DiePresse.com: Mitt Romney wurde wegen seiner Auslandsreise durch den Kakao gezogen. Aber war etwa die Behauptung über die kulturell begründete Überlegenheit Israels gegenüber Palästinensern ein Fettnapf - oder steckte doch Kalkül dahinter?
Rick Ridder: Nein, da war kein Plan dahinter. Das glaube ich nicht. Romney hat einfach eine Reihe von Fehlern gemacht. Seine Leute haben Romney Fähigkeit auf dem internationalen Parkett schlicht überschätzt.
Aber wie wichtig ist die israelische oder jüdische Community für Romney und seinen Wahlkampf?
Sie ist sehr wichtig für das Spendensammeln. Ein erheblicher Teil von Romneys größten Spendern unterstützt nicht nur Romney sondern auch sehr stark Israel. Romney musste diesen finanziellen Gebern also seine Unterstützung für Israel zeigen. Aber das interessante an dem Zitat war ja: Romney hat seinen kulturellen Vergleich auch auf Mexiko und die USA umgelegt. Das ist bei den Hispanics, also mexikanischen Amerikanern, ganz schlecht angekommen. Sie haben sich gefragt: Sagt der, dass wir nicht die richtigen Werte haben, um Amerikaner zu sein, obwohl wir Amerikaner sind?
Bleiben wir bei Israel: Rechnen sie mit einem Militärschlag gegen den Iran und werden sich die USA daran beteiligen?
Ich denke, es wird weder durch Israel noch die USA Militäraktionen gegen den Iran während des Wahlkampfs und auch nicht vor April nächsten Jahres geben. Ob es danach dazu kommt, darüber will ich nicht spekulieren.
Obama wollte die USA in die internationale Gemeinschaft zurückführen. Russland und China blockieren jetzt jede Syrien-Resolution im UN-Sicherheitsrat. Ist Obamas Strategie gescheitert?
Nein, Obama und auch Außenministerin Hillary Clinton haben viel getan, um die internationale Gemeinschaft zusammenzuhalten. Auch wenn es vielleicht schwieriger war, als man das erwartet hat: Das wird sich bezahlt machen. Es wurde eine Grundlage geschaffen, die den USA in den nächsten vier Jahren mehr außenpolitische Möglichkeiten gibt.
Stichwort außenpolitische Möglichkeiten: Werden wir einen US-Militäreinsatz in Syrien sehen?
Das bezweifle ich zum jetzigen Zeitpunkt.
Kommen wir zur Euro-Krise: US-Finanzminister Timothy Geither macht regelmäßig Druck auf Europa. Aber auch die US-Wirtschaft erholt sich kaum. Ist das die richtige Zeit für US-Ratschläge?
Die USA sind gerne mit ihrem Rat zur Stelle, wenn sie danach gefragt werden. Zu häufig tun sie das aber sicher nicht. Grundsätzlich ist es doch so, dass sie dieses europäische Problem Europa lösen lassen. Die Beziehung zwischen den USA und Europa ist aber eng und es gibt n den USA eine große Angst vor dem Kollaps des Euro, insbesondere in Spanien, Italien und Griechenland.
Die US-Wirtschaft profitiert auf gewisse Weise auch von einer strauchelnden Euro-Zone. Das lenkt von der US-Schuldenkrise ab und führt dazu, dass wieder mehr Geld in Dollar angelegt wird. Sehen Sie eine politischen Plan hinter dem Agieren der US-Rating-Agenturen?
Nein, sicher nicht. Es gibt da keine große Strategie. Was aber stimmt, ist, dass die Eliten stärker auf Europa blicken. Der Durchschnittsamerikaner tut das nicht. Er kennt sich mit diesem Rating-Agenturen-Thema auch nicht aus. Für ihn zählt: Wache ich in der Früh auf und gehe in die Arbeit oder bin ich arbeitslos? Die Eurozonen-Probleme sind weit weg von ihm, auch wenn es womöglich einen Zusammenhang gibt.
Der größte politische Erfolg von Friedensnobelpreisträger und US-Präsident Obama, zumindest außenpolitisch, war die „kill mission" gegen den Terrorpaten Osama bin Laden. Als Demokrat: Sind sie von Obamas Bilanz enttäuscht?
Die Leute wünschen sich natürlich immer mehr. Aber ich denke insgesamt hat er eine ganz gute Bilanz, eben auch wegen Bin Laden, der Gesundheitsreform und seiner Bildungspolitik. Natürlich gab es auch Enttäuschungen wie Guantanamo und Afghanistan. Aber insbesondere außenpolitisch sehen die Leute Obamas Bilanz positiv.
Zum Wahlkampf: Obama liegt im Großteil der entscheidenden „swing states" deutlich in Führung. Ist das Rennen schon gelaufen?
Nein, nein - es ist sehr knapp, auf nationaler Ebene führt Obama vielleicht mit zwei, drei Prozentpunkte. Und die Lage kann schnell kippen. In den Debatten kann immer etwas passieren, natürlich auch mit der Wirtschaft oder wenn die Leute ganz einfach das Gefühl bekommen, dass Obama nicht so erfolgreich war, wie er ihnen das erzählt. Da kann noch ganz viel schief gehen.
Aber Sie rechnen doch mit einem Sieg Obamas?
Ja, weil ich auch denke, dass er in den vier, fünf „swing states" die Nase vorne haben wird.
Wie erklären sie sich den Vorsprung Obamas angesichts der Tatsache, dass sich die Wirtschaft kaum erholt. Hat der Satz „It's the economy, stupid!" seine Gültigkeit verloren?
Nein, der Satz trifft noch immer zu. Aber die Sache ist: Man kann nicht etwas mit Nichts schlagen. Romney ist wirklich in Schwierigkeiten: Er schafft es einfach nicht, rational darzustellen, warum er der richtige Mann ist, etwa um die Wirtschaftslage zu verbessern. Noch hat Romney aber Zeit dafür.
Anders als 2008 scheint das jedenfalls kein Wahlkampf der großen Visionen zu werden. Obamas Team ist bereits in der Gegenoffensive und stellt Romney als eiskalten Kapitalisten dar. Wie schmutzig wird der Wahlkampf?
Wir sehen viel Negativinformation. Aber ich würde nicht das Wort schmutzig verwenden. Es zeigt sich, dass beide Kandidaten versuchen, sich in Gegensatz zu ihrem Kontrahenten zu setzen. Zuletzt gab es aber auch wieder mehr positive Werbung. Hinter Obamas Botschaft "forward" steht auch die Botschaft, dass es nicht zurück zu George W. Bushs Zeiten gehen soll.
Obama und Romney wirken gar nicht wie Gegensätze: Beide sind eher pragmatisch. Ähneln sie sich am Ende sogar?
Nein, das sind ganz unterschiedliche Typen. Romney wird immer als Republikaner aus dem Zentrum der Partei beschrieben. Aber er ist zuletzt deutlich nach rechts gerückt. Romney ist ein Rechter.
Romney musste das wohl auch tun, um die republikanischen Vorwahlen zu gewinnen. Kann er nicht zurück zur Mitte?
Er wird es versuchen. Ich bezweifle aber, dass ihm das jetzt noch gelingen wird.
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