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Mogadischu: "Tod und Verwüstung, Tag und Nacht"

18.08.2012 | 17:58 |  von Anna Mayumi Kerber (Die Presse)

Somalias Übergangsregierung gewann erst 2011 die Kontrolle über ihre Hauptstadt von Islamisten zurück, am Montag soll im verwüsteten Mogadischu ein Präsident gewählt werden. Lokalaugenschein in Mogadischu.

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Langsam rollen die Militärfahrzeuge der Afrikanischen Union durch die staubigen Straßen von Mogadischu. Kinder spielen in zerbombten Gebäuden und winken den fremden Soldaten zu.

Ladenbesitzer haben die Waren, die sie verkaufen, farbenfroh auf die Hausfassaden gemalt, denn lesen können hier nur wenige. Frauen tragen in kleinen Gruppen ihre Einkäufe nach Hause, vorbei an bunt gestrichenen Häusern, die zwischen den bröckelnden Ruinen der Stadt leuchten. Sie werden von Pick-ups überholt, beladen mit Truppen der somalischen Regierungsarmee, Maschinengewehren und Feldgeschützen. In einem Straßencafé an der Ecke sitzen währenddessen Männer und schlürfen Tee. Somalias Hauptstadt hat etwas Unwirkliches.

„Vor einem Jahr hat man sich hier keine Witze erzählt“, sagt Bürgermeister Mohamoud Ahmed Nur. „Es gab Tod und Verwüstung, jeden Tag und jede Nacht. Die Menschen lebten in Angst.“ Bis Anfang August 2011 kontrollierten nämlich die radikalislamistischen Terrorbanden der „al-Shabaab“ weite Teile von Mogadischu, der einst „Perle Ostafrikas“ genannten Stadt mit ihren vielen weißen Häusern, in der heute vielleicht zweieinhalb Millionen Menschen leben, vielleicht aber auch nur 600.000, wie andere Quellen angeben; so genau weiß man das nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs nicht.

„Die Bewohner dachten, dass die Stadt niemals aus den Händen der Shabaab befreit würde. Also gaben sie ihre Hoffnung auf und sich dem Schicksal hin, in Dunkelheit und Angst zu leben.“ Das war, wie gesagt, noch bis vor etwa einem Jahr. Heute hingegen hätte das Geräusch von Hämmern und Schaufeln das Krachen der Granatwerfer ersetzt, erzählt der charismatische Mittfünfziger der „Presse am Sonntag“ in seinem Büro, das von Soldaten mit Sturmgewehren und schweren Patronengürteln um den Oberkörper bewacht wird.

Die Regierung ohne viel Land. Mehr als 20 Jahre lang tobte in Somalia ein offener Bürgerkrieg. Dem Sturz von Diktator Siad Barre anno 1991 folgten blutige Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Clans und Warlords, die Abspaltung der Regionen Somaliland und Puntland im Norden des Landes, dann eine Invasion äthiopischer Truppen 2006 und das religiös befeuerte Wüten der al-Shabaab-Gotteskrieger. Die derzeitige Übergangsregierung (Transitional Federal Government, TFG) wurde, unterstützt von der internationalen Gemeinschaft, im Jahr 2000 im Exil gegründet. Doch die Liste ihrer Erfolge ist kurz, die Reichweite ihrer Autorität bescheiden. Erst vor einem Jahr gelang es ihr, mithilfe der Truppen der Mission der Afrikanischen Union in Somalia (Amisom) die Kontrolle über die eigene Hauptstadt zu gewinnen. Doch die Islamisten beherrschen immer noch bedeutende Gebiete auf dem Land, viele andere Regionen gehören lokalen Potentaten, und bis zum Wiederaufbau von der Stadt Mogadischu ist es noch weit.

Der zwölfjährige Yussuf Abdu Rahman wird von zwei seiner Brüder auf einer Bahre aus dem Zivilkrankenhaus der Amisom-Basis getragen. Sein linker Fuß ist eingegipst, der Rest des Körpers mit einem Tuch verhüllt. Die Brüder legen die Trage im Schatten der Außenmauer des Krankenhauses in den Sand, ziehen das Tuch zurück und geben so den Blick auf Yussuf frei – und auf seinen dicken Kopfverband, blutdurchtränkt ist er an der Hinterseite. Auf den Burschen war eine Mauer des baufälligen Gebäudes gestürzt, das sein Zuhause ist.

Flüchtlingscamp beim Parlament. Die jahrzehntelangen Gefechte haben das Stadtbild geprägt. Hauswände sind durchsetzt mit Einschusslöchern, ganze Mauerflächen sind weggesprengt von Granaten und Bomben. Türen und Fenster sind oftmals nur gähnende Münder mit spitzen Zähnen in bröckelnden Fassaden. Zwischen die Ruinen haben sich Vertriebenenlager gedrängt, sie bestehen aus Zelten, die notdürftig aus Ästen, Müll und Plastikplanen gebaut wurden. Strom und Wasser gibt es nicht.

Eines dieser Camps liegt am Fuße des somalischen Parlaments, das seit Anfang der 1990er außer Betrieb und inzwischen völlig zertrümmert ist. Vor einigen Monaten hat man mit der Renovierung begonnen. Sie geht nur schleppend voran, aber ein Tagungsraum sei schon fertig, heißt es. Kommende Woche soll darin ein neu gewähltes Parlament tagen und einen Staatspräsidenten wählen. Laut Protokoll müsste das freilich noch spätestens am 20. August, also diesen Montag, geschehen: Dann endet nämlich das Mandat der Übergangsregierung.

Mit der Verabschiedung einer provisorischen Verfassung ist Anfang August wenigstens ein großer Schritt nach vorne gelungen. Militärkommandanten und internationale Beobachter stimmen Bürgermeister Nur zu, wenn er sagt, dass das vor allem ein psychologischer Sieg war: „Die Bevölkerung hat sich gegen die Ideologie der al-Shabaab entschieden.“ Jetzt gelte es, das Trauma des Krieges zu überwinden und das Vertrauen in staatliche Institutionen wiederherzustellen.

Kalaschnikow, günstig abzugeben. Das ist keine leichte Aufgabe. Mehr als eine Million Somalier sind aus dem Land geflohen, mindestens eineinhalb Mal so viele leben als Vertriebene in erbärmlichen Zeltlagern, die von den meisten internationalen Hilfsorganisationen aufgrund der prekären Sicherheitslage verlassen wurden. Ein Kalaschnikow-Gewehr kostet 70 US-Dollar, 125 Patronen dazu noch einmal 30 Dollar. Die Kontrolle über die Hauptstadt mag al-Shabaab verloren haben, aber anderswo übt sie weiterhin ihre repressive Schreckensherrschaft aus. Fast täglich gibt es Anschläge auf Militärkonvois – und auf Zivilisten.

Saldao Said Gebros linkes Bein ist von der Hüfte bis zu den Zehen eingegipst, bis auf einen Spalt am Schienbein. Dieser zeigt eine Wunde, etwa zwei Finger breit, bis tief ins Fleisch und durch den Knochen geht sie. Ein Arzt stochert darin mit einer langen Pinzette herum, nach einer Kugel tastend. Die Zwölfjährige wurde angeschossen. Sie seien von Afgooye nach Mogadischu unterwegs gewesen, erzählt ihre Mutter, die am Bettrand sitzt, als plötzlich bewaffnete Männer auf einem Pick-up Jagd auf sie gemacht hätten. Zehn Menschen seien verletzt worden, vier davon seien gestorben.

Religionsfanatiker auf Menschenjagd.Der Afgooye-Mogadischu-Korridor, wo Saldaos Familie angegriffen wurde, gilt als eine Schlüsselstelle im Konflikt. Der Ort Afgooye ist die Drehscheibe zu den fruchtbaren Regionen des Landes, erst vor Kurzem konnten ihn Streitkräfte der Amisom und der Regierung einnehmen. Drei Tage hätten die Kämpfe mit den Islamisten gedauert, erzählt ein somalischer Soldat im neuen Militärcamp vor der Stadteinfahrt.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht das ehemalige Hauptquartier der al-Shabaab-Milizen. Dort trauerte noch im Mai 2011 ihre Elite um Osama bin Laden, den al-Qaida-Chef, den US-Elitetruppen damals in seinem Versteck in Pakistan erschossen hatten. Noch vor wenigen Monaten verkündete al-Shabaab hier stolz die Zugehörigkeit zum Terrornetzwerk der al-Qaida. Jetzt steht das Gebäude leer. Im Gartenpavillon der Villa haben sich die Älteren der lokalen Clans und Subclans getroffen, um die anstehenden Wahlen zu diskutieren. Sie sind es, die die Parlamentsabgeordneten nominieren, die wiederum das Staatsoberhaupt wählen. Die Zukunft Somalias liegt vor allem in ihren Händen.

Nur wenige Meter entfernt scharrt ein Vogel Strauß im Sand und bemüht sich um die Aufmerksamkeit der Männer – vergebens. „Straußenpolitik“, den Kopf in den Sand stecken, das kann sich Somalia nicht leisten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2012)

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6 Kommentare

naja das ist halt ein paradebeispiel für afrika

ein dummer, unfähiger kontinent, der einfach nur danach bettelt ausgenommen zu werden, was anderes kann man mit dem sauhaufen sowieso nicht anfangen!

somailia und co sind selst schuld an ihrem schicksal, das kommt halt davon wenn man nix anderes im hirn hat als den depperten koran!

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NATO Aufbauhilfe

Und die Hoffnung stirbt zuletzt. Die NATO Länder haben auch hier den Massen Tod und die Vernichtung der Kultur zuverantworten, als man mit Kriminellen das Bare Regime bekämpfte, wo es immerhin Schulen, Krankenhäuser gab und Arbeit. ebenso Wasser und STrom. Wo die NATO auftaucht funktioniert dann immer trotz Milliarden Aufbauhilfe weder Wasser, Strom, noch eine Justiz: Kosovo, Albanien, Irak, Georgien, Afghanistan nur als Beispiel

Antworten Gast: jajaa
18.08.2012 21:00
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Re: NATO Aufbauhilfe

jaja, an allem ist die nato schuld

Antworten Antworten Gast: yoshi1
19.08.2012 01:12
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Re: Re: NATO Aufbauhilfe

Nein. Aber es ist zu hinterfragen ob es den Menschen nach einem NATO-Eingriff besser oder schlechter ging als davor..

Re: Re: Re: NATO Aufbauhilfe

Uns gefällt unser Modell und Diktatoren sind natürlich untragbar, aber irgendwann werden sich die Leute fragen ob es den Irakern unter Saddam Hüseyin, den Ägyptern unter Mubarak und den Libyern unter Gaddafi schlechter ging als jetzt. Ist die Option Islamisierung und die Salafisten auch die Alternative zu Assad in Syrien ?

Antworten Antworten Antworten Gast: ralph giordano bruno
19.08.2012 14:24
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Re: Re: Re: NATO Aufbauhilfe

Bill Clinton war schon dort, um die verteilung humanitärer hilfe zu gewährleisten - weil die warlords diese nach ihren gutdünken einsammelten und verteilten.

dann kam der aufstand (der antiamerikaner). getötete GIs wurden von der johlenden menge durch die straßen von mogadischu gezerrt. Clinton und seine bekämpften GIs sagten daraufhin "bye-bye" zu den barbaren.

auch verfilmt: "black hawk down"... dort hat der westen nichts mehr verloren, weil genug weltfremde NGoler in sicherer entfernung nur darauf warten - wie hier im forum - irgendwo kriegsverbrechen zu finden.