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Rumänien: Machtkampf in Bukarest geht weiter

30.07.2012 | 18:12 |  Von unserem Korrespondenten Thomas Roser (Die Presse)

Votum über die Absetzung von Präsident Traian Basescu ist gescheitert. Wahlbeteiligung blieb knapp, aber klar unter dem nötigen Mindestquorum. Doch seine Gegner in der Regierung sehen sich als moralische Sieger.

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Belgrad/Bukarest. Sorgenfalten zeichneten die hohe Stirn des Landesvaters. Der Verlierer von Rumäniens gescheitertem Urnengang könnte sich zwar als der eigentliche Sieger fühlen. Aber dennoch trat Traian Basescu keineswegs als Triumphator vor die Kameras. Die Fackel der Demokratie brenne noch, verkündete der 60-Jährige mit ernster Miene, bevor er sein flackerndes Wahlkampfutensil nach der späten Schließung der Wahllokale in der Nacht auf Montag einem Mitstreiter in die Hand drückte: „Die Rumänen haben gegen den Staatsstreich gestimmt.“

Doch eigentlich hatten die rund 8,5 Millionen Rumänen, die sich trotz sengender Sonne zu den Urnen aufgemachten, klar für die vorzeitige Absetzung des vom Parlament suspendierten Präsidenten votiert: 87,52 Prozent stimmten für die von der sozialliberalen Regierung angestrebte Amtsenthebung ihres konservativen Widersachers. Doch mit dem Aufruf zum Wahlboykott der ihm hörigen PD-L zog Überlebenskünstler Basescu sein bedrohtes Präsidentenhaupt aus der Schlinge. Mit 46,23 Prozent blieb die Wahlbeteiligung knapp, aber klar unter dem nötigen Mindestquorum von mehr als 50 Prozent der offiziell 18,3 Millionen Wahlberechtigten.

 

„Ein Gefühl der Versöhnung“

Sollte das Verfassungsgericht den Urnengang wegen der zu geringen Wahlbeteiligung wie erwartet für ungültig erklären, könnte der frühere Seekapitän Basescu noch in dieser Woche wieder seine vertraute Kommandobrücke im Bukarester Präsidentenpalast übernehmen. Der „Bruch in der Gesellschaft“ müsse beseitigt werden, versprach der sonst so polarisierende Landesvater in der Wahlnacht selbstkritisch für seine bis 2014 währende Restamtszeit „ein Gefühl der Versöhnung“. Doch tatsächlich dürfte der Machtstreit zwischen dem Präsidenten und dem Regierungsbündnis USL von Premier Victor Ponta bald neue Blüten treiben. Denn auch die Widersacher des Präsidenten erklären sich zu Siegern des von ihnen forcierten Urnengangs.

Basescu könne zwar im Präsidentenpalast bleiben, aber habe angesichts der großen Mehrheit, die gegen ihn gestimmt habe, jegliche Legitimität verloren, forderte Ponta seinen Rivalen zu Wochenbeginn kaum verhohlen zum Rücktritt auf. Aufgabe seiner Regierung werde es nun sein, den durch Basescu angerichteten Schaden für das Land „zu begrenzen“ und die Rumänen, die für dessen Absetzung gestimmt hätten, „zu verteidigen“: „Ein Politiker, der die Stimmen von neun Millionen Menschen ignoriert, hat den Bezug zur Realität verloren.“

Schon das Referendum hatte die Öffentlichkeit tief gespalten. Und die sich abzeichnenden Nachwahlgefechte dürften für neue Verwerfungen sorgen. Neben dem als verfassungswidrig bezeichneten Aufruf der PD-L zum Wahlboykott machen Regierungspolitiker nicht nur die Hitze für das zu niedrige Wähleraufkommen verantwortlich, sondern auch die veralteten Wählerlisten: Dem (noch nicht offiziellen) Ergebnis der Volkszählung von 2011 zufolge ist die Bevölkerung Rumäniens durch anhaltende Auswanderung mittlerweile auf 19,6 Millionen geschrumpft. Die tatsächliche Zahl der Wahlberechtigten belaufe sich damit nur auf rund 15, statt der offiziell 18,3 Millionen Zählseelen, rechnete zu Wochenbeginn Liviu Dragnea, der Generalsekretär der sozialdemokratischen PSD vor.

 

Unnötiger Urnengang

Doch tatsächlich haben bei dem Konflikt alle Beteiligten kräftig Federn gelassen. Das nach dem Erfolg bei den Kommunalwahlen eigentlich fest im Sattel sitzende USL-Bündnis muss sich die Frage gefallen lassen, warum es ohne Not einen Urnengang mitten im Hochsommer organisiert hat – und mit zweifelhaften Winkelzügen auch noch halb Europa gegen sich aufgebracht hat. Die keineswegs homogene Regierungskoalition könne durch das gescheiterte Referendum bis zu den Parlamentswahlen im Herbst noch unter Druck geraten, glaubt der Bukarester Politologe Cristian Pirvelescu.

Der unpopuläre Basescu wiederum hat zwar flugs alle Nichtwähler in die Schar der Gegner seiner Absetzung eingereiht. Doch mit dem verheerenden Votum über seine Amtsführung scheint er künftig mit einem Glaubwürdigkeitsproblem belastet.

Während die Polit-Turbulenzen die wirtschaftlichen Probleme noch vertiefen, dürfte sich die Abkehr vieler Rumänen vor ihrer eigenen Politikerkaste durch das Trauerspiel vergrößern. „Wir würden neue Politiker brauchen, doch die haben wir nicht“, klagte am Montag der Kolumnist der Wochenzeitung „Dilema Veche“.

Auf einen Blick

Bei dem Volksentscheid über den Verbleib von Staatschef Traian Basescu am Sonntag stimmten 87,52 Prozent gegen den Präsidenten. Doch blieb die Wahlbeteiligung mit 46,23 Prozent knapp, aber klar unter dem nötigen Mindestquorum von mehr als 50Prozent der offiziell 18,3Millionen Wahlberechtigten. Um für eine möglichst hohe Wahlbeteiligung zu sorgen, hatte die Regierung im Vorfeld die Öffnungszeiten der Wahllokale verlängert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2012)

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24 Kommentare
Gast: der lügenbaron
31.07.2012 13:41
0 2

über die intelligenz der referendums-defraudanten


In vielen gottvergessenen Winkeln des Landes, die niemand kannte außer Fuchs und Hase bei Nacht, ist am Tag des Referendums der Fremdenverkehr förmlich explodiert, hervorgetan haben sich Distrikte wie
Olt, Heimat großer Söhne - und Töchter! - wie der niemals vergessene Ceauşescu, die sich für die schlauesten im ganzen Donau-Karpaten-Raum halten: in Coloneşti haben 184,28% der eingetragenen Wähler (2 779 Wahlzettel bei 1 508 Wahlberechtigten) ihre feste Unterstützung der saubersten Regierung seit den Dakern abgestempelt und gefaltet, weitere 16 Ortschaften des Kleinstkalibers haben im sozialistischen Wettbewerb die 100%-Beteiligung locker überstiegen
Dolj mit Radovan (126,25%) als Leader von weiteren acht Gemeinden mit über 100% Teilnahme
absoluter Spitzenreiter ein Kaff mit 250% Wahlbeteiligung namens Lepşa im Distrikt Vrancea (1200 Stimmen bei 347 registrierten Wahlberechtigten) wo allerdings seit zehn Jahren der Urlaub am Bauernhof blüht (vermutlich eine Woche im voraus vom sozialistischen bzw. freiheitlichen Karpatenverein mit Beschlag belegt).

Gast: Familie Jo. Kurt u. Anna Nass van Eyesgastein
30.07.2012 23:16
3 0

also wenn ich Politiker bin und fast 90% der Bevölkerung.....

...will mich NICHT, dann trete ich nicht nur zurück, sondern gehe in Azul!
be.es:stellt euch vor, eine Familie mit 10 Köpfen und wenn der Oberkopf nach Hause kommt gehen 8 Köpfe weg, weil sie den Oberkopf nicht sehen können.......also wie lange kann so eine Familie "überleben"???

Gast: der lügenbaron
30.07.2012 20:17
1 2

demographie und realitätsbezug


Die Regierungspolitiker dürften eiusdem farinae aus ein und derselben Tüte geknetet sein, einer glutenfreien, die sich im Oberstübchen niedergeschlagen hat.
Dieser Dragnea, seines Zeichen Parteisekretär, hat sich schier Unglaubliches beim Referendum geleistet und stündliche Berichte über die Wahlbeteiligung aus allen Wahllokalen im Distrikt Teleorman angeordnet. Nun rückt er mit seinem intellektuellen Meisterstück heraus und will Einwohnerzahlen, die er sich einbildet, welche aber nicht vorliegen können.
Die EU hat einen Zensus für 2011 festgelegt, dessen Grunddaten innerhalb zweier Jahre gemeldet werden müssen, also 2013. Eine der Sofortmaßnahmen der neuen Macht war zwei Direktoren des Statistischen Zentralamtes zu feuern weil die neuen Daten nicht vorlagen - wie man sieht, im Hinblick auf das Referendum (einer wurde wieder eingestellt).
In ihrer blödsinnigen Gier nach der totalen Macht konnten diese Denker und Lügner es nicht abwarten und mußten nach sechs Wochen losschlagen - nach der alten Volkszählung, was sonst. Jetzt fabulieren sie von einer anderen demographischen Wirklichkeit welche noch niemand kennt.
Langsam aber unaufhaltsam rückt ihnen Artikel 7 des EU-Vertrags auf die Pelle, denn nur die Zwangsjacke kann sie ruhigstellen.

Gast: der lügenbaron
30.07.2012 14:16
1 2

nackte zahlen


Die erforderliche Wahlbeteiligung für die Erreichung von 50% plus einen lag bei
9 176 793, das entspricht einem Gesamt der Wahlberechtigten von 18 353 584. Nach Auszählung in 99,97% aller Wahllokale lag die Beteiligung bei 46,23%, macht
8 484 863, davon 87,52% mit Ja, ergibt 7 425 595.
Im Falle der Beanstandung der eines Landes der dritten Welt würdigen Betrügereien könnte die halbe Million auch gestrichen werden (wird kaum geschehen, da man einem am Boden liegenden Gegner nicht nachtreten sollte) - sagen wir also rund 7 Millionen Băsescu-Angefressene (Slogans der Putschisten-Partei: "Er hat dir deinen Lohn/deine Pension/deine Beihilfe/dein Spital genommen - nimm ihm den Sitz!". Was diese Bewohner einer Parallelwelt, die sich einmal mehr legitimiert sehen alt eingeübte kommunistische Lebensart wieder einzuführen hingegen nicht einsehen wollen, ist die simple Annahme, daß gut 11 Millionen Bürger nicht für sie sind.

Re: nackte zahlen


Nicht hingehen ist aber keine Gegenstimme!


Antworten Antworten Gast: der lügenbaron
30.07.2012 18:15
1 3

Re: Re: nackte zahlen


Wenn ein Quorum vorgegeben ist, dann doch.

Der rumänische Präsident


dürfte ja noch unbeliebter sein als unser Bundesheinzi!

Aber ganz sicher bin ich mir da auch nicht!


Re: Der rumänische Präsident

Keine Frage. Basescu hat 8 Millionen erklaerte Gegner. Soviele schafft der unsrige noch lange nicht.

Gast: Gast1234
30.07.2012 09:36
1 1

Fehler

'Auch die rund 15 Millionen Ungarn in Rumänien enthielten sich größtenteils ihrer Stimme'

75% der Rumaenen (knapp 20 Mio Einwohner) sind Ungarn???

Gast: Gast: Presse-Leserin
30.07.2012 09:14
5 0

Genauigkeit bei Zahlen?

Sehr geehrteR SchreibendeR, bei einer Gesamtbevölkerungszahl von rund 21,5 Mio. EW macht es, wie es scheint, schon einen Unterschied, ob die ungarische Minderheit in Rumänien 1,5 oder 15 Mio. Einwohner zählt, gerade, wenn es um deren Enthaltung bei besagter Abstimmung geht.


Re: Genauigkeit bei Zahlen?

Danke für den Hinweis, wurde ausgebessert.

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Ist

es nicht sozialistische Tradition, unangenehme Personen aus ihren Ämtern, mit allen Mittel, fair oder unfair, zu entfernen?

Re: Ist

weder sozialistisch noch Tradition, ganz einfach männliche Machtkämpfe, Urinstinkte.

Antworten Gast: zrucktwo
30.07.2012 08:24
5 0

Re: Ist

Ah, Sie sind ein gelernter Österreicher?

Gast: Lipinski
29.07.2012 21:35
6 0

Wieder

Wieder berichtet Frau Balomiri für die APA? Dann wundert mich ihre Neutralität nicht...

Der Neid könnte einen fressen, ...

... wenn man über den eigenen Tellerrand blickt und in Europa funktionierende Demokratien findet.

Re: Der Neid könnte einen fressen, ...

..danke , die Ostblockdemokratie brauchen wir nicht !!! Ich hab sie an der eigenen Haut erlebt. Politische Barbarei !!!

Re: Re: Der Neid könnte einen fressen, ...

Die westeuropäischen Pseudodemokratien sind nur dem Anschein nach besser.

Re: Re: Re: Der Neid könnte einen fressen, ...

Da bleibt nur der Weg des Ausprobierens übrig.

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Dürfen wir bitte auch?


Antworten Gast: Zenzine
29.07.2012 16:42
6 5

Re: Dürfen wir bitte auch?

Wieso? Was interessiert Sie der rumänische Staatschef, dass Sie ihn auch absetzen wollen?

3 2

Re: Re: Dürfen wir bitte auch?

Stellen Sie sich nicht dümmer, als Sie sind. Oder sind Sie am Ende ...

Antworten Antworten Antworten Gast: Schrumpelpilzchen
30.07.2012 08:23
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Re: Re: Re: Dürfen wir bitte auch?

Warum fragen Sie, ob wir auch den rumänischen Staatschef absetzen dürfen? Wenn Sie nachdenken, kommen Sie dahinter, dass das für uns gar nicht möglich ist. Eh klar. Was soll dieser Unfug dann?

Re: Re: Dürfen wir bitte auch?

aber über die Kärtner Landeschefs abzustimmen, wäre ein Anfang.