Washington. Die Wahlkampfmanager von Mitt Romney können vorerst aufatmen: In zwei Umfragen, die nach der Vorstellung von Paul Ryan zu Romneys Running Mate abgeschlossen wurden, hat der republikanische Präsidentschaftskandidat Boden gutgemacht. Gallup sieht ihn gleichauf mit Präsident Barack Obama bei 46 Prozent. Das Institut Rasmussen bescheinigt dem Herausforderer gar einen Vorsprung von zwei Prozentpunkten (46 zu 44). Im Durchschnitt aller im August durchgeführten Umfragen führt der Titelverteidiger allerdings weiter mit 47,7 zu 43,6 Prozent.
Angesichts des personellen Schachzugs von Romney stimmt Obama seine Anhänger auf einen harten Kampf ein. Hatte der Präsident vor Tagen noch optimistisch geäußert, er gehe von seiner knappen Wiederwahl aus, wählte er am Sonntag vor Wahlkampfspendern, die er in sein Haus nach Chicago eingeladen hatte, eine verhaltene Tonlage. „Ich möchte euch nur darauf hinweisen, dass dies nicht ein Rennen wird wie von Usain Bolt, in dem wir 40 Meter vorne liegen und die letzten drei Meter joggen können“, sagte Obama am letzten Tag der Olympischen Spiele unter Verweis auf den jamaikanischen Gold-Sprinter: „Wir müssen bis durchs Zielband rennen.“
Als „America's Comeback-Team“ präsentierten sich der 65-jährige Ex-Gouverneur Romney und der 42-jährige Abgeordnete Ryan bei gemeinsamen Auftritten in North Carolina und in Wisconsin vor enthusiastischen Fans.
„Ein rechter Ideologe“
Der an der konservativen Basis ausgesprochen populäre Haushaltspolitiker Ryan soll, so das Kalkül der Wahlkampfstrategen, Enthusiasmus in der eigenen Wählerklientel auslösen. Dem professionell, aber begrenzt charismatisch agierenden Romney war dies bisher nicht ausreichend gelungen. Romney hatte den auch von der Anti-Steuer-Bewegung Tea Party gefeierten Ryan als „intellektuelle Führungspersönlichkeit“ der Partei eingeführt. Obama hingegen bezeichnete Ryan als „ideologischen Führer“ der Republikaner. Sein wichtiger Wahlkampfberater David Axelrod sagte: „Ryan ist ein rechter Ideologe, und das spiegelt sich wider in den Positionen, die er vertritt.“
Damit spielt Axelrod auf den in verschiedenen Versionen vorgelegten „Ryan-Plan“ des Abgeordneten aus Wisconsin mit Forderungen zur Reform der sozialen Sicherungssysteme an (siehe untenstehender Artikel). Zu Ryans Idee, Medicare, die staatliche Gesundheitsversorgung für Senioren, auf ein privates Voucher-System umzustellen, bereitet das Team Obama bereits einen aggressiven TV-Spot vor. Zugleich hüten sich die Demokraten bisher, die persönliche Integrität Ryans in Frage zu stellen. Der Präsident selbst sagte am Sonntag, der katholische Abgeordnete, der mit seiner Frau drei Kinder hat, sei „ein anständiger Mann, ein Familienmensch“. Aber Ryan sei auch Vorkämpfer einer „Top-Down“-Wirtschaft, die sich von oben nach unten orientiere.
Polarisierende Sparpläne
Romney hatte den Ryan-Plan im Frühjahr als „wunderbar“ gelobt. Inzwischen lässt er aber wissen, dass das Papier nur einen „Schritt in die richtige Richtung“ darstelle, und er als Präsident sein eigenes Reform- und Budget-Konzept vorlegen werde. Zum besonders polarisierenden Vorschlag der Medicare-Privatisierung wählte Romney am Wochenende die defensive Formulierung, es gehe Ryan darum, „sicherzustellen, dass wir Medicare retten können“.
Doch wegen der Aufmerksamkeit, die Ryans in vielen Punkten sehr detaillierter Entwurf ab sofort ernten wird, wächst der Druck auf den einstigen Gouverneur von Massachusetts, bereits vor der Wahl am 6. November seine Positionen zur Zukunft der sozialen Sicherungssysteme, zu Steuersätzen und Haushaltskürzungen zu erläutern. Ansonsten könnte das Rennen zu einem „Ryan-Plan-Wahlkampf“ werden, in dem der Kandidat für die Vizepräsidentschaft wichtiger wird als der eigentliche Herausforderer Obamas.
Obama hofft auf Palin-Effekt
Die Experten in beiden Wahlkampfteams werden in den kommenden Wochen mit Spannung beobachten, ob sich die Umfragewerte Romneys weiter verbessern. Fürs erste gibt es für das Team Obama einen tröstenden Vergleich, den ausgerechnet John McCain zog: Romneys Entscheidung für Ryan erinnere ihn an seine Entscheidung für Sarah Palin, sagte der republikanische Kandidat von 2008 am Sonntag. Tatsächlich zogen McCains Umfragewerte massiv an, als er am 29. August 2008 die Gouverneurin von Alaska als running mate vorstellte. Viele Kommentare sagten den Wahlsieg des Senators aus Arizona voraus. Der Rest ist Geschichte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2012)
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