Wien/Duschanbe. Die Angehörigen in Duschanbe sind höchst beunruhigt. „Wir sind seit Tagen in mieser Stimmung“, schildert eine Bewohnerin der tadschikischen Hauptstadt der „Presse“. Noch immer gibt es keine Telefonverbindung in die Pamir-Region, das Internet ist gekappt, die Flugverbindung unterbrochen. Kein Lebenszeichen von den Verwandten im Hochgebirge. „Es dringen nur sehr wenige Nachrichten zu uns“, sagt die Frau.
Es ist Tag drei nach einer groß angelegten Militäraktion der tadschikischen Regierungstruppen in der autonomen Provinz Berg-Badachschan (GBAO), einer Bergregion an der Grenze zu Afghanistan. Am Dienstag hatten Regierungstruppen, flankiert von Helikoptern und Panzern, in der 500 Kilometer von Duschanbe entfernten Provinzhauptstadt Chorog das Feuer auf bewaffnete Oppositionelle eröffnet. Es ist nicht der erste Zwischenfall dieser Art, aber der schwerste seit Langem: 42 Menschen sollen getötet worden sein, zwölf Soldaten, 30 Aufständische. Andere Berichte sprechen gar von mehr als hundert Toten, darunter auch Zivilisten, die in die Schusslinie gekommen sein sollen. Am Mittwoch wurde eine Waffenruhe ausgerufen, doch die Stimmung blieb angespannt. Soldaten patrouillierten in Chorogs Straßen.
Hintergrund des Einsatzes ist der Mord an Geheimdienstgeneral Abdullo Nasarow am vergangenen Samstag. Die Regierung vermutet den Exkommandanten Tolib Ajombekow hinter dem Anschlag, er und drei seiner Mitkämpfer sollen sich ergeben. Bisher ist das nicht geschehen. Der Vorfall ist ein spätes Echo des Bürgerkriegs, der die Exsowjetrepublik von 1992 bis 1997 erschütterte. Damals kämpften regionale Fraktionen, die sich – grob gesprochen – in säkulare Exkommunisten und Islamisten teilten, um die Macht im Staate. Ajombekow kommandierte eine Einheit aufseiten der Islamisten. Mit dem Friedensschluss von 1997 fand eine Aussöhnung von Staatspräsident Emomali Rachmon, Vertreter der siegreichen Fraktion, mit den Islamisten statt. Ajombekow und andere bekamen (halb-)zivile Jobs: Er wurde etwa Chef eines Grenzpostens. Duschanbe beschuldigt ihn nun, den Handel mit afghanischem Rauschgift zu kontrollieren.
Regierung hat wenig Rückhalt
Im Pamir, dessen Bewohner im Krieg die Opposition unterstützten, hat Duschanbe bis heute weder besonders viel Rückhalt noch besonders viel Kontrolle. Der Politologe Parwis Mullodzhanow glaubt daher, dass die Zentralregierung mit der Operation ihre Macht in der 250.000-Einwohner-Region ausbauen wollte, die immerhin 40 Prozent des Staatsterritoriums einnimmt. „Die Zentralbehörden haben die Situation dazu genutzt, um eine Reihe von früheren Feldkommandanten auszuschalten, die bis heute Einfluss im Pamir haben“, so Mullodzhanow zum Internetmedium „Vzgljad“. Rachmon konnte im Laufe seiner Präsidentschaft die Opposition an den Rand drängen; gegen religiöse Gruppen, die nicht der staatlich sanktionierten Spielart des Islam entsprechen, wird hart vorgegangen.

Mittelfristig könnte der Einsatz die Spannungen zwischen Zentrum und Regionen verstärken, sagt Mullodzhanow. Mittelfristig, aber in anderen Kategorien, denkt wohl auch Präsident Rachmon, der gestern seinen Besuch der Olympischen Spiele in London abgesagt hat. Vergleichsweise wenig Sorgen dürfte ihm seine Wiederwahl 2013 machen. Als diffizilere Aufgabe könnte sich hingegen die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung erweisen, wenn die westlichen Truppen 2014 aus Afghanistan abziehen. Tadschikistan teilt mit seinem südlichen Nachbarn eine 1300 km lange, verletzliche Grenze.
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