London hat die Spiele nun dreimal veranstaltet“, lobte Sebastian Coe, Vorsitzender des Organisationskomitees, am Abend der Eröffnungsfeier vor zwei Wochen stolz in die Kurven des neu errichteten Olympiastadions. „Jedes Mal bisher stand die Welt vor Turbulenzen und Schwierigkeiten, und jedes Mal waren die Spiele ein Triumph.“ Als London die olympische Welt 1908 willkommen hieß, war die Macht des „British Empire“ gerade im Begriff, sich langsam zu dezimieren. Vierzig Jahre später, 1948, zeigten sich die britischen Gastgeber als zerstörte Siegermacht des Zweiten Weltkriegs.
Auch 2012, da London als einzige Stadt zum dritten Mal Zentrum der Olympischen Spiele geworden ist, kämpft Großbritannien mit Problemen. Derzeit durchlebt das Land nicht nur seine schwerste Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren, rund 2,6 Millionen sind arbeitslos und zahlreiche Sektoren spüren die strikten Sparprogramme der Regierung. Eine weitere Herausforderung ist die Zukunft des britischen Nachwuchses, der generell ungesund lebt und oft orientierungslos erscheint. So betonte Coe, die Priorität dieser Spiele sei das Erreichen der jungen Menschen.
Der offizielle Slogan, „Eine Generation inspirieren“, ist an den Wettkampfstätten der Spiele überall zu lesen gewesen. Er hat ein klares Ziel: Viele junge Briten haben mit Sport oder Bewegung zu wenig zu tun. Eine Untersuchung ergab erst im Juni, dass sich zwei Drittel zu wenig bewegen, ein Drittel der Kinder ist übergewichtig. Gleichzeitig sucht die Regierung nach Wegen, den hohen Alkoholkonsum junger Menschen zu drosseln. Politiker fürchten um eine „verlorene Generation“, die mit rund einer Million Jugendlichen ohne Arbeit auch ökonomisch so schlecht dasteht wie in den vergangenen 17 Jahren nicht.
Medaillengewinner als Idole. Vorbild für diese jungen Menschen sollen nun die heimischen Medaillengewinner werden. Dafür wurde in den vergangenen Jahren kräftig in die sportliche Elite investiert. Rund 450 Mio. Pfund, mehr als jemals zuvor, steckten die Briten in die Optimierung ihrer Trainingsbedingungen, die sportliche Ausbildung und entsprechende Forschungsoffensiven. „Eine Generation braucht Idole“, erklärt Sebastian Coe, der selbst für Großbritannien 1980 in Moskau olympisches Gold über 1500 Meter gewann.
Hinter dem Programm der Spiele verbirgt sich die Philosophie des „trickle down“, auf Deutsch Durchsickern, die auch die aktuelle britische Regierung charakterisiert. Werden die Eliten einer Gesellschaft begünstigt, so die Grundthese, profitieren schließlich alle. Der Schatzkanzler George Osborne hat diese Idee umgesetzt, indem er den Spitzensatz der Einkommensteuer von 50 Prozent mit kommendem Jahr abgeschafft hat. Premierminister David Cameron verkörpert sie generell, indem er den Sozialstaat zurückbaut. Wie Cameron und Osborne ist auch Sebastian Coe Mitglied der Konservativen Partei und saß zwischen 1992 und 1997 auch für die Torys im britischen Parlament.
Dabei könnte die Strategie, die in der britischen Wirtschaftspolitik bisher kaum Wirkung zeigt, im Sport funktionieren. Gemessen an der Anzahl gewonnener Medaillen haben die Briten bei den Olympischen Spielen ihre beste Leistung seit 1908 erzielt. Die Ruderer holten neun Medaillen, davon viermal Gold. Die Radfahrer gewannen achtmal Gold und zwölf Medaillen insgesamt. In Leichtathletik und Pferdesport haben die Briten je fünf Medaillen geholt, zudem gab es vereinzelt Edelmetall in weiteren Disziplinen.
Für Profis und Amateure. Viele der neu erbauten Sportanlagen sollen nach Olympia sowohl der Elite als auch Hobbysportlern zur Verfügung stehen. Mit dem Londoner Aquatics Centre etwa, das erst das zweite 50-Meter-Becken in der britischen Hauptstadt ist, sollen in London endlich Bedingungen für breit aufgestellten Schwimmsport geschafft werden. Ähnlich sieht es mit dem Radsport und dem Velodrom im olympischen Park aus. Durch weitere Infrastruktur, die für die Vorbereitungen der heimischen Athleten in ganz Großbritannien geschaffen wurde, sollen alle Briten zum Sport ermuntert werden. Für die Jugend werden zudem landesweit mehrere neue Sportprogramme angeboten.
Spontaner Sportboom. Erste Anzeichen für das von Sebastian Coe erhoffte „trickle down“ gibt es schon. Stephen Castle, ein Londoner Bezirksabgeordneter und Vorsitzender einer Vertretung der lokalen Regierungen, die eine faire Hinterlassenschaft der Olympischen Spiele sicherstellen will, beobachtet eine zunehmende Nachfrage nach Sportartikeln und Sport generell: „Im ganzen Land wurden mit dem Beginn der Spiele Sportstätten und Sportgeschäfte von begeisterten Menschen überrannt. Es gibt lange Schlangen vor Schwimmbädern, Freizeitzentren, Fitnesscentern und sogar Beachvolleyballanlagen.“ Die Frage sei natürlich, wie Castle einräumt, ob diese Begeisterung auch anhalte.
Nur dann könnten auch Großbritanniens Politiker die Olympischen Spiele wirksam für sich reklamieren. Bisher ist dies bloß dem konservativen Londoner Bürgermeister Boris Johnson gelungen. Nach dem zweifachen Goldmedaillensieg der Bahnradfahrerin Laura Trott fuhr er mit dieser etwa auf dem Tandem durch die Stadt und sorgte für gute Stimmung.
Der zuletzt nur mäßig beliebte David Cameron konnte aus dem Groß-Event bisher kaum Kapital schlagen. Wenn aber auch die dritten Olympischen Spiele zum versprochenen Triumph für London werden, könnte der Premierminister einen kleinen Sieg reklamieren, nämlich den seiner „Trickledown Philosophy“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)
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