Washington. Als Sänger gibt Mitt Romney eine eher klägliche Figur ab. Doch was tut man nicht alles im Wahlkampf, um sich als Patriot zu gerieren? Bei den Vorwahlen in Florida vor einem halben Jahr forderte er seine Anhänger im sonnigen Pensionistenparadies The Villages auf, mit ihm in den Chorus von „America, the Beautiful“ einzustimmen – der heimlichen US-Hymne. Dünn und brüchig klang die Stimme, und die Satiriker trieben ihren Spott mit dem hölzernen Kandidaten.
Die Gesangseinlage pickten die Demokraten nun heraus, um Romneys Image als Vorzeigemanager zu konterkarieren. In einer Videomontage attackieren sie ihn als „Outsourcing-Pionier“, als einen Kapitalisten, dessen Firmen um des Profits willen Jobs ins Ausland verlagerten – nach China, Indien und Mexiko. Romneys Investmentfirma Bain Capital wurde solchermaßen als Pionier gerühmt. Zu jener Zeit, behauptet der republikanische Präsidentschaftskandidat aber, habe er als Vorstandschef keine aktive Rolle mehr in dem Unternehmen gespielt. 1999 hatte er Bain Capital verlassen, weil er den Job als Krisenmanager der Olympischen Winterspiele in Salt Lake City übernahm. Eine Korruptionsaffäre überschattete damals die Spiele im Mormonenstaat Utah, sie waren von einer Pleite bedroht.
„Schämen Sie sich, Mr. Obama“
Entrüstet pochte Romney auf eine offizielle Entschuldigung von Präsident Obama. In einem TV-Spot konterten die Republikaner mit einem Satz Hillary Clintons aus dem Wahlkampf vor vier Jahren: „Schämen Sie sich, Mr. Obama.“ In der Hitze des unerbittlichen Duells hatte sie ihrem Gegenkandidaten vorgeworfen, Unwahrheiten unters Wahlvolk zu streuen.
Mit ungebrochener Intensität spritzen auch heuer wieder die Giftschleudern, zwischen den Lagern fliegen die Pfeile hin und her. Das Obama-Camp denkt nämlich nicht daran, vor Romney in die Knie zu gehen. Unablässig treibt es den Gegner vor sich her. Romney habe den Vorstandsjob bei Bain Capital pro forma nie aufgegeben, er habe sogar weiterhin eine Gage bezogen, trommeln die Obama-Leute. Dies entspricht dem Naturell und dem Sicherheitsdenken Romneys, der kaum je ein Risiko einging. Auch ein Präsident Romney würde vor allem Jobs im Ausland schaffen, kritisierte Obama bei Kundgebungen landauf, landab. Denn dessen Konzept sehe Steuerfreiheit für Auslandsprofite von US-Unternehmen vor.
Paradoxerweise folgt die Obama-Kampagne der Strategie George W. Bushs, die da lautet: Den Gegner frühzeitig in eine Schlammschlacht verwickeln und brandmarken. Mit wüsten Attacken hatten die Republikaner 2004 die Glaubwürdigkeit des demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry als Vietnam-Veteran unterminiert und seinen Patriotismus infrage gestellt.
Das Romney-Team musste indessen gewappnet sein. Ausgerechnet die republikanischen Gegenkandidaten lieferten den Demokraten die Munition. Newt Gingrich und Rick Perry hatten Romney im Vorwahlkampf als „Aasgeier“ und „Raubtierkapitalisten“ angeprangert – eine Punzierung, die in Zeiten, in denen die Reputation der Wall Street schwer ramponiert ist, eine Grundstimmung trifft. Schon vor vier Jahren höhnte Mike Huckabee in Anspielung auf seinen Rivalen Romney: „Ich will ein Präsident sein, der euch nicht an den Typen erinnert, der euch gefeuert hat.“ Und auch Ted Kennedy hatte bei der Senatswahl in Massachusetts 1994 die Rolle Romneys als Finanzmanager weidlich ausgeschlachtet.
Vorbild George Romney
Die Forderung nach Veröffentlichung weiter zurückliegender Steuererklärungen bringt Romney zusätzlich in die Bredouille. Inzwischen hat sich eine Reihe prominenter Republikaner dem Ruf angeschlossen. Romney wiegelte vorerst ab. Dies würde den Gegnern noch mehr Angriffspunkte bieten und von der miserablen Bilanz Obamas ablenken. Eine Offenlegung würde die ausländischen Konten und Fondsanteile des Kandidaten in der Schweiz und den Cayman Islands zutage fördern. Just sein Vater George Romney hatte völlige Transparenz vorexerziert, als er im Präsidentschaftswahlkampf 1968 seine Finanzlage lückenlos darlegte. Nur die Nominierung des Vizepräsidentschaftskandidaten könnte seinem Sohn derzeit aus der Defensive helfen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2012)
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