Als Mitt Romney vor zwei Wochen Paul Ryan vor der stahlgrauen Kulisse des Kriegsschiffes USS Wisconsin in Norfolk als seinen Vizepräsidentschaftskandidaten vorstellte, war es so, als würde er seine Arme um seinen Sohn schließen – so, als hätte der Familienmensch soeben ein sechstes Kind adoptiert. Zumindest in Alter und Aussehen fügt sich der 42-jährige Katholik mit dem schwarzen Haarschopf, Vater dreier Kinder, perfekt in die Bilderbuchwelt des Mormonenclans – er ist im gleichen Alter wie Tagg, der Älteste der fünf Romney-Söhne. Auf seinen Wahlkampftouren, heißt es, mag der Präsidentschaftskandidat seinen Vize gar nicht mehr missen. Ryans Elan beflügelt den 65-Jährigen im rastlosen Galopp durch die „Swing States“ – von Wisconsin bis Florida, von Nevada bis New Hampshire.
In der Öffentlichkeit hinterlässt der Herausforderer Barack Obamas mit seinen Trippelschritten und den platten Witzen oft einen hölzernen, unbeholfenen Eindruck. Manche spotten über den „Romney-Roboter“, den Zauderer und Zahlenmenschen. In der Geborgenheit der Familie, im intimen Kreis von Freunden und langjährigen Geschäftspartnern freilich blüht der Ex-Manager und Ex-Gouverneur auf. Sobald seine Frau Ann in seiner Nähe auftaucht, gehe ihm das Herz auf, berichtete der Polit-Guru David Gergen nach einer „Audienz“ im innersten Romney-Zirkel. Tagg, inoffiziell Sprecher des Clans, bezeichnet seine Mutter als „Mitt-Stabilisator“. Sie erdet ihn.
Die warmherzige Ann Romney gilt als die engste Beraterin ihres Mannes, sie verleiht ihm den „Human Touch“, der ihm selbst abgeht. Und zuweilen färbt ihre unverkrampfte Lockerheit sogar auf ihn ab. Seit Highschool-Zeiten präsentieren sie sich als Herz und Seele, noch heute gern Händchen haltend. Als er nach einer langen zwangsweisen Trennung, der obligaten zweijährigen Mormonenmission, aus Frankreich zurückkehrte, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als ihr noch auf der Heimfahrt vom Flughafen einen Heiratsantrag zu machen. Nach Art vieler Mormonenfrauen steckte Ann zurück und blieb bei den Kindern zu Hause, während Mitt Karriere machte.
Nach hartem Senatswahlkampf in Massachusetts und einer respektablen Niederlage Romneys gegen Ted Kennedy, das demokratische „Schlachtross“, schwor sich Ann 1994: „Nie wieder“ – nur um ihren Mann mehr als zwei Jahrzehnte später nach seinem Ausscheiden bei den republikanischen Primaries 2007 zu einem neuerlichen Antreten zu motivieren. Zwischendurch erkrankte sie an an einer milden Form von multipler Sklerose, Mitt setzte alle Hebel in Bewegung, sie zu kurieren.
Politlektion. Den Stallgeruch der Politik und den Duft des Business schnupperte Mitt Romney von klein auf aus nächster Nähe. Sein Vater George, der als Chef des Autokonzerns AMC, ein Sparauto – den „Rambler“ – mitentwickelte, avancierte in den frühen 1960er-Jahren zum Gouverneur von Michigan. Der „Benjamin“ unter den vier Romney-Kindern begleitete den über die Maßen verehrten Vater nur zu gern ins Büro. In Zeiten gesellschaftlicher Umwälzungen personifizierte der charismatische George Romney den Typus des moderaten Republikaners: fiskal-konservativ und sozial-liberal.
Als Präsidentschaftskandidat Barry Goldwater beim Parteitag 1964 gegen die Bürgerrechtsbewegung vom Leder zog, verließ Romney aus Protest den Konvent. Vier Jahre später bewarb er sich gegen Richard Nixon selbst um die Präsidentschaft, seine unverblümte Offenheit wurde ihm indes zum Verhängnis. Bei einem Besuch an der Kriegsfront in Vietnam sei er von den US-Generälen einer „Gehirnwäsche“ unterzogen worden, erklärte er sehr zum Ärger seiner Parteifreunde. Kurz darauf quittierte er den Wahlkampf. Seine Aufrichtigkeit hatte seine Chancen vereitelt. Sein Sohn, behaupten Insider, habe daraus die Lektion gezogen. Beim erfolglosen Senatswahlkampf seiner Mutter Lenore 1970 in Michigan hat Mitt dann selbst mitgewirkt.
Vom Temperament her habe ihn seine Mutter, eine Ex-Schauspielerin, geprägt, schildern die „Boston Globe“-Journalisten Michael Kranish und Scott Helman in der Biografie „The Real Romney“. Ausgleichend, nüchtern, vernünftig, vorsichtig bildete sie den Gegenpol zu ihrem Mann. Fast täglich lagen sich die Eltern in den Haaren, was den jungen Mitt abgeschreckt haben mag. Die „Bickersons“, die „Streithähne“, nannte Enkel Tagg die Großeltern. Ein Ritual, die tägliche Blume, schaffte den Streit wieder aus der Welt.
Mitt Romney wuchs in einem behüteten Elternhaus auf, in einem konservativen Milieu, vertraut mit den meist republikanischen Geschäftspartnern des Vaters und umgeben von Freunden der kleinen Mormonengemeinde, der sein Vater als Präsident vorstand. Der Sohn hielt es später genauso. Beim Studium in Harvard zu Beginn der 1970er-Jahre, der Spätphase der Hippie-Ära, pflegte das junge Ehepaar bei Heim- und Bibelabenden Freundschaften vornehmlich mit gleichgearteten jungen Momonenpaaren, im Bostoner Vorort Belmont wählte ihn der Mormonenbezirk zu seinem Bischof, einem Ehrenamt.
Vater George brachte Mitt in Verbindung mit der Marriott-Hoteldynastie, einer einflussreichen Mormonenfamilie. Das Feriendomizil in Wolfeboro am Lake Winnipesaukee in New Hampshire, in dem er seine Großfamilie mit inzwischen 18 Enkeln traditionell zum Unabhängigkeitstag um sich schart, kaufte er den Marriotts ab. „Die Familientreffen sind ihm heilig“, sagt Tagg. Im Gegenzug zog der Jungmanager Mitt Romney später in den Aufsichtsrat der Hotelkette ein. Mittlerweile hat sich am Lake Winnipesaukee eine Mormonenkolonie etabliert. 1999, als die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City im Mormonenstaat Utah in einer Korruptionsaffäre zu versinken drohten, ereilte Mitt Romney der Ruf als Krisenmanager. Da hatte er sich als Chef der Bostoner Investmentfirma Bain Capital bereits eine Reputation in der Geschäftswelt erworben.
Außenseiter. In der republikanischen Partei ist Romney nicht verankert, zumal seine offizielle Politkarriere nur vier Jahre währte. Er verfügt über keine Hausmacht in Washington, als Konservativer im linksliberalen Klima des Neuenglandstaats Massachusetts ist er per se ein Außenseiter. Umso mehr stützt er sich auf sein engmaschiges Netzwerk aus Familie, Geschäftsfreunden und Mitarbeitern aus seiner Gouverneurszeit in Boston. Bob White, der Gründer von Bain Capital, zählt zu seinen Vertrauten. Mike Leavitt, der Ex-Gouverneur von Utah, ist als künftiger Stabschef im Gespräch. Die Zeit, da die Romney-Boys mit ihrem Vater geschlossen auf Wahlkampftour gingen wie 2007/2008 sind zwar vorbei. Doch beim Parteitag in Tampa (Florida), der am Montag beginnt, wird sich die Großfamilie um ihn gruppieren.
Die Mutter. Lenore LaFount verfolgte nach dem Studium eine Karriere als Schauspielerin, zuerst in New York und dann in Hollywood, wo sie in Filmen an der Seite von Stars wie Greta Garbo und Jean Harlow auftrat. Obwohl ihr MGM einen Kontrakt anbot, willigte sie in die Heirat mit George Romney ein, ihrem eifersüchtigen Highschool-Sweetheart. 1970 bewarb sich die Mutter von vier Kindern vergeblich für einen Senatssitz.
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