Schottlands „Erster Minister“ Alex Salmond könnte derzeitig mächtig stolz sein: Schließlich haben schottische Athleten bei den Olympischen Spielen fast ein Viertel der britischen Goldmedaillen ergattert, obwohl nur ein Zehntel der Sportler aus dem nördlichen Landesteil mit der eingeschränkten Selbstverwaltung stammt.
Doch die Freude des Nationalisten ist getrübt. Denn der unerwartete Medaillenregen, die derzeitige Euphorie über das „Team GB“ und der allgegenwärtige Union Jack auch in Schottland dämpfen Salmonds Unabhängigkeitsfantasien. So trug Chris Hoy, gebürtiger Edinburgher und erfolgreichster britischer Olympionike aller Zeiten, bei der Londoner Eröffnungsfeier voller Stolz die britische Flagge. Und Tennisspieler Andy Murray aus Dunblane hüllte sich nach seinem Sieg in den Union Jack und sang inbrünstig die Nationalhymne mit.
Salmond weigert sich dagegen, auch nur den offiziellen Titel der britischen Olympia-Mannschaft, „Team GB“, in den Mund zu nehmen. Stattdessen schöpfte er den Begriff „Scolympian“ – worauf britische Medien hämisch fragten, ob es sich dabei um eine besonders scheußliche Hauterkrankung oder um Außerirdische handele. 2014 will Salmond die Schotten über die Abspaltung von Großbritannien abstimmen lassen, 2016 dann mit einem eigenen Olympia-Team bei den Spielen in Rio de Janeiro antreten.
Britischer denn je. Doch Radfahrer Hoy hält nichts von der Idee: „Ich bin sehr stolz darauf, Teil des britischen Teams zu sein.“ Der Schotte lebt schon lange südlich der Grenze, in Manchester. In Schottland habe er nicht die richtigen Trainingsmöglichkeiten. Der schottische Springreiter und Medaillengewinner Scott Brash wiederum erklärte, er fühle sich durch die Londoner Spiele britischer denn je.
Auch Londons Oberbürgermeister Boris Johnson, der anders als Salmond erfolgreich politischen Profit aus den Spielen schlagen konnte und wieder als ernsthafter Konkurrent von Premier Cameron gehandelt wird, schaltete sich ein: „Einer der vielen tollen Aspekte dieser wunderbaren Spiele ist, dass sie Alex Salmonds Pläne für ein Ende der Union ausgebremst haben.“
Laut jüngsten Umfragen will nur ein Drittel der Schotten die völlige Unabhängigkeit, die meisten wären mit mehr Autonomie zufrieden. 2014, noch vor dem Referendum, bekommt Nationalist Salmond noch ausführlich Gelegenheit, den schottischen Nationalpatriotismus anzufachen: Dann werden in Glasgow die Commonwealth Spiele ausgetragen. Und bei denen tritt Schottland dann auch gegen Teams aus England und Wales an.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)
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