Kairo/Wien. Der letzte Freitag im islamischen Fastenmonat Ramadan steht im Iran alljährlich im Zeichen einer ganz speziellen Inszenierung: Wenn das Regime zum al-Quds-Tag, also dem Jerusalem-Tag, ruft, dann ist Demonstrieren plötzlich ausdrücklich erwünscht. Dass die politische und religiöse Führung an diesem Tag verbal auf Israel losgeht, gehört zur iranischen Polit-Folklore.
Heuer fielen die Tiraden aber auffällig massiv aus, und sie hatten denselben Tenor: Der Staat Israel werde verschwinden. „Das zionistische Regime ist wegen der Geschlossenheit der islamischen Welt der Zerstörung und Verdammnis geweiht“, polterte etwa der für seine drastische Ausdrucksweise bekannte Ayatollah Ahmad Khatami beim Freitagsgebet vor hunderttausenden Gläubigen. Kurz zuvor hatte Präsident Mahmoud Ahmadinejad seine altbekannte Rhetorik gegenüber Israel wieder aufgewärmt, und wandte sich direkt an den Westen: „Ihr wollt einen neuen nahen Osten? Wir auch, aber in diesem neuen Nahen Osten... wird es keine Spuren von amerikanischer Präsenz und von Zionisten geben.“ Eingeleitet hatte die massiven Attacken bereits am Vorabend der höchste religiöse Führer, Ali Khamenei, letztentscheidende Instanz in Irans Theokratie: Israel sei ein „zum Verschwinden verurteiltes künstliches Gebilde“.
Aggressive Rhetorik und Atomprogramm
Es ist Rhetorik wie diese, die in Verbindung mit dem iranischen Atomprogramm in Israel und im Westen große Ängste aufkommen lässt. Doch auch ohne Nuklearwaffen hatte Teheran bisher schon einen Hebel gegenüber Israel: die proiranische libanesische Schiitenmiliz Hisbollah. Sie würde bei einem Angriff Israels auf Irans Atomanlagen eine wichtige Rolle für Gegenschläge spielen. Für ein „Funktionieren“ der Hisbollah im Sinne Irans ist aber als Bindeglied das syrische Regime wesentlich. Dies erklärt zu einem wesentlichen Teil die Vehemenz, mit der Teheran, das die Aufstände in Tunesien und Ägypten noch als „islamische Revolutionen“ vereinnahmte, Syriens Machthaber Assad so nachhaltig die Stange hält.
„Wir werden Damaskus niemals fallen lassen“, ließ Khamenei Machthaber Assad erst kürzlich wieder ausrichten. So unverändert starr sich Irans Rhetorik nach außen gibt, intern scheinen langsam Zweifel an der Überlebensfähigkeit des Assad-Regimes zu wachsen: „Es gibt rationale Ansichten und es gibt radikale, aber das ist typisch für den Iran“, meinte ein westlicher Diplomat.
Es wird jedenfalls langsam ungemütlich für Iraner und ihre Handlanger in Syrien: Geiselnahmen iranischer Pilger häufen sich, am Mittwoch gab es in Damaskus Schießereien nahe der iranischen Botschaft. In Homs wurde der Korrespondent des iranischen Senders al-Alam gekidnappt. Und per Internetvideo führten syrische Rebellen jetzt einen Libanesen vor, der angab, ein Hisbollah-Scharfschütze zu sein.
Auch die wachsenden Risse in der Führung des Assad-Regimes haben Teheran offenbar alarmiert. So reiste Ahmadinejad Anfang der Woche überraschend nach Saudiarabien, ließ sich in Mekka neben dem greisen König Abdullah ablichten, während sein Außenminister Ali Akbar Salehi verkündete, die Beziehungen der beiden Erzrivalen am Golf seien auf dem Weg der Besserung.
Stellvertreterkrieg in Syrien
Im Syrien-Konflikt aber bleiben Riad und Teheran erbitterte Gegenspieler. Die Ölmonarchie unterstützt mit dem kleinen, superreichen Katar die Rebellen offen mit Waffen und Geld. Der Iran liefert dem bedrängten Bashar al-Assad Gewehre und Abhörtechnik, seine Revolutionsgarden sind vor Ort als Militär- und Unterdrückungsberater tätig.
„Wir mischen uns in keiner Weise in die inneren Angelegenheiten Syriens ein“, ließ der Iran dementieren. Näher an der Wirklichkeit liegen dürfte ein Interview mit Ismail Ghaani, Vizekommandeur der „Al-Quds Brigaden“, einer Spezialeinheit für Auslandseinsätze: „Durch die physische Präsenz der Islamischen Republik in Syrien konnten große Massaker verhindert werden“, sagte er Ende Mai der halbstaatlichen Nachrichtenagentur Isna. Stunden später war der brisante Text von der Website verschwunden.
Die engen Beziehungen zwischen Syrien und dem Iran reichen mehr als drei Jahrzehnte zurück. Im Iran-Irak-Krieg 1980 bis 1988 blieb Syrien als einziges arabisches Land an der Seite Teherans. Seither versteht man sich als „Achse des Widerstands“ gegen Israel und den Einfluss der USA in der Region.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)
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