Am drastischsten hat es John Nance Garner ausgedrückt: „Nicht einen Napf voll warmer Spucke“ sei es wert, das Amt des Vizepräsidenten der USA. Da er selbst zwei Amtsperioden unter der erdrückenden Präsenz von Franklin D. Roosevelt als Vize diente, kann man ihm keine Unkenntnis der Materie vorwerfen. Was ist über diesen Job nicht schon alles gesagt worden: Es sei „das unwichtigste Amt, das der Mensch je erfunden hat“, meinte John Adams, dem immerhin das Privileg zukam, es als Erster auszufüllen. Dass es ein Amt mit Aufstiegschancen ist, zeigte Adams gleichwohl: Er wurde 1797 selbst zum Präsidenten gewählt.
Trotz der langen Liste an Spötteleien wird heutzutage um die Ernennung des Vizepräsidenten (VP) viel Aufhebens gemacht. Und das zu Recht. Er hat qua Verfassung zwar kaum Macht, aber diese kann ihm aus heiterem Himmel zufallen: Wenn der Präsident stirbt oder amtsunfähig ist. Daher auch das Bonmot, der Vize sei nur einen Herzschlag vom Präsidenten entfernt. Harry S. Truman, Roosevelts letzter VP, musste nach dem Tod des Präsidenten am 12. April 1945 übernehmen, in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Keine vier Monte später befahl er den Atombombenabwurf über Japan.
Die wichtigste Frage an einen Vizepräsidentschaftskandidaten müsste also lauten: Hat er das Zeug zum Präsidenten? Die Beantwortung dieser Frage machte Sarah Palin 2008 zum Mühlstein um den Hals von John McCain. Mehr Geschick bewies Barack Obama mit der Ernennung von Joe Biden. Der hatte reichlich, was bei Obama noch eine Leerstelle war: Erfahrung.
Biden übt das Amt diskret aus, gilt aber als wichtigster außenpolitischer Berater des Präsidenten. Die US-Außenpolitik hat auch sein republikanischer Vorgänger Dick Cheney maßgeblich beeinflusst, wenn auch Zurückhaltung nicht seine herausragendste Stärke war. Wie bei vielen Ämtern gilt auch hier: Entscheidend ist, was man daraus macht – und was einen der direkte Vorgesetzte daraus machen lässt.
Mankos ausgleichen. Die Präsidentschaftskandidaten wählen ihren Running Mate – dass die Partei auf die Ernennung keinen Einfluss hat, wäre bei uns unvorstellbar – meist nach strategischen Gesichtspunkten aus: Er/sie soll Mankos des Kandidaten ausgleichen und möglichst aus einer Bevölkerungsgruppe kommen, die ein zusätzliches Wählersegment erschließt – wenngleich es mehr als ungesichert ist, dass der zweite Punkt im Zweifelsfall einen Ausschlag gibt. Viele Wählerinnen sahen in Palin gerade kein „Angebot“ für Frauen und bevorzugten das Männerduo Obama/Biden. Romney hat denn auch darauf verzichtet, den kubanisch-stämmigen Senator Marco Rubio, einen Jungstar der Republikaner, als Signal an die Latinos zu erwählen.
Der Vizepräsident der USA hat qua Verfassung vor allem zwei Aufgaben: Er übernimmt bei Tod oder Amtsunfähigkeit des Präsidenten sofort dessen Amt (daher dürfen die beiden auch nicht im selben Flugzeug reisen). Und er ist formell Präsident des Senats, der kleineren Kammer des US-Kongresses. Bei einem Patt gibt seine Stimme den Ausschlag. Der Vizepräsident ist also ein Zwitterwesen zwischen Exekutive und Legislative.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)
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