Bangkok/Naypidaw. Die schweren Ausschreitungen gegen die muslimische Ethnie der Rohingya im Westen Burmas vor Wochen sind schnell aus dem Blick der Weltöffentlichkeit verschwunden. Nun ist es erstmals ausländischen Journalisten gelungen, sich ein Bild vom Ausmaß der Gewalt zu machen, und dieses ist erschütternd.
Vor den Ausschreitungen lebten im Stadtteil Narzi von Sittwe, der Hauptstadt des Bundesstaates Rakhine, 10.000 Rohingya. Die Reporter des britischen Senders Channel 4 fanden ihn komplett dem Erdboden gleichgemacht vor. Ein Mann habe erzählt, die Bewohner des Stadtteils hätten ihre Häuser selbst in Brand gesteckt, um die ganze Gemeinde zu zerstören – eine kaum glaubwürdige Schilderung. Die geflohenen Bewohner leben jetzt in Flüchtlingslagern außerhalb von Sittwe.
Die Regierung gibt an, es habe bei den Ausschreitungen 78 Todesopfer gegeben. Menschenrechtsgruppen gehen von weitaus mehr Opfern aus. Dafür sprechen auch die Beobachtungen, die das TV-Team nun gemacht hat.
In Sittwe sollen Ende Mai drei Muslime eine buddhistische Frau vergewaltigt und ermordet haben. Wenige Tage später überfiel ein buddhistischer Mob einen Bus und tötete wahllos zehn Muslime. Bei den folgenden Ausschreitungen wurden laut UN-Schätzungen 80.000 Menschen vertrieben.
Präsident für Deportation
Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte Navi Pillay hat unabhängige Untersuchungen der Vorfälle gefordert. Glaubwürdige Berichte deuteten darauf hin, dass Soldaten, die Burmas Regierung in das Unruhegebiet entsandt hat, selbst gegen Rohingya vorgegangen seien, sagte Pillay.
Das wäre kaum eine Überraschung. Seit Jahrzehnten werden die Rohingya massiv verfolgt, die vermutlich schon seit hunderten Jahren in der Region leben, aber nicht als Staatsbürger gelten. Mehrfach hat es in den vergangenen Jahrzehnten Pogrome gegen die Rohingya gegeben, an denen sich häufig die Armee beteiligt hat.
Burmas Präsident Thein Sein hat seine Sicht der Dinge kürzlich unmissverständlich klargemacht: Einzige „Lösung“ sei die Deportation der Rohingya in Drittländer.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2012)
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