Er stand am Hafenbecken von Norfolk im Bundesstaat Virginia, in seinem Rücken dümpelte die „U.S.S. Wisconsin“, vor ihm warteten wohl weit mehr als 1000 Menschen – und der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney verkündete an diesem Samstagmorgen die Personalie des Monats mit einem peinlichen Patzer: Paul Ryan, der einflussreiche Haushaltspolitiker im Repräsentantenhaus und „eine der intellektuellen Führungspersönlichkeiten“ der Partei, sei der „nächste Präsident“ der USA, sagte Romney – um sich gleich darauf lachend zu korrigieren. Nein, nicht doch, Ryan sei natürlich sein „Running Mate“, also der Vizepräsidentschaftskandidat für die Wahl im November.
Der frisch gekürte „Vee-Pee“-Anwärter aus Wisconsin, der das zum Museum umgebaute Schlachtschiff im Hintergrund wie einen eigens arrangierten Willkommensgruß der martialischen Art erscheinen ließ, tauchte umgehend neben Romney auf. Er sei entschlossen, bei der Reform Amerikas zu helfen, versprach der 42-jährige, gelernte Marketingexperte den jubelnden Anhängern.
Ryan gehörte seit Wochen zu den Favoriten für diese Position, wobei bis zuletzt auch andere Namen genannt worden waren, etwa der von Senator Marco Rubio oder Ex-Gouverneur Tim Pawlenty. Bereits gegen Mitternacht war die dem Vernehmen nach am 1.August getroffene Entscheidung von mehreren Medien verbreitet worden. Jene „Mitt‘s VP“-App, die das Team Romney zum Download anempfohlen hatte mit dem Versprechen, damit würden sie noch vor – also eigentlich zeitgleich mit – den Journalisten den Namen des Running Mate erfahren, zog erst morgens gegen acht Uhr nach.
Ryans Autorität als Finanz- und Wirtschaftsexperte ist im Kongress unbestritten. Doch gerade diese Fachkompetenz galt auch als sein größtes Handicap. Den nach seinem Autor benannten „Ryan-Plan“ mit teilweise radikalen Vorschlägen der Republikaner für Etatkürzungen, Strukturreformen und Schuldenabbau hat Barack Obama als „Sozialdarwinismus“ gegeißelt. Ryans Ideen seien „unsozial“, meinte der Präsident. Bei Gegnern wie Anhängern gilt der nunmehrige Vee-Pee-Kandidat als Marktradikaler, was für die einen ein Schimpfwort, für die anderen eine Auszeichnung ist.
Zu Ryans polarisierenden Vorschlägen gehört die Deckelung und Umstellung von Medicare, der Gesundheitsversorgung für Pensionisten, in ein Voucher-System. Eine demokraten-nahe Organisation produzierte vergangenes Jahr dazu einen spektakulären Fernsehspot: Ein Mann, nur von hinten zu sehen, aber Ryan erkennbar ähnlich, fährt eine Großmutter im Rollstuhl in die freie Natur. Die alte Dame freut sich – bis sie realisiert, dass der nette junge Mann sie zur steilen Felsklippe schiebt und dort gnadenlos in die Tiefe stürzt.
Viel Angriffsfläche. Der Katholik Ryan, verheiratet und Vater dreier Kinder, bietet den Demokraten, die sich im Wahlkampf als Verteidiger der sozialen Sicherungssysteme zu profilieren versuchen, viel Angriffsfläche.
Romney lobte den Ryan-Plan als „wunderbar“. Das sei eine Vokabel, die man nicht oft höre, und erst recht nicht, „wenn es darum geht, einen Etat zu beschreiben“, mokierte sich Obama im April. Sein Team wird in den knapp drei Monaten, die bis zur Wahl im November noch bleiben, Romney wegen seiner Nähe zum Ryan-Plan immer wieder als jemanden zeichnen, der „abgehoben von den Nöten der einfachen Menschen“ sei.
Romney in Umfragen hinten. Der Präsidentschaftskandidat, der kurz nach einer pannenbehafteten Auslandsreise nach Großbritannien, Israel und Polen in Umfragen hinter Amtsinhaber Obama weiterhin zurückliegt, konnte der polarisierenden Wirkung des Ryan-Plans nicht mehr entkommen. Wohl deshalb entschloss er sich, mit dem Plan auch gleichzeitig dessen Autor zu umarmen. Weil Ryan, ein erklärter Anhänger der Ökonomen Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises, nun das Ticket fürs Weiße Haus in Händen hält, kann er selbst künftig seine Vorschläge verteidigen und erklären.
Der Präsidentschaftskandidat und sein Running Mate ähneln einander. Beide stammen aus wohlhabenden Familien, beide sind smart, auf Effizienz konzentriert und überzeugte Anwälte einer von staatlichen Einflüssen weitgehend befreiten Wirtschaft. Der dynamische Ryan, der als 16-Jähriger seinen Vater durch eine Herzattacke verlor und dadurch nach seinen eigenen Worten „schnell reifte“, verkörpert jenen Typ Nachwuchsmanager, den Romney in seiner Zeit als Chef der Private-Equity-Firma Bain Capital gern einstellte.
Der Berufspolitiker Ryan, der bereits mit 28 Jahren zum ersten Mal ins Repräsentantenhaus gewählt wurde und kaum berufliche Erfahrung jenseits der „Washingtoner Blase“ aufweisen kann, verkörpert kein besonderes Angebot an ethnische Minderheiten oder Frauen. Trotzdem jubelte die Parteibasis über Romneys Entscheidung, und eine hohe Wahlbeteiligung des eigenen Lagers ist für den eher unter einem Mangel an Charisma leidenden Kandidaten derzeit zielführender als die Suche nach zusätzlichen Wählergruppen.
Angebot an Unabhängige. Auch zahlreiche unabhängige Wähler könnten sich angesprochen fühlen. Denn obwohl Ryans Ideen durchaus umstritten sind, wissen doch viele Amerikaner insgeheim, dass radikale Reformen und mutige Schnitte unumgänglich sind, um die katastrophale Verschuldung von fast 16 Billionen Dollar in Angriff zu nehmen.
Eines ist klar: Mitt Romney hat mit der Entscheidung für Ryan die Flucht nach vorne angetreten.
Paul Ryan (42) leitete den einflussreichen Haushaltsausschuss im Repräsentantenhaus. Er gilt als hochintelligent und hat den Ruf eines Arbeitstieres. Bereits mit 28 Jahren wurde er erstmals ins Repräsentantenhaus gewählt, er ist also ein Berufspolitiker und hat im Gegensatz zu Mitt Romney kaum Erfahrung in der Privatwirtschaft. Ryan ist verheiratet und hat drei Kinder.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)
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