Wien/Damaskus/Hd/Ag. Die Straßen in den Innenbezirken von Damaskus sind nahezu leergefegt. Wo zu Friedenszeiten das Leben pulsierte und der tägliche Verkehrsinfarkt Autofahrer in den Wahnsinn trieb, hat der Bürgerkrieg das Bild völlig verändert: Zahlreiche Geschäfte sind geplündert, wie Augenzeugen berichten, auf den Straßen zeugen Munitionsreste von den Kämpfen. Viele Geschäftsleute trauen sich nicht mehr, ihre Rollläden hochzuziehen. Wer trotz der Gefechte den Weg zur Bank wagt, um für die Flucht aus der umkämpften Kapitale die letzten Ersparnisse zu holen, bekommt oft nichts mehr, den Banken geht das Geld aus.
UN-Mission verlängert
Mitten in die Kämpfe platzte am Freitag die Meldung, Syriens Machthaber Bashar al-Assad habe seinen Rücktritt akzeptiert. Überraschend war nicht nur die Nachricht selbst, sondern auch, wer sie überbrachte: Russlands Botschafter in Frankreich, also ein Vertreter jenes Landes, das nach wie vor hinter Assad steht und erst am Donnerstag im UN-Sicherheitsrat Sanktionen gegen Syrien mit seinem Veto blockiert hat, zum dritten Mal bereits. Am Freitag konnte sich der Rat immerhin darauf einigen, die UN-Beobachtermission um 30 Tage zu verlängern.
Dass Assad zum Machtverzicht bereit sei, wurde zwar umgehend dementiert, nicht nur vom Regime, sondern auch von Moskau. Ein Sprecher des russischen Außenamts sprach gar von einem „Witz“.
Während also am Freitag Unklarheit über die Absichten Assads herrschte und nicht einmal klar war, ob sich die Familie des Diktators überhaupt im Land aufhält, zeigt dessen Regime klare Auflösungstendenzen: Die Armee startete zwar eine Gegenoffensive, nachdem zuletzt immer mehr Kämpfer der Rebellen aus anderen Landesteilen nach Damaskus eingesickert waren. Es gelang den Aufständischen dennoch, eine im Zentrum gelegene Kaserne einzunehmen und zu zerstören. Den regimetreuen Kräften stellten die Rebellen ein Ultimatum: Bis Ende Juli hätten die Soldaten der regulären Armee noch Zeit, die Seiten zu wechseln. Jeder Soldat, der danach gefasst werde, müsse damit rechnen, für die Verbrechen des Regimes zur Rechenschaft gezogen zu werden. Alle Ausländischen Kämpfer, etwa aus dem Iran oder dem Libanon, seien hingegen umgehend zu töten, hieß es seitens der Führung der sogenannten „Freien Syrischen Armee.“
Enthauptungsschlag
Zuvor hatte sich bereits ein weiterer Brigadegeneral mit 20 hochrangigen Offizieren in die Türkei abgesetzt. Damit hat das Regime bereits 22 Generäle an die bewaffnete Opposition verloren.
Mindestens so schwer wiegt der Enthauptungsschlag, den die Rebellen mit einem Selbstmordanschlag am Mittwoch gegen den inneren Zirkel des Assad-Regimes führte. Am Freitag starb mit Geheimdienstchef Hisham Bekhtyar ein vierter Top-Repräsentant des Regimes. Es wird langsam einsam um Syriens Diktator.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2012)

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