Peking/Pjöngjang. Seit der kindlich wirkende Diktator Kim Jong-un in Nordkorea die Macht übernommen hat, weht offensichtlich ein frischer Wind durch Pjöngjang. Wie sich der erst Ende vergangenen Jahres zum Machthaber aufgestiegene Kim der Öffentlichkeit präsentiert, ist neu für das streng abgeriegelte Land.
Zuerst bestätigte das nordkoreanische Staatsfernsehen, dass Kim Jong-un verheiratet ist. Bei der jungen Frau an seiner Seite handelt es sich um Ri Sol-ju, eine 22 oder 23 Jahre alte Sängerin, die der junge Kim, dessen genaues Alter ebenfalls nicht bekannt ist, angeblich bereits 2009 oder 2010 geheiratet haben soll. Ganz genau weiß es nicht einmal der südkoreanische Geheimdienst.
Gemeinsam aufgetreten waren sie am Mittwoch bei der Eröffnung eines neuen Freizeitparks. Auf einem Bild, das nun veröffentlicht wurde, lässt sich der Diktator freudestrahlend auf einer Schiffsschaukel durch die Luft wirbeln. Auf dem nächsten begrüßt er lächelnd mit einem Strohhut in der Hand junge Schwimmerinnen und Schwimmer. Und auch zuvor hat er sich mit seiner Frau bei der Eröffnung eines Kinderhorts beim Tätscheln von Kindern ablichten lassen. Ein anderes Mal war er auf einer Gala zu sehen, bei der Mickey Maus auftrat.
Privatleben des Clans war tabu
Nicht einmal sein Großvater, Nordkoreas Staatsgründer Kim Il-sung, geschweige denn dessen Vater Kim Jong-il, haben sich in der Öffentlichkeit von ihrer „menschlichen Seite“ gezeigt. Das Privatleben des Kim-Clans war in der nordkoreanischen Öffentlichkeit tabu. Sind die Bilder des neuen Diktators Ausdruck von Volksnähe, Offenheit und gar einer neuen Politik im Stalinistenstaat?
Offiziell hat Kim Jong-un nicht nur alle entscheidenden Posten des Landes von seinem Vater geerbt: Er ist Erster Sekretär der Kommunistischen Partei und damit oberster Führer von Nordkorea und Oberkommandierender der Koreanischen Volksarmee. Offensichtlich genügten ihm diese Posten aber nicht. Er ließ sich vor zwei Wochen auch zum Marschall befördern und setzte dafür einen ehemaligen Vertrauten seines Vaters im mächtigen Militärapparat ab. Kim Jong-un macht also nicht den Anschein, als wäre er ernsthaft dazu bereit, im Sinne einer Demokratisierung Macht abzugeben.
Die nichtstaatliche Organisation „International Crisis Group“ (ICG) geht denn auch davon aus, dass die Inszenierungen allein dazu dienen, die Macht des jungen und auch unter Nordkoreanern bislang weitgehend unbekannten Diktators zu festigen. „Der Personenkult rund um die Kim-Familie ist jetzt voll auf Kim Jong-un übergegangen“, analysiert Daniel Pinkston von ICG. Die Bilder des lachenden Kim seien als Signal an seine Widersacher innerhalb der Führung zu verstehen, derer er sich nun entledigen will. Die Entmachtung des Marschalls vor zehn Tagen trug er ebenfalls untypisch öffentlich aus.
Großzügig bei Olympia-Versehen
Kulant zeigt sich die nordkoreanische Führung aber immerhin gegenüber Großbritannien. Vor dem olympischen Fußballspiel der Nordkoreanerinnen gegen Kolumbien am Mittwochabend wurde im Glasgower Stadion auf der Anzeigetafel aus Versehen die Flagge Südkoreas eingeblendet. Das nordkoreanische Team verließ aus Protest den Platz. Aus Pjöngjang heißt es nun: Das könne passieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)
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