Kairo/Tripolis. Seine Festnahme in Beduinenkleidern nahe der Grenze zum Niger löste vergangenen November in ganz Libyen Jubel aus. Seitdem sitzt Saif al-Islam im Gebirgsort Zintan in Haft, im Kampf gegen das Gaddafi-Regime eine der frühen Hochburgen der Rebellen. Nun wurde bekannt, dass dem 40-Jährigen in der zweiten Septemberwoche in Libyen der Prozess gemacht werden soll, ein ähnlich brisantes Justizspektakel wie im Nachbarland Ägypten das Strafverfahren gegen Expräsident Hosni Mubarak. Mord, Vergewaltigung und Korruption wirft die Anklage dem zweitältesten Gaddafi-Sohn vor, der sich in den Jahren vor dem Aufstand in Libyen stets als weltläufiger Reformer, Fürsprecher für die Anliegen der Jugend und möglicher Nachfolger des Diktators gegeben hatte.
Anfang der Woche lehnte die libysche Übergangsregierung auf Druck der mächtigen Milizenchefs in den Nafusabergen endgültig eine Auslieferung Saif al-Islams an den Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) in Den Haag ab. Dort liegt gegen den Gaddafi-Sohn ein internationaler Haftbefehl wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor.
„Kampf bis zur letzten Patrone“
Unvergessen ist bis heute der Fernsehauftritt des Angeklagten zu Beginn des Aufstandes Ende Februar 2011. Er stehe als „Führer der Schlacht um Tripolis“ hinter seinem Vater, tönte der Gaddafi-Sprössling, dessen Name übersetzt „Schwert des Islam“ heißt. Man werde bis zur letzten Patrone kämpfen. Die damals noch friedlichen Demonstranten warnte er vor einem Blutbad, die Regimegegner diffamierte er als betrunkene und bekiffte Islamisten. Neun Monate Bürgerkrieg folgten, der mehr als 20.000 Menschen das Leben kostete. Saifs Vater, Diktator Muammar al-Gaddafi, wurde von den Rebellen am Ende gelyncht.
Geboren wurde Saif al-Islam am 25.Juni 1972 in Tripolis. Er studierte Architektur an der Universität von al-Fatih und anschließend Wirtschaftswissenschaften an der privaten Universität Imadec in Wien. In dieser Zeit freundete er sich mit dem 2008 tödlich verunglückten Jörg Haider an. Später promovierte er an der „London School of Economics“ über die Kriterien für gute Regierungsarbeit, eine Studie, bei der Ghostwriter offenbar kräftig mithalfen. Bis zu seiner Flucht aus Tripolis im August 2011 residierte der stets modisch gekleidete Hobbymaler in einem großen Anwesen am Rande der Hauptstadt. Seine Ausstellung „Die Wüste schweigt nicht“ mit rund 30 Ölbildern war in Wien, Paris, Berlin und Madrid zu sehen. Wie WikiLeaks enthüllte, lenkte er einen Teil der Milliarden-Erlöse der „National Oil Company“ in die eigene Tasche. Im Kampf gegen die Aufständischen agierte er bis zuletzt als Einpeitscher und Mitorganisator beim Einsatz der Elitetruppen des Regimes.
Und so haben viele tausend Familien noch Rechnungen offen mit Saif al-Islam, dessen Anwälte befürchten, ihr Mandant werde keinen fairen Prozess bekommen. „Human Rights Watch“ kritisierte die Haftbedingungen. Im Juni wurden bei einem Besuch sogar vier Mitarbeiter des ICC für einen Monat festgehalten. Weiterhin ist ungeklärt, wo und in welchem Rahmen das Gericht im September tagen soll – unter Aufsicht der Übergangsregierung in Tripolis oder unter der Regie der Milizen in Zintan. Mehrmals und vergeblich hatte Saif al-Islam ein Verfahren vor dem ICC in den Niederlanden gefordert. Dort droht ihm höchstens lebenslänglich, in seiner Heimat die Todesstrafe.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2012)

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