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Serbien: Regierung greift nach der Notenbank

05.08.2012 | 18:21 |  Von unserem Korrespondenten THOMAS ROSER (Die Presse)

Die serbische Regierung des sozialistischen Neopremiers Ivica Dačić will mehr Macht über die Notenbank. Deren Chef, Dejan Šoškić, wirft entnervt das Handtuch - und warnt vor dem Anzapfen der Devisenreserven.

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Belgrad. Wochenlang hatte Serbiens oberster Währungshüter dem Trommelfeuer der Rücktrittsforderungen aus den Reihen der neuen nationalpopulistischen Koalition trotzig widerstanden. Freiwillig werde er seinen Posten nicht räumen, hatte Dejan Šoškić immer wieder versichert. Doch konfrontiert mit dem Entwurf des neuen Notenbankgesetzes, mit dem ihn die Regierung des sozialistischen Neopremiers Ivica Dačić aus dem Amt hebeln wollte, warf der 45-jährige Ökonomieprofessor schließlich entnervt das Handtuch. Vor allem über die geplante Einführung eines neuen, nur dem Parlament verantwortlichen Direktors zur Aufsicht aller Finanzinstitutionen zeigte sich Šoškić erschüttert.

„Politische Erpressung“

Das neue Gesetz drohe nicht nur die Unabhängigkeit der Notenbank zu erschüttern und Serbiens Position auf den internationalen Finanzmärkten zu verschlechtern, sondern auch die EU-Annäherung des größten EU-Anwärters auf dem Westbalkan zu verlangsamen, begründete der Währungswächter vor wenigen Tagen die unerwartete Selbstkürzung seines eigentlich bis zum Jahr 2016 währenden Mandats.

Er wolle verhindern, dass „politische Erpressung“ für den Wechsel an der Spitze der Zentralbank zum einzigen Grund für die Verabschiedung eines „schlechten Gesetzes“ werde – mit „ernsthaften Folgen für die Stabilität des Staates“.

Seine Aufforderung, die Verabschiedung des Gesetzes zu vertagen und dessen Folgen noch einmal zu analysieren, findet bei der Koalition der nationalpopulistischen SNS mit der sozialistischen SPS und der wirtschaftsliberalen URS bislang kein Gehör. Schon am Montag wollen Belgrads neue Machthaber vermutlich die bisherige SNS-Vizechefin Jorgovanka Tabakovic zur Nachfolgerin von Šoškić küren – und das umstrittene Gesetz verabschieden.

Brüssel warnt Beitrittskandidaten

Nicht nur der Internationale Währungsfonds (IWF) hat Belgrad bereits mehrmals vor dem Versuch gewarnt, die Nationalbank enger an die politische Kandare zu nehmen. Auch die EU-Kommission sei „tief besorgt“ über die drohende Gefährdung der Unabhängigkeit der Nationalbank, ließ im fernen Brüssel am Freitag ein Sprecher von Erweiterungskommissar Stefan Füle verlauten: „Von Serbien als Beitrittskandidat erwarten wir, dass es seine Gesetzgebung an die der EU anpasst. Doch die Verabschiedung dieser Gesetzesänderung wäre ein erheblicher Schritt zurück.“

Eigentlich müsste Serbiens neue Regierung für die auch von heimischen Analysten geteilten Sorgen Brüssels Verständnis haben: Schließlich sitzt mit Wirtschafts- und Finanzminister Mladjan Dinkić auch ein früherer Notenbankchef mit am Kabinettstisch. Doch mit dem Kursverfall des Dinar und der „schlechten Politik“ der Zentralbank begründet Belgrad die geplante Änderung des Notenbankgesetzes.

Will Belgrad an Devisenreserven?

Ganz andere Gründe für seine seit Wochen geforderte Ablösung nannte Šoškić kurz vor seinem „freiwilligen“ Abtritt in einem Interview mit der Zeitschrift „Nin“: Die neue Regierung wolle angesichts gähnend leerer Kassen die Devisenreserven von rund acht Milliarden Euro zur Finanzierung ihrer Wirtschaftspolitik und für Subventionsgeschenke an ihre Gönner unter den heimischen Oligarchen anzapfen. Diesem Ansinnen habe er sich verweigert: „Nun wollen die Tycoons meinen Kopf.“

Zur Verärgerung über Šoškić haben Serbiens im Kriegsjahrzehnt der 1990er-Jahre groß gewordene Wirtschaftsmogule guten Grund.

Wissend um seine sich zu Ende neigende Amtszeit hatte Šoškić in den letzten Wochen in mehreren Interviews das Grundübel von Serbiens desolater Wirtschaft unverblümt beim Namen genannt: die grassierende Korruption, die die Entwicklung des Landes lähme und ausländische Investoren abschrecke.

Privatisierte Staatsunternehmen hätten viele der „über Nacht“ reich gewordenen Oligarchen nur ausgeraubt, die Immobilien verkauft, die Mitarbeiter entlassen. Das einzige Geschick der Monopolisten bestünde daran, im Ausland erworbene Güter im Inland für den dreifachen Preis zu verkaufen, schrieb er Mitte Juli in einem Meinungsbeitrag für die Zeitung „Politika“.

„Diese ,Unternehmer‘ sind nicht in der Lage, selbstständig irgendein Produkt zu produzieren, mit dem sie auf den Weltmärkten konkurrieren könnten – weder einen Föhn noch eine Waschmaschine, Fernsehgerät oder Traktor – einfach nichts.“

Auf einen Blick

In Serbien, dem größten EU-Beitrittskandidaten auf dem Westbalkan, steht die Unabhängigkeit der Notenbank auf der Kippe.
Am Samstag hat Serbiens nationalpopulistische Regierung ein Gesetz verabschiedet, das ihr eine größere Kontrolle ermöglicht. Notenbankchef Dejan Šoškić hat das Handtuch geworfen, warnt vor dem Anzapfen der Devisenreserven und kritisiert zum Abschied die gesamte Wirtschaftselite des Landes hart.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2012)

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12 Kommentare
Gast: Sachse
07.08.2012 06:24
0 0

Jeder waehrt sich von den Tycoons

Ich finde es immer merkwuerdig wie die ehemalige DS Politiker und derren Anhaenger immer die Tycoons nutzen als Argument fuer ihre STellung.
Fakt ist: Wie der Soskic die Nationalbank steuerte, er diente ausdruecklich die Interesse der Tycoons, und das alles im Absprache mit den DS-Oligarchen.
Serbien ist aus "humanitaeren Gruenden" angegriffen worden. Vielleicht zur Zeiten oekonomischen Krisen, sollte man auf die Unabhaengigkeit mancher Institutionen verzichten um irgendwas positives zu schaffen. Aber wie es aussieht, Bruessel ist offensichtlich zu weit Weg um irgendwas verstehen zu koennen.

Gast: Betrachter
06.08.2012 13:33
0 0

"Unabhängigkeit" der Notenbank

Die Frage bei Unabhängigkeit ist immer:
Von wem ist/wäre der Einzelne unabhängig und von wem ist/wäre der Einzelne (dann) abhängig?

Momentan sind so manche Notenbanken wie die amerikanische FED zB unabhängig vom Staat, aber haben private Besitzer.
Ist dies eine "Unabhängigkeit", die zum >Vorteil des Volkes< ist?

Eine Zentralbank im Besitze Weniger ist nicht (!) unabhängig allen gegenüber,
denn diese ist abhängig (!) von deren Besitzern. Diese können die Zentralbanken
nach Willkür zum Eigenvorteil steuern: Dass Besitzer ersichtlich nicht einmal der
Öffentlichkeit bekannt sind, widerspricht eigentlich jedem Verständnis eines modernen demokratischen Staates.

Ein solcher hat dem Gedanken nach die Aufgabe die Gleichheit aller (!) Bürger zu
gewährleisten und das Gesamtgefüge aller (!) Personen im Staat durch Legislative,
Judikative und Exekutive zum Gesamtwohl, aber auch zum Wohle des Einzelnen zu gewährleisten.
Beides ist mit Zentralbanken in privatem Besitz nicht gewährleistet.

Über Zentralbanken kann man die Menge des Geldes steuern und so nach Willkür Krisen schaffen. Da deren Besitzer durch Gesetze zur "Unabhängigkeit" (!?) nicht kontrolliert werden, ist diese Willkür Weniger über das Wohl aller und auch jedes Individuums des Kollektives konstante Realität. Wer die (gesetzliche) Geldschöpfung inne hat, steuert die Wirtschaft.
Private Zentralbanken dienen nur dem privaten Interesse von deren besitzenden
Personen durch die Monopolstellung über die Geldschöpfung.

0 1

unabhängig, dass ich nicht lache.

Genauso unabhängig wie die EZB?? Die sollen sagen wie sies meinen. Es geht nicht um eine unabhängige Zentralbank, es geht der EU um eine EZB-hörige (und damit der EU-Politik unterworfenen) Zentralbank.

Leider machen die nationalen Politiker auch keine wirklich vernünftigere Geldpolitik. Für die stellt die Zentralbank meist einen Bankomaten ohne Limit dar.

1 0

EZB Unabhängigkeit

Na zum Glück ist zumindest die EZB unabhängig. Jetzt kann ich beruhigt schlafen.

Freunde in Serbien, ihr macht das falsch!!!!

Man installiere PARTEIBUCH-ABHÄNGIGE, so wie in Österreich!!

Die müssen dann alle 4 Jahre neu installiert werden und pissen sich mehrheitlich zwischendurch in die Hose, ob sie wiederbestellt werden!

Also, da braucht es keinen Durchgriff, das geht anders!!

"Privatisierte Staatsunternehmen hätten viele der... Oligarchen nur ausgeraubt"

Böse Staatsunternehmen! Rauben doch glatt die Oligarchen aus.

Antworten Gast: donso
06.08.2012 14:05
0 0

Re: "Privatisierte Staatsunternehmen hätten viele der... Oligarchen nur ausgeraubt"

Der Text lautet:

"Privatisierte Staatsunternehmen hätten viele der „über Nacht“ reich gewordenen Oligarchen nur ausgeraubt, die Immobilien verkauft, die Mitarbeiter entlassen."

@greentwig: Die Staatsunternehmen wurden privatisiert, also entstaatlicht.
Damit sind diese nicht mehr Staatsunternehmen.

@diepresse: Ich muss sagen, ich verstehe die Logik des Presse-Textes oder die Logik von Šoškić nicht ganz:

Der Exnotenbanker Šoškić regt sich auf, dass Staatsunternehmen privatisiert wurden (was eigentlich ja staatlichen Besitz in private Hände verteilt und so manche über Nacht reich macht, eigentlich oft Oligarchen schafft-> siehe auch Zusammenbruch des Kommunismus in der Sowjetunion zB-> viele wurden durch Staatsbesitz in private Hände verteilen eben über Nacht reich)-

eigentlich wäre ja: "Privatisierte Staatsunternehmen hätten viele „über Nacht“ zu Oligarchen reich gemacht, da diese (dann) die (vorher staatlichen) Immobilien verkauft, die Mitarbeiter entlassen haben" logischer, oder?

Verstehe ich etwas falsch, beschreibt Šoškić dies unlogisch oder hat diepresse einen Fehler in der Satzkonstruktion (unabsichtlich) geschaffen?

Gast: modskue
06.08.2012 06:58
0 0

Ja Laiwaund!

Nehmts die Serben nur auf, das ist dann ein weiteres Land das wir aushalten dürfen. PIIGS scheint ja nicht genug zu sein! Irgend ein Schirm wird sich für die Serben dann schon finden!

Gast: HB4242
05.08.2012 19:40
3 0

Belgrad greift nach der Notenbank ...

Das haben die Amis vor über hundert Jahren verabsäumt !

Und die ganze Welt leidet noch heute darunter ....

3 1

Serbien

Besorgt und empört sind sie, die Herren von der Erweiterungskommission und andere EU-Funktionäre.
Was haben die Leute denn von einer neuen Kommunistenführung erwartet ?
Nur weil die Serben sich jetzt Sozialisten nennen, ändert sich bei ihnen nicht sehr viel. Aber statt zu jammern, sollte die Kommission bekanntgeben, dass ohne Unabhängigkeit der Notenbank der Kandidatenstatus fällt. Was anderes verstehen dier nicht !!

Antworten Gast: Bond
07.08.2012 06:44
0 0

Re: Serbien

Unabhängige Notenbank?
Da kann man nur lachen !

dass den banken das nicht schmeckt kann ich mir gut vorstellen