also frei für die Ärztin aus Massachusetts, deren bunt schillernde Schals zum Symbol für eine Partei taugen, die in den USA zum absoluten Minderheitenprogramm gehört. Abgesehen von wenigen Enklaven an der Ost- und Westküste kommt den Grünen in der Öffentlichkeit allenfalls vor den Präsidentenwahlen eine minimale Aufmerksamkeit zu – als „Spielverderber“ in dem rigorosen Zweiparteiensystem.
Mit gemischten Gefühlen hatte die Linke denn auch auf den einzig relativ zählbaren Wahlerfolg der Grünen reagiert. Im Jahr 2000 hatte der bekannte Konsumentenschützer Ralph Nader als unabhängiger Kandidat 2,7Prozent der Stimmen erzielt – und damit George W. Bush den Weg ins Weiße Haus geebnet. Denn nach dem Verständnis der Demokraten hatte er Al Gore den Sieg gekostet. Viele frustrierte Linksliberale votierten damals für Nader, der jahrzehntelang kritische Geister mobilisierte.
Allianz mit Occupy-Bewegung
Für die Präsidentschaftskandidatin Stein ist es das deklarierte Ziel, das politische System aufzubrechen und die Grünen als dritte Kraft zu etablieren. Erstmals gelang es den Grünen, staatliche Wahlkampfgelder zu reklamieren. Allerdings haben sie sich bisher erst in 21 Bundesstaaten zur Wahl qualifiziert. Auf mehr mediale Präsenz dürfen sie indessen nicht hoffen. Um an einer Präsidentschaftsdebatte teilzunehmen, müssten Umfragen zumindest 15Prozent für Stein ausweisen. Sie ist Welten von der Marke entfernt. Dabei hat sie sich einst in einem TV-Duell im Gouverneurswahlkampf in Massachusetts gegen Mitt Romney respektabel geschlagen.
Beim Parteitag gab sie eine Parole aus, die an die Occupy-Bewegung anklang: „Wir sind die 99 Prozent, und wir werden uns das Land zurückholen.“ Stein propagiert einen „grünen New Deal“, ein Jobprogramm im Sektor der Alternativenergie und im Gesundheitsbereich – neben der obligaten Forderung der Legalisierung von Marihuana. „Ich praktiziere politische Medizin“, lautet ihr Credo. „Politik ist die Mutter jeder Krankheit.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2012)
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