Kairo. Die westlichen und arabischen Staaten befürchten eine humanitäre Katastrophe: Seit dem Wochenende tobt die Schlacht um Aleppo, die zweitgrößte Stadt Syriens. Die blutigen Kämpfe haben bereits eine Massenflucht ausgelöst.
Kampfhubschrauber dröhnten im Tiefflug über die Dächer. MiG-Düsenjets operierten am Himmel über der Wirtschaftsmetropole, wo 2,5 Millionen Menschen leben. Es gebe „viele Opfer“ unter der Zivilbevölkerung vor allem wegen der Luftangriffe, erklärte am Sonntag ein Rebellenkommandant gegenüber einem AFP-Reporter und forderte das westliche Militär auf, eine Flugverbotszone zu errichten.
Ununterbrochen beschossen die aufmarschierten Truppen des Regimes nach Angaben von Menschenrechtlern die südwestlichen Bezirke Salah al-Din, Hamdaniya und Saif al-Dawla mit Artillerie. Auch im nordwestlichen Bezirk Skahur waren schwere Explosionen zu hören. Videos zeigen wilde Schusswechsel, getötete Soldaten in den Vierteln sowie Aufständische, die auf angreifende Hubschrauber feuern. Inzwischen haben die Kämpfe offenbar auch das historische Stadtzentrum erfasst, das zum Unesco-Weltkulturerbe gehört.
Der Chef des Syrischen Nationalrats (SNC), Abdel Basset Sayda, richtete in Abu Dhabi einen dramatischen Appell an die arabischen Staaten, den Rebellen mehr schwere Waffen gegen Panzer und Kampfflugzeuge zu liefern. Präsident Bashar al-Assad müsse wegen der Massaker vor Gericht gestellt werden und dürfe in keinem Land Asyl erhalten, forderte er. Nach seinen Worten braucht die „Freie Syrische Armee“ pro Monat eine Finanzhilfe von rund 120 Millionen Euro, habe aber bisher höchstens ein Zehntel dieser Summe erhalten.
Geheimdienstzentrale erobert
Am Sonntag gelang es den Aufständischen immerhin, in der Kleinstadt al-Bab nahe Aleppo die örtliche Zentrale des Militärgeheimdienstes zu erobern und ein Dutzend Verhörbeamte und Folterer festzunehmen.
Sowohl Russland als auch der Iran stellten sich indessen erneut hinter das Regime von Bashar al-Assad. Die russische Regierung sprach von einer „heraufziehenden Tragödie“, zeigte aber als langjähriger Verbündeter Verständnis für das Vorgehen der syrischen Führung. Es sei unrealistisch zu glauben, eine Regierung könne akzeptieren, „wenn bewaffnete oppositionelle Gruppen eine Stadt wie Aleppo besetzen“, erklärte Moskaus Außenminister Sergej Lawrow und bestritt jegliche Vereinbarung mit Damaskus, Assad Asyl zu gewähren. „Wir denken noch nicht einmal darüber nach“, sagte er. Sein syrischer Amtskollege Walid al-Muallem reiste am Sonntag in den Iran, den zweiten engen Verbündeten des Regimes.
Nach den Gesprächen bezeichnete Irans Außenminister al-Akbar Salehi einen Machtwechsel in Syrien als „Illusion“. Und er warnte Katar, Saudiarabien sowie die Türkei davor, sich in den Konflikt zwischen Regierung und Rebellen einzumischen. „Die Länder sollten sich der gefährlichen Folgen einer solchen Politik für die gesamte Region bewusst sein.“
Derweil geht der Exodus von Flüchtlingen aus Syrien weiter. Zwischen 1000 und 2000 kommen jeden Tag nach Jordanien, das am Wochenende ein Zeltlager mit einer Kapazität von 110.000 Plätzen in Betrieb genommen hat. Algerien meldete die Aufnahme von 12.000 Flüchtlingen, ähnlich viele haben auch in Ägypten Zuflucht gefunden. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR ließen sich bisher rund 120.000 Syrer in den Nachbarländern Libanon, Irak, Türkei und Jordanien offiziell registrieren. Die wirkliche Zahl der ins Ausland Geflohenen dürfte jedoch inzwischen bei über 500.000 liegen. Im Inneren Syriens irren weitere 1,5Millionen Menschen herum, die versuchen, sich aus den Kampfgebieten in ruhigere Regionen zu retten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2012)
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