Buenos Aires. „Borombombón . . . borombombón . . . das sind die Trommeln von Perón!“ Es war dieser alte und wie stets in voller Lautstärke intonierte Schlachtgesang der argentinischen Gerechtigkeitspartei, der aus einem Ecklokal in Buenos Aires Altstadtviertel San Telmo drang. Einer der angelockten Passanten staunte nicht schlecht, als er ins Innere der Gaststätte schaute.
Denn auf eine der besungenen Trommeln schlug einer der bekanntesten Häftlinge Argentiniens: Eduardo Vázquez, einst Schlagzeuger der Rockband „Callejeros“. Er war nur neun Tage zuvor unter großem Medieninteresse zu 18 Jahren Haft verurteilt worden, weil er seine Frau während eines Ehestreits mit Alkohol übergossen und danach angezündet hatte. Zwei Wochen nach der Tat starb die Frau im Spital.
Der Zeuge zückte sein Smartphone und filmte Vázquez beim Trommeln für die Politik der argentinischen Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner. Einen Aufpasser in Uniform konnte der Zeuge nicht filmen, denn es gab keinen.
Als Kulturprogramm deklariert
Das Videodokument kam zu den Redakteuren von „Clarín“, Argentiniens größter Tageszeitung. Das Blatt ist das Flaggschiff des drittgrößten Medienkonzern Lateinamerikas, den die Regierung Kirchner seit 2008 zu zerschlagen versucht, nachdem der Multi den Regierungskurs zu kritisieren begann. „Clarín“ recherchierte, dass der Mörder Vázquez an jenem Sonntag in San Telmo nicht zum ersten Mal freikam, schon Monate zuvor durfte er aus der Untersuchungshaft auf eine Veranstaltung im Viertel Chacarita gehen. Beide Ausgänge wurden vor dem Richter als „Kulturprogramm“ definiert.
Organisiert werden die Freigänge von einer Kirchner-freundlichen Basisgruppe, die in drei Gefängnissen im Bereich der Hauptstadt aktiv ist und deren prominentestes Mitglied ausgerechnet der Direktor des föderalen Strafvollzugs ist. „Das Recht zur politischen Betätigung kann niemandem verwehrt werden, selbst dann, wenn er in Haft ist“, sagte ein Vertreter der Gruppe zu „Clarín“. Allerdings werden Freigänge nur für Anhänger der Präsidentin gewährt, sagte ein Vollzugsbeamter dem Blatt.
Dessen Bericht dementierte die Regierung, so gut sie denn konnte. Gelogen sei die Behauptung, die Freigänge seien ohne richterliche Genehmigung abgelaufen, wetterte Kirchner im TV. Weil aber nun mal das Video des Trommlers in Umlauf ist, musste die Präsidentin die Vorgangsweise ihrer Basisorganisationen eingestehen. Sie versuchte den Ausgang der Häftlinge mit der notwendigen Resozialisierung zu begründen. „Aber Vázquez ist doch kein Hühnerdieb“, sagte der konsternierte Vater der verbrannten Frau in mehreren Interviews.
Präsidentin lobt Hooligans
In ihrer Rede verstieg sich die Präsidentin auch zu einer erstaunlichen Eloge auf die Fußballfans ihres Landes, die nicht nur zu den leidenschaftlichsten, sondern auch zu den brutalsten der Welt gehören. In den Fankurven regieren die „Barras bravas“, Verbrechersyndikate, die Millionen verdienen mit illegal erhobenen Parkgebühren, Weiterverkauf von Eintrittskarten und dem Vertrieb von gefälschten Trikots und Drogen.
Rowdys gegen Kritik
Auch aus diesen Reihen rekrutieren Argentiniens Parteien – und allen voran die regierende Fraktion der Peronisten – die Radaumacher für politische Aktionen. Fußballrowdys schüchterten regierungskritische Demonstranten ein, störten Präsentationen von unbequemen Büchern oder zertrümmerten Büros im nationalen Statistikamt, um die Angestellten zum Frisieren der Zahlen zu motivieren.
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