Wien/Aleppo/Damaskus/Ag/som. Waren es Pilger, die – wie so viele Iraner vor Ausbruch des Konflikts – einem wichtigen schiitischen Pilgerort in Syrien einen Besuch abstatten wollten? Oder sind sie, wie syrische Aufständische behaupten, Angehörige der Revolutionsgarden, einer Eliteeinheit der Teheraner Führung? Der Fall der 48 am Samstag in Syrien entführten Iraner ist undurchsichtig – und birgt gerade deshalb die Gefahr, die regionalen Gräben, die der Konflikt bisher aufgerissen hat, noch weiter zu vertiefen.
Ein Video, das der saudische Nachrichtensender al-Arabiya gestern ausstrahlte, zeigte einen Teil der entführten iranischen Staatsbürger. Die Gruppe hatte sich offenbar in einem Bus auf dem Weg zum Flughafen befunden. Der Kommandant der für die Entführung verantwortlichen islamistischen al-Baraa-Brigade, Abdel Nasser al-Shumair, hält in dem Clip ausweisähnliche Dokumente in die Kamera, die die Zugehörigkeit der Entführten zu den Revolutionsgarden beweisen sollen. Eine unabhängige Überprüfung dieser Angaben ist nicht möglich. „Wir observieren die Iraner seit Monaten, seitdem wir von ihnen Kenntnis erlangt haben“, behauptet Shumair auf dem Band.
Türkei und Katar sollen vermitteln
Am Sonntag berichteten iranische Medien, der iranische Außenminister Ali Akbar Salehi habe seine Amtskollegen in der Türkei und Katar um Hilfe gebeten. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoğlu soll versprochen haben, die Causa zu prüfen. Bereits im Dezember 2011 und im Jänner 2012 wurden Dutzende iranische Pilger und Ingenieure in Syrien entführt. Die meisten von ihnen wurden nach einigen Monaten wieder freigelassen.
Die Türkei und Katar unterstützen die syrischen Aufständischen, während der Iran mit seiner schiitischen Bevölkerungsmehrheit als enger Verbündeter des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad gilt. Nach iranischen Angaben hielten sich die Entführten in Syrien auf, um dort das Grabmal von Zaynab, der Tochter des Imam Ali, zu besuchen.
Damaskus unter Kontrolle der Armee?
In der nordsyrischen Metropole Aleppo bekämpften sich Regierungstruppen und Aufständische unterdessen weiter heftig. Das Regime ließ das Viertel Salaheddin am Sonntag massiv mit Artillerie beschießen. In dem Stadtteil habe es auch Gefechte gegeben, teilte die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London mit. Die Rebellen bereiten sich nach eigenen Angaben weiterhin auf eine groß angelegte Militäroffensive vor. Aus Damaskus berichtete wiederum ein hochrangiger Offizier der syrischen Regierungstruppen, die Armee habe wieder die Kontrolle über das gesamte Stadtgebiet übernommen.
Unterdessen plagen Präsident Assad offenbar Geldsorgen.
Am Wochenende wurde eine Delegation aus Damaskus in Moskau vorstellig, um den Verbündeten Russland um Finanzhilfe zu bitten. Syrien gehen vor allem raffinierte Erdölprodukte wie Diesel aus. Die Delegation um Vizeregierungschef Kadri Jamil habe „eine gewisse Summe in harter Währung beantragt, um die komplizierte Lage in Syrien zu überbrücken“, berichteten russische Medien. Damaskus machte die westlichen Sanktionen für die wirtschaftliche Notlage verantwortlich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2012)
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