Berlin. Gertrud Höhler kann man schwer entkommen. Wer deutschen Talkshows nicht bewusst aus dem Weg geht, stößt alsbald auf die distinguierte, wortgewaltige Dame mit dem wallenden grauen Haar und dem eleganten Hosenanzug. Sie beriet Helmut Kohl und die Deutsche Bank. Man kennt sie als streitbar, aber charmant. Doch nun hat sie den Charme abgelegt: Nervös und reizbar reagierte sie auf kritische Vorabberichte zu ihrem neuen Buch. Kein Wunder, denn Höhler zieht in die Schlacht ihres Lebens. Sie legt sich mit der „mächtigsten Frau der Welt“ an: Angela Merkel.
Die immens steile, nie ganz offen ausgesprochene These: Das „System M“ führe Deutschland schleichend in eine dritte Diktatur, nach Naziregime und Kommunismus. Dabei ist so manche Kritik an der Kanzlerin gar nicht neu: Sie sei ohne Visionen, passe sich geschmeidig an wandelnde Stimmungen an, sei nur an ihrem Machterhalt interessiert und räume jeden Mann, der ihr gefährlich werden kann, vorsorglich aus dem Weg. Nur steigert Höhler diese Vorwürfe ins Dämonische, zum Damoklesschwert eines „System M“ – eines Politikstils, der die Wertebasis der Gesellschaft unterhöhlt.
Weil Merkel die „Moral in den Wind hängt“ und sich je nach Windrichtung konservativ, sozial oder grün gibt, zerstöre sie den politischen Wettbewerb. In der Energiewende werde mit den AKW auch der wirtschaftliche Wettbewerb ausgeschaltet. Und schließlich die Eurokrise, in der Abgeordnete durch Drohungen zu einem „alternativlosen“ All-Parteien-Konsens gezwungen werden.
Abgebrochene Interviews
Damit fügt sich das Bild: Systeme mit eingeschränktem Wettbewerb und hohen Zustimmungsraten der Mandatare „nennen wir totalitäre Systeme“. Noch sei Deutschland in einem „Übergangssystem“, aber der fatale Weg sei vorgezeichnet.
Um ihre kühnen Argumente zu untermauern, stützt sich Höhler auf O-Töne Merkels, deutet diese aber so negativ wie nur möglich. Auffallend die starken Ost-Ressentiments: Die „Leidenschaftslosigkeit und Wertneutralität“ der Kanzlerin sei „Westbürgern fremd“, doziert Höhler bei der Buchpräsentation. Immerhin lobt sie Präsident Gauck in den Himmel. Nicht jede Ossi-Politkarriere führt also ins kollektive Verderben – zumindest dann nicht, wenn Merkel sie verhindern wollte.
Trägt hier jemand eine persönliche Fehde aus? In dieses Horn stieß der „Spiegel“: Höhler rechne mit Merkel ab, weil diese ihr ein Ministeramt in der CDU vermasselt habe. Das genügte für einen offenen Brief einer PR-Strohfrau des Verlags, in dem der Redakteur als „Halunke“ denunziert wird. Bei einem Interview mit der „Süddeutschen“ drohte Höhler zweimal mit Abbruch, weil ihr die persönlichen Fragen nicht konvenierten. Zu einem Auftritt in der Sendung „Kulturzeit“ auf 3Sat ist es erst gar nicht gekommen: Schon unter der Maske sitzend, ergriff die Autorin zornig die Flucht.
Mag sein, dass es Höhler tatsächlich bitterernst meint mit ihren publizierten Sorgen. Plausible Alternativen für Energiezukunft und Eurokrise hat die Beraterin der Mächtigen auch nicht aufzuwarten. Aber wie man ein Buch so aggressiv wie möglich verkauft, kann jeder bei ihr lernen. Außer Thilo Sarrazin, der weiß das schon.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2012)
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